Artikel aus dem Hope Magazin

28.07.2020

Die Freiheit gönn ich (mir) dir

Über Freiheitsliebe

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Ich bin ein absolut freiheitsliebender Mensch. Bereits als Kind habe ich mich dagegen gewehrt, vorgeschriebene Regeln und Verbote einzuhalten. Mit der neuen Hose nicht draußen spielen? Ach was, ich pass schon auf. Der obligatorische Mittagsschlaf im Kindergarten? Völlig unnötig! Wenn ich etwas tun sollte, dann wollte ich es erst recht nicht tun, selbst wenn ich es ursprünglich sowieso vorhatte. Als kluge Eltern macht man sich diese Eigenschaften natürlich zunutze und arbeitet mit umgekehrter Psychologie, aber kluge Kinder merken das dann auch wieder – ein ewiger Kreislauf.Aber wie ist es mit der Freiheit als Erwachsene? Als ich das Phänomen der Reaktanz kennengelernt habe, wurde mir einiges klar: Die Theorie besagt, dass der Mensch eine Abwehrreaktion entwickelt, wenn er innere oder äußere Einschränkungen erlebt. Im Konsumverhalten zeigt sich das beispielsweise dadurch, dass dann besonders die Alternative interessant und attraktiv wird, die gerade nicht verfügbar ist. Da schnappt sich einer die letzte Biogurke aus der Kiste – Frechheit! Ich kauf zwar sonst immer die anderen, aber jetzt hab ich mir grad überlegt, doch mal zu testen, ob die Biovariante nicht doch besser ist.

Wenn sich Menschen also in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen, wollen sie die nicht verfügbare Option erst recht; selbst wenn sie die ganze Zeit über dagewesen und von mir bislang einfach ignoriert worden ist. Der plötzlich besonders starke Drang, in der Corona-Zeit in ein Café zu gehen oder ein Theater zu besuchen, könnte damit auch zusammenhängen.

Seitdem ich mich von dem Phänomen der Reaktanz ertappt gefühlt habe, merke ich, dass ich Freiheit ganz neu betrachte. Lehne ich Dinge ab, weil sie mir vorgeschrieben werden, oder gibt es echte und gute Gründe für meine Ablehnung? Kann ich sie kommunizieren und begründen? 

Ein zweiter Aspekt, der mir auch in der Corona-Zeit deutlich geworden ist: Kann ich auf einen Teil meiner Freiheit verzichten, damit es anderen besser geht? Muss ich jedes Jahr in den Urlaub fliegen, oder habe ich die innere Freiheit, selbst gewählt darauf zu verzichten und trotzdem zufrieden zu sein? Das wäre dann ganz im Sinne Abraham Lincolns, der sagte: Wer anderen die Freiheit verweigert, verdient sie nicht für sich selbst.

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Autor: Jessica Schultka

Leiterin des Advent-Verlag

Artikel-Bildnachweis: Albert Gruber