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28.07.2020

Allergie

Eine Epidemie in der westlichen Welt?

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Eine Allergie ist eine komplexe Überreaktion des Immunsystems auf eine normalerweise harmlose Substanz wie zum Beispiel jegliche Art von Pollen, Tierhaaren und -schuppen, Schimmelpilzsporen usw. Die Hauptaufgabe des Immunsystems besteht darin, den Körper vor Giften und krankmachenden Keimen zu schützen. Bei Kontakt mit solchen Bakterien oder Viren (Antigene) bildet der Körper Antikörper (Immunglobuline), die bei neuerlichem Kontakt mit dem nun bekannten Antigen sofort in großer Zahl produziert werden, um den Keim sofort unschädlich zu machen. Das ist der Grund, warum wir an Windpocken (Feuchtblattern / Schafblattern (Varicellen)) in der Regel nur einmal im Leben erkranken.

Im Fall einer Allergie ist das Immunsystem »verwirrt«. Der Körper startet beim Kontakt mit Substanzen, die uns eigentlich nicht schaden (z. B. Blütenpollen) eine intensive Abwehrreaktion mit Immunglobulinen. Dieser Fehlalarm kann nun im harmlosesten Fall Heuschnupfen (allergische Rhinitis), im schlimmsten Fall einen schweren, lebensbedrohlichen Asthmaanfall auslösen.

Eine Allergie ist also eine komplexe Überreaktion des Immunsystems auf eine normalerweise harmlose Substanz. 

 

Was sind die Ursachen für diese Fehlregulation?

Was letztendlich diese Fehlreaktionen des Immunsystems verursacht, ist nach wie vor unklar. Sicher ist, dass eine Allergie nicht nur eine Ursache hat, sondern immer mehrere Faktoren in einem komplexen Geschehen zusammentreffen, nämlich Gene, veränderte Lebensbedingungen und psychische Belastungen.

  • Die Gene: Die Wahrscheinlichkeit, eine Allergie zu entwickeln, wird auch, aber nicht ausschließlich von unserem Erbgut bestimmt.
  • Die Lebensbedingungen: Hohe Umweltverschmutzung kann eine mögliche Ursache für ein gehäuftes Auftreten von Allergien sein, ebenso eine höhere Konzentration von Tabakrauch in der Umgebungsluft. So tragen Säuglinge und Kleinkinder von rauchenden Eltern ein höheres Allergie-Risiko.
  • Die Psyche: Seelischer Stress kann allergische Krankheitsbilder erheblich verstärken.

Nehmen die Allergien in den westlichen Ländern zu? Bei 30 – 40 % der Bevölkerung der westlichen Länder kann Immunglobulin E (IgE) gegen bestimmte Allergene im Blut nachgewiesen werden (sie sind sensibilisiert), aber nicht alle erkranken an einer Allergie.

Nur bei 10 – 20 % zeigt sich allergischer Schnupfen (Rhinitis), bei 5 – 10 % Asthma bronchiale und bei nur 1 – 3 % der Bevölkerung eine Nahrungsmittelallergie. In großen Bevölkerungsstudien konnte nachgewiesen werden, dass die Häufigkeit der verschiedenen allergischen Symptome außerdem altersabhängig ist. So zeigen sich Nahrungsmittelallergien am häufigsten in der frühen Kindheit und nehmen dann ab. 

Sehen wir uns nur die Pollenallergene näher an, dann zeigen sich große jährliche Schwankungen, was die Anzahl und Aggressivität der einzelnen Pollenarten betrifft. Diese Schwankungen ergeben sich einerseits durch die Wetterverhältnisse – bei Regen sind die meisten Pollen auf dem Boden – andererseits wird durch vermehrte Luftverschmutzung, erhöhte Ozonwerte oder starke Gewitterentladungen die Aggressivität der Pollen verändert. In manchen Jahren hat man somit das Gefühl, alle laufen mit roten Augen und laufenden Nasen herum – und schlussfolgern daraus, dass »die Allergien zunehmen!« Im Jahr darauf sind die Bedingungen für die Pollen komplett anders. Die Folge ist: Viel weniger Menschen leiden an allergischen Symptomen.

 

Wieso haben Pollenallergiker manchmal Nahrungsmittelallergien?

Die eigentlichen Allergene sind nicht die Pollen selbst, sondern die darin enthaltenen Eiweißstoffe, die Proteine. So enthalten Birkenpollen zum Teil ähnliche Eiweißstoffe, die sich auch in Nahrungsmitteln finden. Diese Proteine sind der Grund dafür, dass ein Birkenpollenallergiker eventuell auch Beschwerden beim Verzehr von Nüssen und Äpfeln bekommt (z. B. geschwollene Lippen, Gaumenjucken). Es handelt sich also nicht um zusätzliche Allergien, sondern um Kreuzreaktionen, die dadurch entstehen, dass Pollen verschiedener Pflanzen und bestimmter Lebensmittel ähnliche Proteine enthalten.

 

Was ist zu tun, wenn der Verdacht auf eine Allergie besteht?

Um herauszufinden, ob die Beschwerden durch Allergene hervorgerufen werden, sollte man einen Facharzt aufsuchen. Dieser wird Sie intensiv nach Ihrer Krankengeschichte befragen, ob in Ihrer Familie vermehrt Allergien bestehen, wann und wo die Beschwerden auftreten. Eventuell müssen Sie auch einen Fragebogen zur Krankengeschichte ausfüllen. Danach müssen einige Tests durchgeführt werden, um krankmachende Allergene nachzuweisen.

  1. Hauttest (Haut-Prick-Test): Beim gebräuchlichsten Hauttest wird eine geringe Menge der verschiedenen Allergene auf die Haut der Unterarmseiten getropft und durch kleine Stiche mit einer speziellen Nadel in die Haut gebracht (Prick). Wenn gegen das verwendete Allergen eine Allergie besteht, erscheint nach kurzer Zeit an der Teststelle eine sogenannte Quaddel, die von einer Rötung umgeben und meist mit Juckreiz verbunden ist.
  2. Bluttest: Im Blut des Patienten werden mit Hilfe spezieller Tests spezifische Antikörper (Immunglobulin E) gegen die verschiedenen Allergene gesucht.
  3. Provokationstests: Bei dieser Methode wird eine kleine Menge des verdächtigen Allergens unmittelbar an die Stelle gebracht, wo sich die Krankheit zeigt. Bei Patienten mit einem Fließschnupfen wird es auf die Nasenschleimhaut geträufelt oder gesprüht. Wenn danach die erwartete Reaktion eintritt, kann der Arzt sicher sein, dass er das krankmachende Allergen gefunden hat.

Behandlungsmöglichkeiten:

  1. Die medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten sind rein symptomatisch, sie lindern meist schnell und wirksam die Beschwerden. Die Überempfindlichkeit des Immunsystems bleibt dadurch aber unbeeinflusst. Nach Absetzen der Medikamente treten die Beschwerden mit großer Wahrscheinlichkeit erneut auf.
  2. Mit der spezifischen Immuntherapie (Hypo-Sensibilisierung) kann ich Einfluss auf die Überempfindlichkeit des Immunsystems nehmen. Sie ist somit eine kausale (Ursachen bekämpfende) Therapie. Über einen Zeitraum von 3–5 Jahren werden in regelmäßigen Abständen die krankmachenden Allergene in steigender Dosierung verabreicht. Dadurch wird dem Körper die Gelegenheit gegeben, das Allergen als für ihn ungefährlich einzustufen. Diese Form der Therapie kann heute in Form einer Tablette (noch nicht für alle Allergene) oder Tropfen unter die Zunge oder als Injektion unter die Haut (subcutan) angeboten werden. 

"Allergien sind möglicherweise Luxuskrankheiten der zivilisierten Welt" (Dr. E. Christophers, geb. 1936). Dies ist eine Aussage, die nach heutigem Wissen so nicht stimmt. Die scheinbar simple Frage: "Nehmen die Allergien zu?" ist nur mit dem Wissen von vielen wichtigen Zusatzinformationen zu beantworten. In großen, die Kontinente übergreifenden Feldstudien konnte bisher keine Zunahme der Allergien nachgewiesen werden.

Autor: Dr. med. Monika Wild

Fachärztin für Lungenkrankheiten Wien, Österreich

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