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27.02.2021

Alter Hut oder frischer Wind?

Prioritäten im Wandel

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Frau Elisabeth K. ist von ihrem Partner schwer enttäuscht. Der letzte Streit war heftig, es hat ungerechte Vorwürfe gegeben und sie fühlt sich nun verletzt und gekränkt. Kein Problem, sie hat ja kürzlich einen interessanten Artikel in einem Modemagazain gelesen. Darin ging es um Rache, genauer gesagt um die Frage: Wie räche ich mich an meinem Mann/meiner Frau möglichst effektiv? Kreative Ideen wurden ausgetauscht, etwa Vogelfutter auf das Auto des Partners zu streuen oder der Freundin Selbstbräuner in die Gesichtscreme zu mischen. Elisabeth K. ist sich sicher, dass ihr eine gute Möglichkeit einfällt, es ihrem Mann heimzuzahlen. 

Das ICH-Prinzip

Gute Möglichkeit? Natürlich, denn es geht darum, sich nichts gefallen zu lassen. Das Ich hat oberste Priorität. Wichtig ist, was mir gefällt, was meinem Wohlgefühl dient und wie ich am besten weiterkomme. Elisabeth K. ist kein Einzelfall, sondern ein Beispiel für das Credo unserer Gesellschaft. Doch dies soll kein Vorwurf sein: Warum sollte ich meine Fähigkeiten nicht für mich nutzen? Warum sollte ich mich ständig unterkriegen lassen? Oder noch größer gefragt: Warum sollte ich nicht glücklich werden? Um diesen Punkt dreht sich heute alles – um das persönliche Glück. Das hat Priorität Nummer 1. Ein anderes Beispiel: Früher wurde ein Waschmittel damit beworben, dass damit die Wäsche noch sauberer, heller und duftender wird. Nun verspricht das Waschmittel nicht mehr nur Sauberkeit, sondern es macht glücklich! Tees machen glücklich, Suppen, Shoppen, Unterhaltung, Karriere … So suggeriert es uns die Werbung. Es gibt ja tatsächlich viele Möglichkeiten, »Glück« zu definieren. Was macht uns glücklich? Viel Geld in der Tasche bzw. auf dem Konto? Die aktuelle Mode, das neueste Smartphone? Sportliche Leistungen? Eine schöne Frau zu haben/einen attraktiven Mann? Glückliche Kinder? 

»Richtig« oder »falsch«?

Stichwort »Kinder«: Beruflicher Erfolg wird meist hart erkämpft. Frauen und Männer wollen sich in der Arbeit verwirklichen. Da hat die Familie manchmal das Nachsehen … Eine Juristin berichtete in einem Interview von ihrer Art, den Tag zu gestalten: In der Früh werden die Kinder zur Schule gebracht, wo sie den ganzen Tag verbringen. Der Hund kommt zum Hundesitter, der Mann verlässt sowieso das Haus, um seiner Arbeit nachzugehen. Alle sind versorgt und der Karriere steht nichts mehr im Weg. Noch einmal: Niemand soll für seinen Lebensstil verurteilt werden. Es gibt in unserer Zeit kein objektives Richtig oder Falsch mehr. Das sind Maßstäbe von gestern, ein alter Hut sozusagen. Richtig ist heute, was mir guttut. Falsch, was mir im Weg steht. Nun weht frischer Wind, auch im Zusammenleben. So erklären Meinungsmacher und Soziologen, dass die Ehe mittlerweile sowieso ein vergangener Trend sei. Heute gibt es andere Formen des Miteinanders. Wir müssen eben unsere Prioritäten an die Zeit anpassen, an die Trends. All den genannten Beispielen ist eines gemeinsam – die Bedeutung unserer menschlichen Bedürfnisse. 

Was brauchen wir?

Wir wünschen uns Anerkennung, Wertschätzung, Liebe, Harmonie, Frieden, Erfolg … Die Liste lässt sich beliebig erweitern. Meistens wissen wir, was wir brauchen – oder meinen, es zu wissen. Die Frage ist eher: Wie stillen wir diese unsere Bedürfnisse? Auch unsere Eltern und Großeltern hatten Sehnsucht nach einem erfüllten Leben. Sie erhofften es sich in der Familie, im täglichen Auskommen, in der Religion … Heute wählen wir andere Wege, um zu »Unserem« zu kommen. Die Bedürfnisse sind gleichgeblieben, doch die Prioritäten haben sich verschoben. Das bringt auch den Begriff der Werte ins Spiel. Was ist uns wichtig? Dass es den anderen gut geht? Dass es uns gut geht? Welche Werte lenken und bestimmen unser Leben? Haben wir noch eigene Werte oder folgen wir den Trends, übernehmen kritiklos, was unsere Gesellschaft vorgibt? Was zählt in unserem Leben? Denn wo unsere Werte sind, dort liegen auch unsere Prioritäten. Ein Beispiel: Nachbarschaftshilfe ist mir ein Wert. Daraus folgt, dass ich meine eigenen Bedürfnisse für eine Zeit hintanstelle und stattdessen etwas Konkretes für meinen kranken Nachbarn tue, ihm eine Suppe koche, den Einkauf erledige, vielleicht sogar seine Wohnung aufräume. Das hat nun für mich Priorität! 

Loslassen macht frei

Nach Werten leben und dementsprechend Prioritäten setzen, können nur Menschen, die loslassen. Die Gier nach dem Eigenen, den Egoismus, das Wohlgefühl, die Bequemlichkeit und was auch immer gerade in unserem Leben aktuell ist. Wir verlassen unsere Komfortzone und schauen über den Tellerrand unserer Bedürfnisse hinaus. Priorität hat – um bei unserem Beispiel zu bleiben – nun der kranke Nachbar, weil es mir ein Wert ist, ihm zu helfen. Viele Menschen kennen aber ihre eigenen Werte nicht mehr oder haben sich nie die Zeit genommen, darüber nachzudenken. So kommt es, dass wir ungefragt unsere Werteliste von anderen bestimmen lassen, von dem, was gerade »in« ist. Psychologen sagen, dass jeder Mensch an die fünf Werte hat, die sein Leben bestimmen. Es ist wichtig, sich darüber bewusst Gedanken zu machen. Wie funktioniert das konkret? Wir erkennen und definieren unsere Werte, indem wir uns fragen: Was ist mir im Leben wichtig? Woran will ich mich orientieren? Nun haben wir unsere Werte gefunden. Und diese führen uns durch den Alltag, sind für Entscheidungen maßgeblich und für unsere Reihung der Prioritäten. Doch halt, stopp: So glatt und selbstverständlich läuft das nicht in unserem Leben. Schön, wenn wir unsere Werte kennen und ihnen die Prioritäten in unserem Leben einräumen. 

Wichtig oder dringend?

In der Realität drängt sich aber oft anderes dazwischen: das Dringende. Diese Arbeit muss noch erledigt werden, diese Aufgabe gemacht, diese Herausforderung gemeistert – dann, ja dann erst kann ich mich mit dem Wichtigen beschäftigen. So läuft es im Alltag ab, so hetzen wir von einer Beschäftigung zur nächsten. Ein Hamsterrad, aus dem es kein Aussteigen gibt? Doch! Wenn wir Ruhe bewahren, tief durchatmen und bei uns selbst bleiben. In dem Sinne, dass wir uns nicht überrumpeln und mitreißen lassen. Das braucht Zeit, das braucht Besinnung. Es ist sinnvoll, sich immer wieder an die eigenen Werte zu erinnern und danach die Prioritäten zu setzen. Mit anderen Worten: Den »roten Faden« durchs Leben zu erkennen und zu behalten. Roy E. Disney (der Neffe von Walt Disney) hat einmal gesagt: »Es ist nicht schwer Entscheidungen zu treffen, wenn du erst weißt, welche deine Werte sind.« Anders ausgedrückt: Unsere Werte bestimmen unsere Prioritäten. Und wenn wir diese bewusst setzen, dann finden wir auch zu einem glücklichen, harmonischen und erfüllenden Lebensstil. Dann sind wir nicht mehr von Trends und Meinungen getrieben, sondern gestalten unser Leben selbst!

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Autor: Claudia Flieder

verbringt am liebsten Zeit mit ihrer Familie, liest gerne in der Bibel und genießt die Natur mit ihrer Hündin Minni.

Artikel-Bildnachweis: skynesher – gettyimages.de