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28.01.2020

Der Glaube gab mir Zuversicht

Interview mit Sylvia Renz, deren Tochter an Krebs starb

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Sylvia Renz, verheiratet mit Werner Renz, Mutter von zwei Töchtern und einem Sohn, ist eine christliche Autorin. Außerdem ist sie seit vielen Jahren in der Gemeindearbeit und Jugendseelsorge tätig und arbeitete bis zur Rente für das Hope Bibelstudien-Institut.

 

Sylvia, im Hope TV hast du eine Sendereihe mit dem Titel »Tränen. Stationen meines Trauerwegs.« Der Hintergrund dieser Sendereihe ist ja sehr persönlich und schmerzvoll, denn ihr habt eure Tochter verloren. Hast du dich schon vor eurem Schicksalsschlag mit dem Thema Tod auseinandergesetzt? Kann man sich überhaupt auf so etwas vorbereiten? 

Ja, ich habe schon vor der Krebserkrankung unserer Tochter oft über das Thema Tod nachgedacht. Ich habe viele Erfahrungsberichte von anderen gelesen. Auch in seelsorgerlichen Gesprächen wurde ich häufig mit tiefer Trauer konfrontiert. Ich denke schon, dass man sich gedanklich auf Verluste vorbereiten kann. Zumindest sollte sich jeder bewusst machen, dass man auch einen geliebten Menschen verlieren kann und wie wir dann mit einer solchen schmerzlichen Lücke weiterleben können, ganz praktisch aber auch gedanklich. 

 

Was hat dir in dieser schwierigen Trauerphase geholfen? 

Mir half die Gewissheit, dass ich meine geliebte Tochter eines Tages wiedersehen werde. Dann tröstete mich der Gedanke, dass ihre entsetzlichen Schmerzen und Ängste nun ein Ende hatten. Sie »schläft«, doch Jesus wird ihr eines Tages einen neuen Körper geben, der nicht mehr vom Krebs zerfressen ist. Außerdem war mir klar, dass ich nicht die einzige Mutter bin, die ihr Kind verliert. Trauer, Tod und Verlust sind allgegenwärtig. Der Glaube an einen fürsorgenden Gott gab mir eine Portion Geduld und Zuversicht.

 

In einer deiner Sendungen erzählst du von einem Traum, der mich tief beeindruckte.

In meinem Traum war Berit noch am Leben. Sie hatte mich aus der Klinik angerufen und um eine warme Decke gebeten, ihr sei so kalt. Ich suchte ihr eine besonders kuschelige Daunendecke heraus und wollte grad ins Auto steigen, als das Telefon klingelte. Ein langes Gespräch ... Dann läutete es an der Tür … ein Besucher, der einfach nicht gehen wollte. Es wurde Abend, bis ich loskam. Der Eingang der Klinik war verschlossen, alles war dunkel und verrammelt. Ich umrundete das Haus und fand hinten eine kleine Pforte, die sich öffnen ließ. Als ich drin war, fiel mir auf, dass sämtliche Türen nur von außen zu öffnen waren, nicht von innen. Sie hatten keine Klinken. Auf den Gängen der Klinik brannte das Nachtlicht, ich irrte eine Weile durch das Gebäude, bis ich schließlich die richtige Station fand. Doch die Nachtschwester ließ mich nicht in das Zimmer meiner Tochter. Sie sagte: »Bitte stören Sie Berit nicht. Sie schläft schon. Sie können jetzt nicht mehr zu ihr.« Diese Bemerkung traf mich so tief, dass ich in Tränen ausbrach. Zu spät! Ich hatte mich von den Bedürfnissen der "Übernächsten" binden lassen und konnte meiner geliebten Tochter an diesem Tag nichts mehr Gutes tun.

An diesem Tag??? Plötzlich wurde mir klar: Nie mehr!!! Sie ist tot!!! Die Endgültigkeit wurde mir so richtig bewusst und dass jetzt das Leben zählt. Ich weinte lange, doch diese Tränen waren heilsam. Sie wuschen den Grauschleier weg, der sich über die Farben der Welt gelegt hatten. Sie spülten auch die »Ohrstöpsel« fort, so dass ich jetzt das Lied der Amsel wieder ungedämpft hören kann. Ich spürte den Schmerz über ihren Verlust wieder scharf und spitz, doch ich fing an, mich wieder so richtig zu freuen, zu freuen über den Frühling, über die blühenden Bäume, zu freuen über die liebevolle Zuwendung von Freunden und Arbeitskollegen. 

Weinen ist so wichtig! Auch die Nähe von Menschen, die mir gut sind, tröstet sehr. Wenn sie bereit zum Zuhören sind, wird die Last der Trauer ein bisschen leichter, der Schmerz etwas »stumpfer« und »flacher«. 

 

Wenn man kaum oder vielleicht keinen Rückhalt durch Familie oder Freunde bekommt, wie kann man mit solchen Verlusten fertig werden?

Die Familienangehörigen sind oft auch vom gleichen Verlust betroffen, sie können uns nicht wirklich trösten. Ich kann nur jedem Trauernden empfehlen, sich bei Seelsorgern auszusprechen. Sonst könnte auch der Hausarzt einige Sitzungen beim Trauer-Therapeuten verschreiben. Ein Trauercafé oder eine Selbsthilfegruppe hilft, weil man dort merkt, dass man verstanden wird und mit seinem Kummer nicht alleine ist. 

 

Welche Rolle spielt in der Trauer der Glaube? Manche finden ja dadurch ihren Weg zu Gott, während andere aber durch das persönliche Leid an keinen Gott mehr glauben können. Warum ist das so? Wie ging es dir damit?

Manche Menschen zweifeln plötzlich an Gott, weil sie insgeheim dachten, ihr Glaube an einen liebevollen Vater im Himmel könnte ihnen diesen Schmerz ersparen. Das ist eine Illusion. Auch gläubige Menschen leiden und sterben schließlich. Weil mir das völlig klar war, fühlte ich mich durch die Krebserkrankung unserer Tochter nicht ganz so tief niedergeschmettert. Auch Berit fragte nie: »Warum ich?«, sie fragte: »Warum nicht ich, wenn es doch so viele andere trifft?« Sie hatte natürlich auch ihre emotionalen Tiefen, genau wie wir alle, aber wir fühlten uns immer wieder aufgefangen und »festgehalten«. Was auch immer uns passiert, es wird vorher von Gott »kontrolliert«. Er hat versprochen, uns niemals zu überfordern. Die Kraft, die wir zum Tragen der Last brauchen, die bekommen wir von ihm. 

 

Kannst du in ein, zwei Sätzen zusammenfassen, was deine Erfahrung, durch dieses Trauertal gegangen zu sein, heute für dich bedeutet?

Heute vertraue ich Gott, meinem Schöpfer noch tiefer als vorher, weil ich gespürt habe, wie er mich stützt und trägt. Das hat mich verändert. Außerdem habe ich heute mehr Verständnis für Trauernde. Ich fand auch viel Trost bei Menschen in meiner Kirchengemeinde. Texte aus der Bibel wurden mir immer wieder zu »Botschaften« von Gott, von denen ich mich ganz persönlich angesprochen fühlte. Gott leidet mit und zählt unsere Tränen. 

 

Vielen Dank, Sylvia für das Gespräch. Ich wünsche dir in deiner Aufgabe, anderen Menschen auch in ihrer Trauer zur Seite zu stehen, viel Weisheit und Segen.

 

 

Autor: Sylvia Renz/Pierre Intering