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30.05.2024

Der richtige Umgang mit Gefühlen

– eine wesentliche Voraussetzung für ein gelungenes Leben

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Unsere psychische Befindlichkeit entscheidet maßgeblich über unsere Lebensqualität, sie bedingt unsere Leistungsfähigkeit, sie ermöglicht eine gelungene soziale Teilhabe und sie prägt unsere Spiritualität. 

Schaut man sich die einschlägigen Gesundheitsberichte des Bundes, der Krankenkassen oder des Robert-Koch-Instituts an, stellt man fest, dass seelische Belastungen mit immensen Einschränkungen im Leben stetig zunehmen. Für Andreas Storm – Vorstandsvorsitzender der Krankenkasse DAK – Gesundheit – ist der „Höchststand bei psychischen Erkrankungen … besorgniserregend.“ Mittlerweile betrifft es auch zunehmend junge Erwachsene, die in ihrem Job ausfallen.1 Das Bundesministerium für Gesundheit rechnet allein in der EU mit 50 Millionen Menschen, die aufgrund psychischer Belastungen an Depressionen, Erschöpfung und Sucht-
erkrankungen leiden.2 Die Fehltage am Arbeitsplatz und die Gefährdung der eigenen Leistungsfähigkeit sind nur ein Teil der Folgen. Genauso stark fallen der Verlust der eigenen Lebensqualität und die Belastung des sozialen Umfeldes ins Gewicht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich uns im Alltag ein riesiges Angebot an Ratgebern aus allen denkbaren Ecken aufdrängt, in denen erklärt wird, wie wir psychisch gesund werden oder wie wir unsere psychische Gesundheit erhalten.

Wenn ich an psychische Gesundheit denke, fällt mir zwischen den vielen Einflussfaktoren eins besonders auf: der richtige Umgang mit Gefühlen. Die einen sind ihren Gefühlen unreflektiert erlegen und andere wiederum spalten sie ab und verdrängen sie, doch Gefühle (bzw. Affekte) können, ja sollten vielmehr als wesentliche Botschaften unseres Unbewussten verstanden werden. Gefühle sind Bedürfnisschicksale, die uns signalisieren, ob unsere Bedürfnisse gestillt wurden oder nicht. 

Für eine gesunde psychische Entwicklung ist es daher unabdingbar, ein gutes Gefühlsmanagement (Affektregulation) zu entwickeln. 

 

Folgende Fähigkeiten sind nach Julius Kuhl hier zu berücksichtigen: 

a. Selbstberuhigung: 

Die Selbstberuhigung ist die Fähigkeit, uns in widrigen und herausfordernden Umständen so zu beruhigen, dass wir angemessen reagieren. Selbstberuhigte Menschen geraten z. B. nicht in Fluchtreaktionen, sondern kennen ihre Ressourcen, um angemessen zu reagieren. Manche haben diese Besonnenheit mit in die Wiege gelegt bekommen, andere müssen dies lernen. Selbstannahme, Zeiten der Ruhe, genug Schlaf, kompetente Menschen, die uns begleiten, sind wichtige Voraussetzungen der Selbstberuhigung. 

b. Selbstkonfrontation: 

Unser Gehirn lernt, wenn wir unsere Fehler und unser Scheitern in unsere Erfahrung integrieren. Nicht jeder ist erzogen worden, mit Fehlern transparent umzugehen. Wir verstecken sie vor anderen und oft genug vor uns selbst. Dennoch sind sie eine Lernquelle. In einem wohlwollenden Umfeld, entweder bereits vorhanden oder von uns selbst gestaltet, können wir unseren Grenzerfahrungen selbst begegnen und daran wachsen. 

c. Selbstmotivation: 

Was motiviert mich zum Handeln? Wofür schlägt mein „Herz“? Was bewegt mich wirklich im Leben? Sich selbst auf die Spur zu kommen und für sich selbst routiniert zu sorgen, ist die Voraussetzung, um in Aktion zu treten. Dafür brauchen wir Zeit, um uns selbst wahrzunehmen, Zeit, in der wir uns entspannt selbst reflektieren und uns spüren. Gegen unsere eigene Wahrheit zu leben, führt uns in eine Mangelsituation, die unserer Psyche schadet.

d. Selbstfokussierung: 

In der Beliebigkeit aller Angebote, denen wir ausgesetzt sind, brauchen wir einen Fokus, der unsere spontanen positiven Impulse auf angemessene Ziele bündelt – wie eine Einkaufsliste im Supermarkt. Sind wir hungrig und haben genug Geld dabei, kann ein Einkauf teuer werden. Vieles, was dann in unserem Wagen landet, sprengt den Rahmen unseres Verbrauchs: Wir kaufen viel mehr ein, als wir brauchen. So ist es auch im Leben. Uns zu fokussieren, hilft uns, aus der Beliebigkeit der Überangebote dasjenige zu wählen, was gut zu uns passt. So verlaufen wir uns nicht in der Wahllosigkeit. 

Unsere Gefühle zu verstehen, ihnen Bedeutung zu geben und sie so zu regulieren, ist eine wesentliche Voraussetzung, um psychisch gesund zu bleiben. Wir lernen für uns zu sorgen und können so auch öffentlich wirksam unsere Position gut verhandeln, ohne gegen uns oder andere übergriffig zu werden. 

Der unlängst verstorbene Hirnforscher Gerhard Roth4 aus Bremen würde uns vermutlich deutlich machen, dass wir uns an vielen Stellen ein Geheimnis bleiben. So leicht lässt sich unser limbisches System nicht erreichen oder regulieren. Viele Erfahrungen, die wir körperlich gespeichert haben, sind uns unbewusst und verborgen.  Gerade die vorgeburtliche und frühkindliche Phase ist mit Sprache und Verstand nicht erfassbar. Um so mehr ist wichtig, dass wir in der Stille und in wohlwollenden sozialen Kreisen den Raum bekommen, um uns authentisch zu spüren. So können wir unseren Bedürfnissen und deren Stillung begegnen und genug Kraft bekommen, Selbstsorge zu betreiben. 

Wir brauchen für uns selbst Zeit, Liebe, Geduld, Vergebung, Respekt und Wertschätzung, um unsere Gefühle zu würdigen und ihnen ausführlich zu begegnen, denn schließlich repräsentieren sie unsere inneren und intimsten Prozesse. 

Die Fähigkeit der Selbstregulation, wenn wir Verstand und Gefühl im Miteinander erleben, hilft uns, in verschieden Situationen angemessen zu reagieren, das heißt, ohne uns von zu starken Gefühlen überwältigen zu lassen oder unsensibel zu sein. Diese Form der Selbstsorge hilft uns, hat einen tiefen positiven Einfluss auf unser soziales Umfeld und ist mitunter die Grundlage für ein gelungenes Leben. 

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Autor: Lorethy Starck

Theologe und psychologischer Berater; liebt Katzen, weil sie selbstbestimmt sind. 

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