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28.05.2020

Die Krux mit dem Selbstwertgefühl

Wie das Selbstwertgefühl Beziehungen beeinflusst

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Wer bin ich? Was kann ich? Was bin ich wert? Wie schätzen andere mich ein? Das Selbstwertgefühl hat einen großen Einfluss vor allem auf unsere Befindlichkeit und darauf, wie wir Beziehungen zu anderen gestalten und wie wir mit uns selbst umgehen.

Zwischen hoch- und tiefstapeln

Wir Menschen pendeln gerne zwischen etwas übertriebener Selbsterhöhung und schmerzhaften Selbstzweifeln hin und her, wir schwanken leicht zwischen hoch- und tiefstapeln. Zu viel und zu wenig Selbstwertgefühl über- bzw. unterschätzen die Realität. Nur – wie finden wir eine realistische Mitte? Viele kämpfen gegen Selbsteinschätzungen, die sich im Laufe ihrer Biografie oft zu den tiefen Überzeugungen eingebrannt haben, »nicht genug« oder »wertlos« zu sein oder einfach »weniger Wert zu haben als andere«. Entsprechend lassen sie sich von anderen abwertend behandeln oder gehen weniger fürsorglich oder wohlwollend mit sich selbst um und zweifeln an ihren Fähigkeiten. Auch eine zu stark ausgeprägte Achtung und Beachtung des eigenen Selbst kann zu Selbstüberschätzung, mangelnder Sympathie, mangelndem Verantwortungsgefühl bis hin zu aggressivem Einfordern von Beachtung führen, in dem das Geltungsbedürfnis zu Selbstsucht und Selbstgefälligkeit wird. Eine Welt, in der sich alles um mich selbst dreht, ist sehr klein und letztlich arm und eng. Das Gegenüber fühlt sich dabei nicht respektiert und zieht sich zurück.

Wie Frauen und Männer ihr Selbstwertgefühl aufbauen

Männer nähren ihr Selbstwertgefühl oft damit, sich mit anderen zu vergleichen. Es genügt ihnen auszuloten, ob sie besser sind als andere. Dann sind sie zufrieden mit sich selbst. Frauen hingegen brauchen viel mehr Feedbacks in Beziehungen. Für sie ist es wichtiger, anerkannt, akzeptiert und verstanden zu werden. Daraus ziehen Frauen Energie, die sie zufrieden macht. 

Beide Strategien haben ihre Tücken und Grenzen. Wenn ich meinen Selbstwert daraus ziehe, attraktiver, erfolgreicher oder sportlicher als andere zu sein, werde ich mit zunehmendem Alter verunsichert. Misserfolg und Scheitern zu verarbeiten, wird schwieriger und bringt tiefe Selbstzweifel. Erfolge können kaum genossen werden, Scheinwerferlicht wird gemieden und das eigene Licht unter den Scheffel gestellt. 

Den Selbstwert von Komplimenten oder Anerkennung anderer abhängig zu machen, bringt ebenfalls Nachteile. Menschen mit starken Selbstzweifeln sind unsicher. Sie sind auf stetige Bestätigung und Bestärkung angewiesen, die auch als fordernd erlebt werden kann. Dies belastet Partnerschaften und Freundschaften. Was passiert, wenn sich Freunde zurückziehen, wenn eine Beziehung zerbricht oder Konflikte entstehen? Selbstwertschwache können sich oft fast nicht vorstellen, dass jemand sie wirklich lieben und wertschätzen kann. Sich auf Nähe einzulassen, birgt das erhöhte Risiko in sich, abgelehnt zu werden. Also gehen sie Kompromisse ein, die sich längerfristig negativ für sie auswirken, statt einen Konflikt zu riskieren.

Wie ein positives Selbstwertgefühl entsteht

Ein relativ stabiles Selbstwertgefühl erwächst aus einer sicheren Bindung zu Mutter, Vater und weiteren wichtigen Bezugspersonen, die dem Kind unbedingtes Mitgefühl und unbedingte Zuwendung geben. Frühe positive Erfahrungen sind die Basis für ein stabiles Selbstwertgefühl. Dieses beruht vor allem auf drei Erfahrungen:

  • Ich werde geliebt, so wie ich bin, das heißt, ich muss mir Liebe und Zuwendung nicht über Leistung verdienen.
  • Ich kann etwas. Hierzu sind ehrliche Feedbacks von Eltern oder wichtigen Bezugspersonen sehr wichtig, sowie die Förderung von Kompetenzen.
  • Ich entwickle ein differenziertes Bewusstsein für Werte, die mir zeigen, was richtig oder falsch ist, was sich konstruktiv oder destruktiv auswirkt.

Und wie kann ich als Erwachsener ein positives Selbstwertgefühl entwickeln? Selbsteinreden, Selbstbekräftigungen, Vergleichen sowie die Ausschau auf Anerkennung können zwar etwas beitragen, haben jedoch ihre klaren Grenzen. Oft hilft es, Situationen aufmerksam und achtsam zu beobachten. Wie meinte der andere eine Aussage wirklich? Damit werden selbstabwertende Annahmen überprüft und zu neuen, realistischeren Einsichten geführt. Nicht alles ist persönlich gegen mich gerichtet. Gibt es Persönlichkeitsmerkmale, die negative Auswirkungen haben, geht es erst mal darum zu verstehen, was da bei mir abläuft, welche Geschichte diese Eigenschaft hat. Dann überlege ich, wie mit den damit verbunden Herausforderungen besser umgegangen werden kann. Vielleicht lohnt es sich, sich darin Unterstützung bei guten Freunden oder in einer Begleitung zu holen. 

Es braucht psychische Kraft, negative Gedanken zu unterbrechen und sich nicht in eine Abwärtsspirale verwickeln zu lassen, um Selbstabwertungen im Keim zu ersticken. Es ist also vielmehr eine indirekte Bewältigung in den täglichen Herausforderungen gefragt. Es kommt darauf an, dieses Gefühl wenigstens so gut in den Griff zu bekommen, dass man die Zeit, in der es auftritt, möglichst verkürzt. Ein Gedankenstopp kann helfen, aus der Spirale mit Grübeln, Selbstzweifel, Selbstkritik auszusteigen und dann seine Aufmerksamkeit auf etwas Gutes zu richten - z. B. positiven Erfahrungen nachzuspüren, die auch zum Leben gehören.

Auf einem College wurden zwei Selbstwertzweifler im Internat in einem Zimmer untergebracht. Einer der beiden bekam die Aufgabe, sich bewusst vorzunehmen, den Mitbewohner in seinen Herausforderungen zu unterstützen, zu ermutigen und zu helfen. Sehr bald unterstützten beide einander. In kurzer Zeit verbesserte sich das Selbstwertgefühl beider Jugendlichen deutlich. Aktives Helfen erwies sich als starke Medizin gegen Selbstzweifel. 

Abschließend möchte ich noch etwas mit Geldnoten illustrieren. Welche Note hat mehr Wert? -Ein zerknitterter oder eine ganz neuer 100 Euroschein?

Ob die Note frisch von der Presse kommt oder zusammengeknüllt wurde - sie haben den gleichen Wert. Die zusammengedrückte Note hat sogar mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Auf den Selbstwert übertragen heißt das: Auch wenn Sie sich in ihrem Selbstwertgefühl zusammengedrückt vorkommen – der Wert als Mensch bleibt gleich.

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Autor: Daniel Zwiker

eidg. anerk. Psychotherapeut & Theologe, Siloah Gümligen, www.danielzwiker.ch, Institut für Paardynamik, www.paardynamik.ch

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