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27.11.2020

Eine Hebamme erzählt

Fünf Fragen an das Leben

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Neuanfänge können ganz unterschiedlich ausfallen. Doch ein Weg ist besonders spannend, denn er hat mit einem neuen Leben zu tun. Eine Geburt. Es ist ein Ereignis, das dein Leben ganz klar in ein Davor und Danach einteilt – sowohl als Baby als auch als Eltern. Die Hebamme Rebekka Adam spricht im Interview über ihre Erfahrungen. 

Rebekka, was bedeutet es für dich, ein »neues Leben« als Erste in den Händen zu halten?

Ich muss spontan an ein Bild denken (ich glaube, es entsprang einer Werbekampagne des Hebammenverbandes), das ich lange in meinem Kalender aufbewahrt habe: es zeigt einen Mann mit dem Zitat: »Die erste Frau in meinem Leben war eine Hebamme.« Tatsächlich ist es – auch wenn es abgedroschen oder pathetisch klingen mag – ein unglaubliches Privileg, immer wieder Teil dieses lebensverändernden Ereignisses zu sein. Für mich bedeutet das also auf einer zwischenmenschlichen Beziehungsebene erst einmal Dankbarkeit für das Vertrauen der Mutter in mich und meine Begleitung. In meiner Beziehung zu Gott sind Geburten eine stete Erinnerung daran, wie großartig, liebevoll und präsent er ist. Einer meiner Lieblingsverse aus der Bibel steht in Jeremia 1,5: »Ich habe dich schon gekannt, ehe ich dich im Mutterleib bildete, und ehe du geboren wurdest, habe ich dich erwählt, um mir allein zu dienen.« (Übersetzung Hoffnung für Alle) Egal, wie das Leben dieses kleinen Menschen verlaufen wird und egal, wie seine Eltern zu seiner Ankunft in dieser Welt stehen – Gott hat dieses Kind erdacht. Und ich darf dieses neue Leben, ein Manifest göttlicher Liebe, in den Händen halten, wenn es seinen ersten, eigenständigen Atemzug nimmt.

 

Wie reagieren die Eltern für gewöhnlich?

Die erste Reaktion ist meist Erleichterung gepaart mit Erschöpfung. Nach dem anstrengenden, häufig auch langen Prozess der Geburt, stellt sich bei dem ersten Schrei des Kindes eine Erleichterung, ein »Geschafft!« ein. Es ist ein sehr emotionaler Moment, oft begleitet von Tränen des Glücks und einer zarten Verliebtheit, wenn Eltern ihr Kind das erste Mal sehen und in den Arm nehmen können.

 

Wie wirkt sich der tägliche Umgang mit Neugeborenen auf deine Sicht des Lebens aus?

Ich denke, zum einen macht er mir bewusst, dass wir aufeinander angewiesen sind und für die Gemeinschaft geschaffen wurden. Zum anderen mag aus der Ego-Perspektive jedes Problem riesig und nicht zu bewältigen scheinen (für das Baby: Hunger!, für uns vielleicht der schwierige Kollege, das verlorene Portemonnaie, die kaputte Waschmaschine …). Aus der Außenperspektive weiß die Mutter, dass das essenzielle Problem des Kindes sehr einfach (z. B. durch stillen) behoben werden kann. So ist es auch bei Gott. Aus seiner Perspektive sind unsere Probleme ebenso leicht lösbar und nehmen im Hinblick auf das gesamte Leben nur eine sehr kleine Rolle ein. Vielleicht sollte ich mir in Bezug auf schwierige Situationen auch öfter sagen: »Es ist nur eine Phase …« 

 

Leben und Tod liegen in deinem Beruf sehr dicht zusammen – wie gehst du damit um?

Bei einer Geburt wird mir immer wieder bewusst, wie prekär das Leben ist. Als Geburtshelfer können wir zwar zur Geburt, aber nicht zum Leben verhelfen. Was kein fatalistisches Hände-in-den-Schoß-Legen bedeutet, aber ein: Ich tue einerseits alles, was ich kann und was in meiner Macht steht. Andererseits lege ich gleichzeitig meine Arbeit mitsamt der Mutter und ihrem Kind in Gottes Hand. Wenn der Tod in meinem Beruf real wird, ist er fast immer völlig unerwartet, und egal welche Ursache zugrunde liegt, ergibt er augenscheinlich keinen Sinn. Ein Leben, das nicht leben durfte, kann nicht durch ein anderes (Kind) ersetzt werden. Der Tod fordert Raum als Teil des Lebens ein – nicht nur bei den trauernden Eltern und Angehörigen, sondern auch bei dem betreuenden Personal. Ich finde es wichtig, auch trauern zu dürfen. Betroffene Eltern beschreiben hinterher häufig, dass sie echte Betroffenheit von betreuendem Personal als positive Unterstützung in ihrem eigenen Trauerprozess wahrgenommen haben, und wie wenig die vielen lieb gemeinten, aber völlig situationsfremden Floskeln geholfen haben. Als Grundsatz für Professionalität gilt es, weiter handlungsfähig zu sein. Und das bedeutet auch, durch Trauer zu verarbeiten, um nicht daran zu zerbrechen; ihr Raum zu geben, sich aber nicht einnehmen zu lassen. 

 

Was war beruflich dein emotionalster Moment?

Da mein Beruf voll emotionaler Momente ist, die mich mal mehr, mal weniger ergreifen, ist es schwer einen herauszugreifen. Mich beeindrucken die starken Frauen, die über sich hinauswachsen und ich beobachte gerne das Zusammenspiel von harmonischen Paaren. Was mich aber am meisten berührt hat, war eine junge Muslima. Das Baby ihrer Schwester war gerade viel zu früh geboren worden. So früh, dass es in den nächsten Stunden sterben würde. Die Mutter wollte es partout nicht sehen und so nahmen die Ärzte den kleinen Jungen mit, um ihm Schmerzmittel zu geben. Da entschied die junge Frau, die selbst hochschwanger war, dass sie das Kind nicht alleine sterben lassen wollte. Sie saß zwei Stunden bei ihrem kleinen Neffen, hielt seine Hand und las ihm aus dem Koran vor. 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Autor: Rebekka Adam

Rebekka Adam Hebamme, B.Sc. Hebammenkunde. Arbeitet im Kreißsaal, freiberuflich in der Wochenbett­betreuung und ist »ganz nebenbei« Schulleitung und Lehrerin in einer Hebammenschule

Artikel-Bildnachweis: Orbon Alija – gettyimages.de