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28.11.2021

Erfolg & Segen

Aus dem Leben eines Pastors

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Als ich vor acht Jahren Pastor der Kirche am Grindel wurde, habe ich meiner Gemeinde gesagt, dass ich den Kiez ziemlich schnell lieben gelernt habe. Nicht weil der Kiez als „sündige Meile“ gilt oder ich selbst gerne feiere und tanze, sondern weil er mir direkt und manchmal auch sehr brutal vor Augen führt, wie unsere Welt aussieht. Freude, die dort auch schnell zur Maske oder Fassade werden kann, und die Gewalt, Wunden und Schmerz. Nach dem Gottesdienst kam eine liebe ältere Dame aus unserer Gemeinde auf mich zu, eine echt außergewöhnliche Frau, die dafür bekannt ist, dass sie sich zum Beispiel bei den 1.-Mai-Demonstrationen in Hamburg zwischen die Polizisten und Linksautonomen stellt und versucht zu schlichten, und meinte nur: „Saša, pass auf dich auf, auf dem Kiez kann es auch heiß her gehen und wir wollen dich ja nicht verlieren.“ Dies nennt man wohl: „sich wohlwollend sorgen“.

Füreinander sorgen

In meinem Beruf als Pastor sorge ich mich an vielen Stellen wohlwollend. Wie könnte sich das Leben von uns Menschen verändern, wenn wir unsere Wut loslassen könnten? Wenn unsere Wunden geheilt würden? Wenn die Zufriedenheit über die Unzufriedenheit triumphieren würde. Wenn wir glückselig wären und nicht dauernd nach neuem Glück jagen müssten? Warum ich mir diese Fragen stelle? Jesus sagt in der Bibel: „Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben.“ Jesus wünscht sich, dass wir ein erfülltes Leben haben, so erfüllt, dass es mehr ist als wir brauchen. Doch meint er damit mehr Besitz? Mehr Freundschaften? Mehr…? Erfolg verstehen wir oft als: Höher, Weiter und Besser als vorher oder vor allem als andere. Erfolg hat derjenige, der gewinnt. „Saša, pass auf dich auf“, sagte Rosi damals zu mir.

Breite Schultern und einen Kopf größer

Eines Abends komme ich gerade aus einem Club auf dem Kiez. Eigentlich wollten wir nach Hause. Doch direkt auf der anderen Straßenseite sehe ich, wie plötzlich ein Typ einem anderen, der auf einer Bank saß, mit voller Kraft ins Gesicht schlägt! Fast reflexartig sind wir direkt rübergelaufen. Weil der Typ anscheinend noch einmal zuschlagen wollte, legte ich meine Hände auf seine Brust und schob ihn deutlich zurück. Er war einen Kopf größer als ich und seine Schultern dementsprechend etwas breiter. Sofort fixierte er nun mich mit seinem Blick und holte aus. Mein Kopf konnte grade so noch ausweichen, doch meine rechte Schulter traf er mit voller Kraft. Die zweite Faust kam direkt danach, diesmal schütze ich mich mit meiner linken Hand. Ich spürte, dass meine Schulter und meine Hand morgen wohl etwas bunter sein würden. Ich fragte mich, wo ich hier hineingeraten war. Als ich sah, wie er zum dritten Mal ausholte, reagierte ich plötzlich instinktiv und rief wohl meine jahrelange Taekwondo-Erfahrung ab. Ich wich seinem Schlag aus und konterte mit einem Kinnhaken, der auch noch genau von unten traf. Der 1,85-Mann fiel einfach rückwärts zu Boden und blieb für ein paar Sekunden reglos liegen. 

Ich war zwar froh, aus der Schusslinie zu sein, doch konnte ich diesen Ausgang wirklich als Erfolg verbuchen? Nein, absolut nicht! So hatte ich mir den Abend nicht vorgestellt. Die Stimmung war im Keller, auch wenn mir der andere Mann dankte, dass ich eingegriffen und geholfen hatte.

Erfolg sieht anders aus 

Ich könnte meine Augen vor diesen Dingen verschließen. Ich könnte solche Orte meiden. Doch damit wären sie trotzdem nicht weniger real, ob ich nun hinschaue oder nicht! Ich wünsche mir wie Jesus, dass jeder Mensch dieses Leben im Überfluss erfahren kann – im positiven Sinn. Dass nicht derjenige, der den richtigen Kinnhaken setzt, gewinnt! Und auch nicht derjenige, der höher, schneller und weiter kommt als die meisten anderen. Wer das Leben hat, von dem Jesus im genannten Bibeltext spricht, ist zufrieden, ja sogar glückselig. Er oder sie braucht sich nicht mit und an anderen zu messen und schon gar nicht seine Wut und seinen Zorn an wildfremden Menschen auszulassen. Wer dieses Leben hat, kann etwas weitergeben, das in unserer Gesellschaft nicht unbedingt an erster Stelle steht: Liebe.

Darin können wir ein Segen sein

Ich glaube daran, dass ich diese innere Kraft, diesen inneren Frieden von Jesus bekommen kann. Er will, dass wir glücklich sind – in unseren Familien, im Beruf und in unseren Freundschaften. Daran haben wir unseren Anteil, daran können wir arbeiten und darin kann man auch erfolgreich sein. Einander vergeben und verzeihen, lieben und tragen, da sein – ehrlich, mutig und aufbauend. Oder wie Jesus sagen würde, darin können wir ein Segen sein.

Der prügelnde Mann von meinem Kiezabend stand übrigens nach einer kurzen Weile wieder auf und ging. Aus seiner Sicht war ich an diesem Abend wohl kein Segen. Doch diese Fragen, wie sich unsere und auch seine Welt ändern würde, wenn wir unseren Erfolg weniger aus der Sieg-und-Niederlage-Perspektive definieren würden, kommen mir immer wieder ins Gedächtnis. Die Antwort kann jedenfalls nicht sein, die Augen zu verschließen, zu ignorieren, nicht da zu sein oder nicht einzugreifen. Oder was denkst du? 1. Petrus 3,9 „Zahlt Böses nicht mit Bösem heim oder eine Beleidigung mit einer Beleidigung. Stattdessen sollt ihr segnen. Denn Gott hat euch dazu berufen, seinen Segen zu empfangen.“ (BasisBibel)

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Autor: Saša Gunjević

ist Pastor der Adventgemeinde Grindelberg in Hamburg und dort hauptverantwortlich für die Gemeindeentwicklung und deren Veränderungsprozess.

Artikel-Bildnachweis: Herrmann Stamm