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28.11.2021

Erfolgreich zu Grabe getragen

oder was am Ende von der Arbeit übrigbleibt

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„Was soll auf deiner Beerdigung über dich gesagt werden?“ Diese Frage richten Coaches in ihren Kursen gerne an leitende Mitarbeiter. „Du bist beruflich engagiert, gehst an Grenzen, bist mega einsatzfreudig und plötzlich bist du tot. Und dann kommt der Trauerredner zu deiner Familie und muss aus dem, was sie über dich sagen, eine Rede schreiben. Stell dir vor, du könntest sie selbst verfassen: Was würdest du über dich schreiben? Und denk daran, die Rede darf nicht länger als 18 Minuten gehen.“

Wenn man zurückblickt

Tatsächlich erlebe ich es hin und wieder, dass Mitbürger zu mir ins Bestattungs-
institut kommen und sagen, ich habe meine Rede geschrieben oder aufgenommen und möchte, dass sie so wie sie ist nach meinem Ableben vorgelesen oder gezeigt wird. Das beeindruckt mich, weil ich erlebe, dass das, was dann gezeigt oder vorgetragen wird, eine sehr persönliche Note hat und herauskommt, was dem Menschen am wichtigsten war. Und ich höre da selten etwas über berufliche Erfolge, sondern viel mehr über das, was den Menschen geprägt hat, mit wem und womit er gerne Zeit verbracht hat, wem er ganz nah stand, welche Sehnsucht er gehabt hat, was er bereut, was er verziehen hat, womit er nie klargekommen ist, was sich alles in seinem Leben erfüllt hat und was unerfüllt geblieben ist. Wie gesagt, Berufliches hat da kaum einen Platz. Auch bei den Gesprächen mit den Angehörigen eines Verstorbenen verlagert sich alles schnell auf die Eigenschaften eines Menschen, welchen Wert er für seine Mitmenschen gehabt hat; da geht es um Liebe, Herz und Mut.

Welchen Stellenwert haben Arbeit und Erfolg?

Wenn ich das Leben auf diese Weise vom Ende aus betrachte, dann sei die Frage erlaubt: Welchen Stellenwert gebe ich der Arbeit und dem daraus resultierenden Erfolg? Oder soll am Ende sowas stehen wie „Müh und Arbeit war dein Leben.“? Das war‘s? Man war eine Arbeitsmaschine, hat geschuftet, geackert, erfolgreich oder manchmal auch nicht, und dann, wenn die Energiezellen leer sind, ausrangiert, ausgetauscht und wie es gerade state of the art ist, ökologisch sauber ohne Fingerabdruck anonym beerdigt. 

Parallel dazu gibt es jedoch eine Wirklichkeit, die meist 60 Jahre anhält, in der wir lernen und arbeiten müssen. Ich fange bewusst zeitlich mit dem Eintritt in die Schule an, da hier der Weg in unsere berufliche Laufbahn geebnet und geprägt wird. Wir werden ab dieser Zeit geprüft, verglichen, gewertet; wir müssen fünf Tage die Woche 38,5 Stunden arbeiten und dann erst kommt der Alltag, und für unsere Leistung bekommen wir Anerkennung zumeist in monetärer Form. Und mehr noch, was uns gerade bei dem Thema Leistung motiviert, ist der Erfolg. Wenn Ziele erreicht werden und sich in der Bilanz niederschlagen, das Team nicht nur funktioniert, sondern
Arbeit auch ein Herzensanliegen ist,
Impulse aufgenommen und verarbeitet werden, Kunden zufrieden sind, schwierige Situationen gut gemeistert werden, und es einfach läuft, dann sind wir hochzufrieden. 

Zu viel sitzen, essen, arbeiten

Aber eines ist uns doch allen bewusst, einen „Dauerflow“ gibt es nicht. Stattdessen ist vieles nervig, mühselig und anstrengend. Auch wenn wir alle uns Berufe wünschen, die uns nicht nur ein gutes Gehalt bescheren, sondern auch noch sinnstiftend sind und unseren Eigenschaften und Talenten entsprechen, so müssen wir feststellen, dass die berufliche Wahrheit viel kleinteiliger ist. Um beruflich erfolgreich zu leben, bedarf es Unmengen an Vorbereitungszeit, denn Erfolg ohne Leistung gibt es nicht. Und wenn meine Aussagen über Arbeit und Beruf nach Plattitüden klingen, dann ist mir sehr bewusst, dass ich solche Sätze auf mein gesamtes Leben anwenden kann. In meinem Leben waren das bisher zu viel sitzen, zu viel Arbeit, zu viel essen, zu viel Gewicht.

Zu Erfolg gehören Zeit und Energie

Ich habe in der Coronazeit das Laufen wieder für mich entdeckt, habe tatsächlich den Halbmarathon gewagt und es geschafft. Auf dem Weg dahin habe ich 16 Kilo abgenommen. Aber um es bis zum Halbmarathon zu schaffen, musste ich Unmengen Zeit und Runden laufen, um dort anzukommen. Ich habe meine Ernährung umgestellt, meinen Lebensrhythmus, habe Schmerzen neu definiert und musste mich immer wieder neu vor oder nach der Arbeit motivieren, meine Laufklamotten anzuziehen und loszulaufen. Und am Ende habe ich es geschafft! Erfolg ohne Leistung und Zeit gibt es nicht. Sowohl beruflich als auch auf vielen privaten Ebenen. Ich möchte jetzt nicht das Wort Erfolg als Containerbegriff nutzen und diesen auch auf Familie, Freunde und Beziehungen anwenden. Auch wenn Leistung keine Beziehung definiert, gilt hier ebenfalls, wenn ich mein Leben innerlich stimmig führen möchte, damit es eine positive Wirkung auf Familie und Freundeskreis hat, dann brauche ich genauso Zeit und Energie dafür. Und hier stellt sich eine Wertefrage. Wie will ich all das leben? 

Karriere oder Kinder?

Und schon stoße ich auf eine Menge Dilemmas: Wieviel Zeit habe ich, kann ich mir nehmen, steht mir zur Verfügung? Wieviel Energie habe ich nach der Arbeit, um den Alltag mit all seinen Herausforderungen zu bewältigen? Und in welchen Stereotypen möchte ich meine Beziehungen leben? Wir führen nicht mehr das Leben unserer Eltern, wo der Mann der Alleinverdiener war und die Frau vielleicht etwas dazu verdient hat. Wir haben den Anspruch der heute sehr gut qualifizierten Frauen, sich beruflich auf Augenhöhe der Männer zu entwickeln. Wie sieht das dann mit Familie aus? Als Mann habe ich erlebt, wie mein Chef mir meine Elternzeit mit dem Argument der Karriere ausreden wollte. Da stellt sich mir zuerst die Frage, warum es eigentlich Frauen gegenüber heutzutage noch immer als selbstverständlich angesehen wird auf die „Karriere“ zu verzichten und in Elternzeit zu gehen. Stellen wir uns doch mal einen Chef vor, der seine weiblich Angestellte darum bittet, nicht in Elternzeit zu gehen. „Wir brauchen Sie! Ihre Expertise, ihre Fähigkeiten, darauf können wir im Moment nicht verzichten. Ihr Mann kann bestimmt auch sehr gut auf das Kind aufpassen. Denken Sie bitte ein bisschen moderner.“

Grenzen setzen

Davon mal abgesehen frage ich mich außerdem: Kann man sich denn nicht auch in Teilzeit weiterhin beruflich entwickeln? Also welchen Stellenwert gebe ich meiner Arbeit? Ja, sie ernährt mich, schenkt mir viele Annehmlichkeiten und gehört zu meinem Leben dazu. Aber sie ist nicht alles. Muss ich immer und überall erreichbar sein? Gegenwärtig leben heißt doch, dass ich, bei dem, wo ich mich befinde und was ich mache, präsent bin. Ich bin es jedoch nicht, wenn ich oft zu Hause weiterarbeite und mich aus dem Familienleben ausklammere. Äußerlich zu Hause sein und innerlich auf der Arbeit? Wie lange geht das gut? Spätestens wenn diese ständigen Grenzüberschreitungen mich krank machen, brauche ich das Wort Erfolg nicht mehr in den Mund zu nehmen, weil ich – hart ausgedrückt – dann nur noch Kosten durch kommende Krankheiten verursache, für die ich verantwortlich bin.

Was am Ende zählt  

Daher komme ich noch einmal zum Anfang meines Artikels, dem ich ein Psalmwort hinzufügen möchte: „Herr, lehre uns zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden (Psalm 90,12).“ Ich betrachte mein Leben vom Ende aus und das schönste, was ich mir wünschen würde, wäre, dass ich all den Menschen, die mich mit Liebe auf meinem Leben begleitet haben, noch einmal danken kann, und dass all die Menschen, die ich mit Liebe begleiten durfte, mich für meine Liebe würdigen. Das würde genügen. All das, was ich geleistet habe, ist aufgebraucht, das zählt nicht mehr. Doch wer ich bin, das soll bei denen bleiben, die ich liebe. Das wäre dann alles.

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Autor: Dr. Horst Sebastian

Bestatter, Alsterläufer und Friedensaktivist mit dem Traum, mal einen Marathon zu laufen.

Artikel-Bildnachweis: NickyLloyd – gettyimages.de