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27.02.2021

Interview mit Krankenhausvorstand Bernd Quoß

»Unser Land sollte beim Jammern nicht gleich vorne anstehen.«

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Die Coronavirus-Pandemie hat auch die Krankenhäuser in Deutschland vor enorme Herausforderungen gestellt. Das Personal arbeitet weit über das normale Maß hinaus, immer mit bangem Blick auf die Intensivbetten und Patienten mit schweren Krankheitsverläufen. Im Interview gewährt Bernd Quoß, geschäftsführender Vorstand des Krankenhauses und Netzwerks Waldfriede, einen Einblick in den schwierigen Alltag des Akutkrankenhauses in Berlin-Zehlendorf. 

Was konnten Krankenhäuser aus der ersten Welle lernen?

Durch die Meldepflicht lässt sich über das Robert Koch-Institut (RKI) besser abschätzen, mit welcher Patientenbelastung die Krankenhäuser zeitversetzt rechnen müssen. Schwere Corona-Fälle müssen meist 5-7 Tage nach der Infektion in den Krankenhäusern aufgenommen werden. Dahingehend können Personal- und Dienstplanung abgestimmt werden. Zwischenzeitlich haben wir auch Schutzmaterialien, Schnelltests und PCR-Tests in größeren Mengen gelagert, um Engpässe zu vermeiden. Wesentlich ist zudem, dass die Krankenhäuser in diesem äußerst dynamischen Geschehen der Virus­pandemie jederzeit handlungsfähig sein müssen.

Kam die zweite Infektionswelle dann so wie befürchtet, oder lief es glimpflich ab? 

Obwohl viele Virologen schon im Frühjahr 2020 eine zweite Infektionswelle vorhersagten, wurde diese von vielen Menschen angezweifelt. Auch bei früheren Pandemien gab es immer eine zweite und sogar eine dritte Welle. Mitte September 2020 begann bei uns die zweite Infektionswelle und bereits Ende Oktober hatten wir dann schon wieder die gleiche Anzahl an Infizierten wie im März. 

Gegen Jahresende mussten wir dann täglich bis zu 30.000 Neuinfektionen und bis zu 1.000 Todesfällen verzeichnen. Somit verlief die zweite Corona-Welle eindeutig schlimmer. Daher ist es nun umso wichtiger die Infektions- und Todeszahlen mit einem gezielten Lockdown nicht nur zu stoppen, sondern auch deutlich zu reduzieren, was sich seit Januar 2021 in einem leichten Abwärtstrend zeigt.

Worin besteht der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Welle der Corona-Pandemie für die Krankenhäuser?

Zwischen der ersten und der zweiten Welle gibt es in jeglicher Hinsicht deutliche Unterschiede. Bei Beginn der ersten Welle wussten wir noch nichts über das Virus und deren Begleiterscheinungen und Auswirkungen. Viele Ärzte und Pfleger mussten auf diese Pandemielage auch erst vorbereitet werden, da die Behandlung von Corona-Infizierten eine spezielle Qualifikation erforderte. Wir hörten und sahen zwar viel aus den Krankenhäusern in China, Italien und Frankreich, konnten aber die Corona-Lage im eigenen Land nicht richtig realisieren. 

Mit Beginn der ersten Welle gab es im Pflegebereich keine ausreichenden Personalschutzmaßnahmen. Mund-Nasen-Schutz, FFP-2- und FFP-3-Masken, Schutzkittel, Handschuhe, Schutzbrillen und selbst Händedesinfektionsmittel fehlten und entwickelten sich selbst in Deutschland zu einer Mangelware. Innerhalb von vier Wochen entwickelte sich hier ein für unsere Verhältnisse unvorstellbarer »Schwarzmarkt«, wo zum Beispiel eine Maske für 4,50 € statt 0,15 € angeboten wurde. Mittlerweile gibt es zwar wieder genügend Schutzausrüstung, doch aufgrund des weltweit hohen Bedarfes werden diese oft mit mangelhafter Qualität produziert. 

Was uns bei der zweiten Welle ganz besonders hart getroffen hat, ist weniger der Anstieg von Corona-Patienten, sondern der Personalausfall von Mitarbeitern, die sich auf einmal selbst mit COVID-19 infiziert haben. Dadurch mussten Operationen verschoben und die Pflege von Erkrankten neu geregelt werden. Darüber hinaus stieg auf einmal auch die Angst von Ärzten und Pflegern infizierte Patienten zu behandeln. Dieser Herausforderung werden wir uns noch in den nächsten Monaten stellen müssen, sofern die Inzidenz nicht deutlich reduziert wird.

Wenn du auf das Pandemiejahr zurückblickst, was sind für dich die wesentlichen Erkenntnisse?

Zu Beginn war es nur ein unbekanntes Virus mit einer unklaren Lungenentzündung aus Asien. Aus einer gedachten Epidemie wurde eine schwere, globale Virus-Pandemie mit leider zu oft schwerwiegenden und tödlichen Verläufen. Da eine solche Virus-Pandemie jederzeit wieder vorkommen kann, müssen globale Strategien entwickelt werden, wie bei einem erneuten Ausbruch eine solche Pandemie verhindert oder zumindest schnell eingeschränkt werden kann. Im Vordergrund stehen meiner Meinung nach persönliche Schutzmaßnahmen, sowie die Einhaltung von Hygieneregeln und Kontaktbeschränkungen. 

Die einzige Möglichkeit, solche Virus-Pandemien zu unterbrechen, ist die rasche Verfügbarkeit von wirksamen Impfstoffen. Zwischenzeitlich ist eine Reihe von Impfstoffen zugelassen und die Impfungen haben begonnen. Unabhängig davon muss uns allen klar sein, dass auch die moderne Medizin und Wissenschaft ohne die Unterstützung der Bevölkerung, insbesondere was Schutzmaßnahmen, Hygiene­regeln und Kontaktbeschränkungen angeht, machtlos ist.

Wirtschaftlich wurde uns leider aufgezeigt, dass sich die bisher erfolgreiche jahrelange Globalisierung der Weltmärkte auf einmal als Schwachstelle darstellen kann. Dass im eigenen Land kein Mund-Nasen-Schutz hergestellt wird, da er in China wesentlich billiger produzierbar ist, hat dazu geführt, dass dieses Schutzmittel über viele Wochen hinweg nicht zur Verfügung stand bzw. überteuert verkauft wurde. Gleiches geschah mit den Coronatests. Die erforderlichen Wattestäbchen wurden in Norditalien produziert. Nachdem Italien in den Lockdown ging, wurde auch dort die Produktion eingestellt und Deutschland konnte nicht beliefert werden.

Seid ihr zufrieden mit der Unterstützung aus der Politik?

Für den Krankenhaussektor kann ich nicht unzufrieden sein. Die unkomplizierte finanzielle Unterstützung durch den staatlichen Rettungsschirm funktioniert gut, ist aber bei Weitem nicht auskömmlich. Verluste werden letztendlich alle haben, da es in einer Krise kein komplett steuer- und beitragsfinanziertes Kostendeckungsprinzip geben kann. Es wird eine spannende und gemeinschaftliche Herausforderung werden, die pandemiebedingte Staatsverschuldung in den nächsten Jahren wieder abzubauen. So eine weltweite Pandemie mit ihren Folgen zu bewältigen, ist unglaublich schwer. Dennoch steht unser Land – im Vergleich mit anderen Ländern – gut da und sollte beim Jammern nicht gleich vorne anstehen. 

Danke für das Gespräch!

 

Autor: Bernd Quoß

Artikel-Bildnachweis: FamVeld – gettyimages.de