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08.09.2021

Meine Gedanken und ich ...

Wer lenkt wen?

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Vor einiger Zeit reiste ich nach Thailand. Die große Freude wurde bereits am dritten Abend getrübt: Ich bekam Halsschmerzen. Selbstverständlich ging ich besonders früh ins Bett, um meinen Körper durch den Schlaf zu stärken. Aber so schnell war nicht an Schlaf zu denken … »Was ist, wenn mein Halsweh morgen früh nicht weg ist? Könnte ich gar eine Mandelentzündung bekommen?« Meine Gedanken hielten mich vom Schlafen ab. »Jetzt an etwas Positives denken!«, ermutigte ich mich selbst. Es war ein regelrechter Kampf darum, ob ich meine Gedanken lenke oder meine Gedanken mich im Griff haben. Irgendwann schlief ich dann doch ein … 

Was Gedanken alles bewirken können

Nicht umsonst sprechen wir immer wieder von den »Self-fulfilling prophecies«, den sich selbst erfüllenden Vorhersagen. Wir meinen damit, dass unsere Erwartungen an ein Ereignis, also unsere Gedanken vor einem Ereignis, das Ereignis selbst beeinflussen können. 

Ich erwarte zum Beispiel den Besuch unserer Nachbarin. Ich mag sie gern und bin mir sicher, dass wir uns gut unterhalten werden. Allein aufgrund meiner Erwartung (und meines daraus folgenden Verhaltens) ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mich ein interessanter Nachmittag erwartet. Wenn ich jedoch eine zähe Unterhaltung erwarte, könnte es gut sein, dass meine Befürchtung Wirklichkeit wird. 

Mit unseren Gedanken »steht und fällt« alles, oder sagen wir mal vieles. Unsere Gedanken gehen unseren Worten und Taten voran. Wir können unser Sein und Können in unseren Gedanken analysieren und entsprechende Schlüsse ziehen. In unseren Gedanken bilden sich unsere Meinungen und Überzeugungen, unser Glaube und unsere Weltsicht. Wir können positive oder negative Gedanken wälzen, Dingen auf den Grund gehen und Neues entdecken. Unsere Gedanken sind frei, es liegt jedoch in unserer Hand, sie in positiver Weise zu lenken. 

Der Wunsch, sich gut zu fühlen 

Interessanterweise ist es tief in uns Menschen verankert, dass wir uns gut fühlen wollen. Wir tragen mit unseren Gedanken dazu bei, dass wir unser Wohlbefinden aufrechterhalten können. 

Stellen wir uns Leon vor: Er kommt mit einer sehr guten Note nach Hause. Selbstverständlich erzählt er seiner Mutter sofort von seinem tollen Erfolg und betont dabei, wie fleißig er gelernt habe und wie gut er doch in Mathe sei. Einige Tage später bringt er wider Erwarten eine schlechte Note in Mathe heim. Die Begründung hierfür: Der Lehrer sei unfair und der Test sei schwer verständlich gewesen. 

Wer kennt das nicht? Wenn wir eine Aufgabe gut gemacht haben, finden wir die Erklärung schnell bei uns selbst (Fleiß, Begabung etc.), haben wir jedoch keinen Erfolg oder unterlaufen uns Fehler, neigen wir zu Gründen, die außerhalb von uns liegen, erklären uns dies also durch die (ungünstige) Situation oder sogar durch die Fehler anderer. Forscher haben in vielen Untersuchungen herausgefunden, dass wir sowohl Erfolge als auch Misserfolge für uns jeweils möglichst günstig auslegen, um unseren Selbstwert nicht in den Keller sausen zu lassen. Zu unserem Vorteil ist dieses, nennen wir es vorsichtig »positive Denken« oft, da wir uns den Umständen weniger ausgeliefert vorkommen. 

Ich bin mir sicher, dass jeder von uns mit solch einem Denkmuster in Berührung gekommen ist. Auch wenn wir uns kurzfristig damit behelfen können, ist es doch wertvoll, zu erleben, dass unser Selbstwert letztendlich nicht von unserer Leistung oder der Meinung anderer abhängig sein muss, sondern wir diesen auf verlässlicherem Grund aufbauen können. Ein gesunder Selbstwert kann z. B. in der Familie, in guten Freundschaften und im Glauben an Gott gefunden werden. Dies kann uns in vielen Lebenslagen helfen. 

Unrealistischer Optimismus und der Glaube an eine gerechte Welt 

Zurück nach Thailand. Mich erwischte dann tatsächlich eine Mandelentzündung. Das Fieber plagte mich, und ich musste das Bett hüten. »Morgen bin ich sicher wieder fit«, sagte ich mir an jedem Abend. Zugegeben, irgendwann hatte ich mit meinem Optimismus recht, aber leider nicht gleich am ersten Tag. Da überrascht es nicht, dass es in der Psychologie den Begriff des »unrealistischen Optimismus« gibt. Damit ist die Annahme gemeint, dass Gutes einem selbst häufiger widerfährt als anderen Menschen und Unerfreuliches eher anderen als einem selbst. Oder man spricht auch vom »Glauben an eine gerechte Welt«, bei welchem Menschen davon ausgehen, dass Gutes nur guten Menschen widerfährt und Schlechtes nur schlechten Menschen geschieht. 

Dies bringt uns in ein Dilemma. Zum einen sind diese Sichtweisen – sozusagen die »rosarot gefärbte Weltsicht« – fehleranfällig, erweisen sich aufgrund der Wahrscheinlichkeit als unzuverlässig und sind im »Fall des Falles« unbefriedigend. Zum anderen können uns diese Sichtweisen die Befürchtungen für den Moment nehmen und unterstützen unser positives Denken. 

Positive Gedanken sind angenehmer, aber …

Nicht nur, dass positive Gedanken angenehmer sind, sie können uns auch in der Realität zum Vorteil werden, wie wir an den Beispielen gesehen haben. Gleichzeitig kennen wir alle die Wahrheit: Auch wunderbare Menschen ereilt ein Schicksalsschlag, und alle positiven Gedanken können einen Streit manchmal nicht abwenden. Wir erleben täglich, dass es in unserer Welt Ungerechtigkeit gibt und dadurch viel Leid entsteht. 

Da sehen wir morgens beim Frühstück in den Nachrichten einen Bericht über ein schlimmes Ereignis oder ein furchtbares Verbrechen. Es geht uns einfach nicht mehr aus dem Kopf, wir sind betroffen, traurig, und unser Tag wird von den Gedankenwolken regelrecht verdunkelt. »Wieso sollen wir positiv denken, wenn wir dann doch enttäuscht werden? Am besten, wir befürchten immer das Schlimmste, so können wir nicht böse überrascht werden.« Wenn wir solche Schlussfolgerungen ziehen und diese negativen Gefühle in unseren Gedanken besonders lange oder intensiv verbleiben, könnte eine Depression entstehen. Das wünscht sich keiner. 

Die Gedanken lenken – bewusst positiv denken 

In der Behandlung von Depressionen versucht man, den Patienten einen Ausweg aus dem Negativ-Kreislauf zu zeigen und sie beim Umdenken – von negativ zu positiv – zu unterstützen.

Man stelle sich zum Beispiel einen vor Kurzem pensionierten Mann vor, der nach einem erfolgreichen Berufsleben in eine Sinnkrise, eine Depression, rutscht. Heute besucht er seine Tochter mit Schwiegersohn. Stolz zeigt ihm die Tochter den Gemüsegarten und fragt nach einigen Pflegetipps. Beim Heimfahren denkt er: »Sie hätten eine bessere Zeit gehabt, wenn ich nicht da gewesen wäre. Meine Tochter führt nun ihr eigenes Leben und braucht mich nicht mehr.« Er könnte sich jedoch bewusst für eine positive Denkweise entscheiden und folgenden neuen Gedanken formen: »Auch wenn mich meine Tochter nicht mehr so wie früher braucht, ist sie gerne mit mir zusammen und fragt mich immer noch um Rat.« 

Mir ist bewusst, dass dieses Beispiel sehr schlicht erscheint und es nicht in jeder Situation so leicht ist, einen neuen und ausgeglichenen Gedanken zu finden. Es soll jedoch veranschaulichen, dass es kein Krampf sein muss, sich positive Gedanken zu machen. Wir können uns auch jeden Tag zwei Bereiche unseres Lebens aussuchen, für die wir dankbar sind und über die wir uns freuen. 

Schlimme Meldungen in den Medien müssen nicht die Hauptrolle in unseren Gedanken einnehmen. Zum einen können wir Bemühungen starten, die Welt in unserer Reichweite für die Mitmenschen angenehmer zu gestalten. Zum anderen dürfen wir uns auf Positives konzentrieren. Wir können uns in Gedanken mit der Dankbarkeit, der Freude und der Hoffnung auf eine »bessere Welt« beschäftigen.

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Autor: Judith Leitner

Personalberaterin, Psycholgie BSc, liebt ihre beiden kleinen Kinder, ihren tollen Mann und ist Hobbygärtnerin

Artikel-Bildnachweis: PIKSEL – gettyimages.de