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Meine Zeit und ich
Zeit zum Leben finden

Drei Wecker, drei Leben
Der Wecker klingelt. Es ist 6:00 Uhr. Ich wache mit einer langen To-do-Liste im Kopf auf und weiß: Sie wird nur noch länger, wenn ich liegen bleibe. Unterricht, Ausschüsse, Projektplanungen, E-Mails, Gespräche mit Lehrerkollegen, Schülern, Schulbehörde – und immer auch Unerwartetes. Ich leite ein kleines Gymnasium mit gerade einmal 90 Schülerinnen und Schülern. Es gibt nichts, was ich mehr bräuchte als Zeit. Am Ende eines solchen Tages falle ich nur noch ins Bett.
Zeit zum Leben neben einem anspruchsvollen Beruf – ist das überhaupt möglich?
Zehn Jahre später ist es nicht mehr der Wecker, der mich weckt, sondern einer meiner Söhne – überzeugt, dass weder sein Bruder noch wir Eltern weiterschlafen sollten. Es ist 6:00 Uhr. Auf mich warten Kinderlieder, Windeln, Spielplätze, Bücher für Zweijährige, Stillen – und noch mehr Windeln. Nach einem turbulenten Tag mit Baby und Kleinkind falle ich wieder nur noch ins Bett. Und die Nacht? Wird mehrfach unterbrochen. Ein Blick in den Spiegel und auf meine Wohnung verrät: Für vieles fehlt mir schlicht die Zeit.
Zeit zum Leben mit kleinen Kindern – ist das überhaupt möglich?
Noch einmal zehn Jahre später frage ich mich, wie das mit der „Work-Life-Family-Balance“ eigentlich gedacht war. Zurück in der Berufstätigkeit werden es immer mehr Bälle, die ich zu jonglieren versuche – aber meine Zeit lässt sich weder dehnen noch vermehren.
Zeit zum Leben – wird das irgendwann möglich?
Zeit als begrenztes wertvolles Gut
Drei völlig unterschiedliche Lebenssituationen – doch sie alle stellen mich vor dieselbe Frage: Wie gehe ich mit meiner Zeit um?
Zeit ist begrenzt. Jeder Tag hat nur 24 Stunden, meine Energie ist endlich. Und während mein 50. Geburtstag näher rückt, wird mir immer bewusster: Auch meine Lebenszeit ist endlich. Ich weiß gar nicht, wie viel Zeit mir bleibt.
„Die Zeit ist zugleich unser wertvollster und verderblichster Besitz.“[1] Anders als vieles, das wir besitzen, kann man sie weder sparen noch lagern. Kein Mensch gewinnt durch Fleiß oder Planung auch nur einen Moment zusätzlicher Zeit zurück. Und nichts ersetzt verschwendete Zeit. Am Ende eines Lebens wissen wir: Zeit ist kostbarer als Geld.
Doch es ist nicht die Quantität, sondern die Qualität unserer Zeit, die über ein erfülltes Leben entscheidet. Wie also kann ich verhindern, dass meine Lebenszeit einfach verrinnt, während ich damit beschäftigt bin, mein Leben zu organisieren?
Mut zum Monotasking
Wer viel unter einen Hut bringen will, neigt zum Multitasking – E-Mails beim Arbeiten, Telefonate beim Kochen, Nachrichten beim Spielen mit den Kindern. Ich springe von einem Gedanken zum nächsten, mein Smartphone hilft mir dabei. Ich beginne hier etwas, dort etwas anderes – nichts wird fertig, und meine Tage fühlen sich an wie ein Puzzle, das kein Bild ergibt. Multitasking macht mich nicht schneller, nur ungenauer. Alles wird beiläufig – und damit belanglos.
Wie wäre es denn mit Monotasking? „Egal, was ich gerade tue, ich tue diese Sache ganz – hingegeben, mit aller Kraft und Aufmerksamkeit“, schreibt Hanna Schott.[2] „Ein jegliches hat seine Zeit“, sagt Salomo in der Bibel im Buch Prediger.[3] Deshalb habe ich nun einen kleinen Zettel bei mir, auf dem ich das notiere, was mir „nebenbei“ einfällt. So kann ich im Moment bleiben – und verpasse nicht, wie mein Sohn sich als Baby zum ersten Mal umdreht, als Zweijähriger seinen Duplo-Tieren die Welt erklärt oder mich als Zehnjähriger fragt, wie sich das anfühlt, verliebt zu sein.
Mut zum Nein
Ich kann nicht alles schaffen – und muss das auch nicht. Vieles, was dringend scheint, ist nicht wirklich wichtig. Zeitgestaltung bedeutet auch Auswahl: Was ist es mir wirklich wert, meine Zeit dafür zu geben?
Meine Werte und Prioritäten helfen mir dabei, bewusst Nein zu sagen – zu anderen und zu mir selbst. Dinge, für die ich mich aus Überzeugung entscheide, werde ich später nicht bereuen.
Mut zur Stille
Um zu erkennen, was wirklich zählt, brauche ich Stille – jene Momente, in denen nichts passiert. Keine Musik, kein Video, keine Nachricht. Als ich anfing, mir als Mutter diese Momente zu nehmen, schlief ich oft dabei ein oder wurde nervös. Doch inzwischen sind sie mir kostbar geworden.
Stille hilft mir zu erkennen, ob ich gelebt werde – oder ob ich wirklich lebe.
Mut zum Jetzt
Leben findet nur im Jetzt statt – nicht in der Erinnerung und nicht in der Planung. Weder das Wehmutgefühl, keine Jugendliche mehr zu unterrichten, noch das Sehnen nach mehr Zeit in einigen Jahren helfen mir, heute erfüllter zu leben.
Ein weiser Mann wurde einmal gefragt, warum er trotz aller Aufgaben so glücklich sei. Er antwortete: „Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich liebe, dann liebe ich.“ Die Fragenden sagten: „Aber das tun wir doch auch!“ Er aber erwiderte: „Nein – wenn ihr sitzt, steht ihr schon. Wenn ihr steht, lauft ihr schon. Wenn ihr lauft, seid ihr schon am Ziel. “[4]
Mut zur Unvollkommenheit
Es bleibt die Entscheidung, zufrieden zu sein, auch wenn nicht alles erledigt ist. Es wird immer etwas zu tun geben. Aber ich will nicht die Wäschehaufen und das Chaos sehen – sondern meine Kinder mittendrin beim Spielen.
Mein Leben ist nicht erst im Urlaub lebenswert. Nicht erst, wenn alle schlafen. Ich habe jetzt Zeit zum Leben. Ganz gleich, wie viele Mails noch unbeantwortet sind oder wie hoch sich die Aufgaben auf dem Schreibtisch stapeln.
Und wie ich vor zwanzig Jahren alles stehen und liegen ließ, wenn ein Jugendlicher an die Tür meines Büros klopfte, habe ich auch diesen Artikel unzählige Male unterbrochen – weil mein Jüngster mich am Ärmel gezupft hat, um mir zu sagen, dass er gerne kuscheln möchte, damit er besser einschlafen kann.
Die Zeit zum Leben findet man nicht neben, sondern bei dem, was man gerade tut.
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[1] John Randolph (US-amerikanischer Politiker, 1173-1833).
[2] Hanna Schott. Der Abschied vom Allesaufeinmal-Wahn. München 2013.
[3] Prediger 3, 1
[4] Quelle unbekannt.
- Meine Zeit und ichAudio-Datei zum Anhören dieses Artikels.

Autor: Cornelia Dell’mour
... ist Ehefrau, Mama, Freundin, Bildungsbeauftragte, Projektleiterin, Studentin mit notorischem Zeitmangel und doch genug Zeit zum Leben.
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