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27.11.2020

Neuanfang – Illusion oder Wirklichkeit

Neuanfänge haben wir alle schon einmal versucht. Mal waren wir erfolgreich, ein anderes Mal sind wir gescheitert.

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Nur noch wenige Tage und der nächste Neuanfang, das neue Jahr, beginnt. Unaufhaltsam und jedes Jahr wieder. Die guten Vorsätze liegen bereits in der Schublade, denn von dort haben wir sie seit Januar nicht herausgeholt. Doch mal ernsthaft. Was macht einen Neuanfang aus? Muss er historisch sein wie die Wiedervereinigung Deutschlands? Ist es etwas ganz Persönliches, wie ein Umzug oder der Wechsel der Arbeitsstelle? Muss er einschneidend sein, wie eine Partnerschaft, die kurz vor dem Zerbrechen steht und Menschen sich eine zwei Chance geben? In der Wirtschaft nennen wir Neuanfänge Relaunch oder etwas ist »2.0«. Dabei muss das Neue besser als das Alte sein, denn sonst bräuchte es keinen Neuanfang. 

 

Immer wieder auf der Suche nach etwas Neuem

Ich liebe Neuanfänge. Etwas anders, neu, besser oder effizienter zu machen ist genial. Ich erinnere mich gut, wie ich in einem Sommerurlaub in Österreich bei meiner Familie Mirabellen entkernt habe. Immer wieder habe ich überlegt, wie ich den Prozess des Entkernens verbessern kann. Wo steht die Schüssel mit den Arbeitsstücken, wie halte ich das Werkzeug und wir kann das alles wie von selbst ablaufen? Banal, aber so bin ich. Meinen Lebenslauf würde man im Personalmanagement als gebrochen bezeichnen, weil ich bereits einige Arbeitsstellen durchlaufen habe. Immer dann, wenn ich meine Ideen für Veränderungen eingebracht hatte, war ich auf der Suche nach etwas Neuem. Einem Neuanfang. Vor viereinhalb Jahren habe ich die Geschäftsführung im Haus Niedersachsen übernommen. Ein Unternehmen, dass sich um Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung kümmert. An jedem Tag kämpfen wir mit unseren Rehabilitanden und Bewohnern um Neuanfänge. Aus der Illusion soll Realität werden. 

 

Man kann nie vorhersehen, wer den Neuanfang schafft

Die Rehabilitanden und Bewohner, die wir in unseren Einrichtungen betreuen, sind mir von Anfang an ans Herz gewachsen. Wenn ich blumig davon schreibe, dass wir Menschen bei einem Neuanfang begleiten, dann habe ich konkrete Personen vor Augen. Menschen, die ihr Zimmer nicht verlassen können, ohne gewisse Rituale durchzuführen. Abläufe, die nicht unterbrochen werden dürfen, weil sonst ihre beruhigende Wirkung verloren geht. Rituale, die ein Hilfsmittel sind, um traumatische Erfahrungen zu betäuben und den Alltag so gut es geht zu bewältigen. Ich denke an Menschen, die den Neuanfang nicht geschafft haben. Jene, die sich direkt oder durch weiteren Konsum des Suchtmittels das Leben genommen haben. Dem gegenüber stehen die vielen Menschen, die nach einem, fünf oder zwanzig Jahren mit uns Kontakt aufnehmen. Sie beschreiben, wie sie ihr Leben neu in den Griff bekommen haben. Großartige Geschichten über Neuanfänge, persönliche Gesundheit, Familienzusammenführungen und die tiefe innere Überzeugung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Warum gelingt es der einen, aber dem anderen nicht? Es gibt kein Rezept und erfahrene Therapeuten und Ärzte berichten mir, dass man nie vorhersehen kann, wer den Neuanfang schafft und wer nicht. Keiner weiß, ob und wann der Absprung gelingt. 

 

Was wäre ich für ein Mensch, wenn nur das Gute übrig bliebe? 

Neuanfang verbinden wir oft mit einer leeren weißen Seite. Wir malen ein Bild und wenn es uns nicht gefällt, reißen wir die Seite aus und beginnen von Neuem. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten setzen wir einfach auf die Werkseinstellungen zurück. Wäre das für unser Leben erstrebenswert? Was wäre, wenn man mich auf die Werkseinstellungen zurücksetzen würde? Alles Schlechte wäre einfach weggelöscht. Das Gute soll ohnehin erhalten bleiben. Was wäre ich dann für ein Mensch, wenn nur das Gute von mir übrig wäre? Am meisten gelernt habe ich aus meinen Fehlern. Das kann ich leicht sagen, denn durch mich ist, so weit ich weiß, kein Mensch gestorben. Es gibt sicher Menschen, die sich wünschen würden, dass von mir nur das Gute übrig ist, dann hätte ich sie nicht verletzt, enttäuscht und im Stich gelassen. Es gibt viele Dinge, auf die ich nicht stolz bin. Fehler, die ich gerne rückgängig machen würde. Aber all diese Dinge haben aus mir den Menschen gemacht, der heute diese Zeilen schreibt.

 

»Hallo, ich bin Paul und ich bin Alkoholiker.«

Wer glaubt, dass ein Neuanfang wie das Rausreißen einer leeren Seite ist und man tatsächlich noch mal ganz von vorne beginnen kann, der ist auf der Suche nach einer Illusion. Das Ehepaar, das einen Neuanfang wagt, stellt fest, dass der Ehebruch langfristige Auswirkungen auf das gegenseitige Vertrauen hat und Misstrauen weitere Belastungen bringt. Der misshandelte Junge, der sich entschieden hat, sein Leben neu zu gestalten, spürt, wie die Erinnerungen an das Erlebte immer wieder hochkommen. Schnell hat die weiße Seite wieder diese dunklen Flecken. Traumatische Erfahrungen oder Depression kann man nicht einfach wegwischen. Wie oft wünschten wir uns, Leid einfach rückgängig machen zu können. Mit Recht. Aber es ist leider nicht möglich. Wenn es also keinen Weg zur leeren Seite gibt, wie kann dann ein Neuanfang aussehen? Wir alle kennen die Szenen von Selbsthilfegruppen aus dem Fernsehen. Jeder, der von seinem Leben berichtet, beginnt mit dem Satz: »Hallo, ich bin Paul und ich bin Alkoholiker«. Viele Menschen stellen sich in unserer Fachklinik mit diesem Satz vor. Dieser Satz soll Ausdruck einer Akzeptanz sein. Abhängigkeitserkrankte sind es gewohnt, ihre Krankheit und ihre Auswirkungen zu verstecken. Schulden werden verheimlicht, Gewalt heruntergespielt und gesundheitliche Folgen missachtet. Sich einzugestehen, dass man süchtig ist, ist ein wichtiger Schritt für einen Neuanfang. 

 

Die Steine im Leben, die nicht passen, in ein Gleichgewicht bringen

Unser Unternehmen hat das Motto »Zufrieden.Mensch.Sein«. Zufriedenheit ist für uns persönlich und für die Menschen, mit denen wir arbeiten, ein wichtiger Faktor. Wenn ich auf der Suche nach einem Neuanfang bin, dann bin ich mit etwas in meinem Leben nicht zufrieden. Wir denken dann schnell, wenn ich das Eine nicht hätte oder das Andere dafür besitzen würde, dann wäre mein Leben in Ordnung. Im Unternehmen sprechen wir von »wachsender Zufriedenheit« und symbolisieren das durch eine facettenreiche Steinsäule. Häuser bauen wir aus passenden Steinen, aber in unserem Leben kommen die Steine, wie sie wollen und oft passen sie so gar nicht zusammen. Es geht aber nicht darum, die Steine, die nicht passen auszusortieren, sondern sie in unserem Leben in ein Gleichgewicht zu bringen. Wer von Alkohol abhängig ist, der wird dies sein Leben lang bleiben. Eine Heilung gibt es nicht. Was man lernen kann, ist zufrieden mit der Krankheit zu leben. Daher geht es bei einem Neuanfang nicht darum, Dinge aus dem eigenen Leben auszusortieren. Es geht darum zu entscheiden, welchen Einfluss die Dinge in meinem Leben haben dürfen und das ist ein langer Prozess.

Wir können ein Trauma nicht rückgängig machen. Ein »ist doch nicht so schlimm« würde alles nur schlimmer machen. Ein Trauma ist schlimm. Wenn es verarbeitet werden kann, dann gelingt es, die Auswirkungen im Hier und Heute zu verändern. Trotzdem wird es nie verschwinden und immer ein Teil des Menschen bleiben, der es erleben musste. Aber die Auswirkungen können verändert werden. Genau dann wird Neuanfang Wirklichkeit. Wenn Menschen, die vorher gar nicht anders reagieren konnten, heute neue Handlungsperspektiven entdecken und sie nutzen lernen. Wer sagen kann, dass er abhängig ist, aber in seinem Leben gegen die Abhängigkeit handeln kann, dem ist ein Neustart gelungen.

»Rückfall gehört zum Geschäft«. Der Satz beschreibt die harte Arbeit, die hinter so einem existenziellen Neuanfang steckt. Der ist in der Regel nicht gradlinig, nicht in allen Schritten erfolgreich und das muss er auch nicht sein. Wichtig ist, dass man dranbleibt und nach jedem Rückschlag den Mut findet, wieder neu aufzustehen und an das Gute anzuknüpfen, das schon geworden ist. Dabei ist vor allem der Mensch wichtig: Du bist mir wichtig, auch wenn ich dein Verhalten nicht gut finde.

Ein Neuanfang bedeutet für mich nicht, Dinge aus meinem Leben auszureißen oder sie zu ignorieren. Neuanfang bedeutet für mich, die vorhandenen Dinge in meinem Leben zu erkennen und Alternativen im Umgang mit diesen Dingen zu entdecken, um daraus eine neue, tiefere Zufriedenheit zu finden.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen tollen Neuanfang 2021.

Bild vom Autor zum Weblog Neuanfang – Illusion oder Wirklichkeit

Autor: Matthias Hierzer

Geschäftsführender Gesellschafter. 44 Jahre alt. Glücklich verheiratet und stolzer Papa. Liebt es, da weiterzumachen, wo andere aufgegeben haben.

Artikel-Bildnachweis: Sindija Svane – gettyimages.de