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01.06.2022

„Ohne Sie hätte ich mich längst umgebracht.“

Vier Mönche sind mitten ins Plattenbauviertel gezogen, dorthin, wo die wenigsten freiwillig wohnen, um Hoffnung zu verbreiten und das christliche Prinzip der Nächstenliebe ganz praktisch auszuleben.

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Wir steigen aus der Straßenbahn und gehen die letzten Meter zu Fuß. Von der Leipziger Innenstadt bis in den Stadtteil Grünau fährt man knapp eine halbe Stunde und doch merken wir: das ist eine andere Welt. Wir laufen im Dämmerlicht durch die Plattenschluchten, für unser ungeübtes Auge sieht alles gleich aus. Ein Mann in Jogginghose schlendert an uns vorbei, Zigarette im Mundwinkel, an der Hand die Hundeleine. Er strahlt aus, was wir instinktiv denken: Perspektivlosigkeit.

Wir verbringen einige Tage bei Andreas, der genau deswegen ganz bewusst hierher gezogen ist. Er könnte auch ganz woanders leben, aber hat sich entschieden, gemeinsam mit ein paar Gleichgesinnten, genau hier ein Licht zu sein und Hoffnung zu verbreiten. Die Männer gehören zur Ordensgemeinschaft „Die Kleinen Brüder des Evangeliums“ und engagieren sich ehrenamtlich als Gefängnis- oder Schulseelsorger, begleiten Geflüchtete bei Behördengängen und gehen sonst einer ganz normalen Arbeit nach. In zwei übereinanderliegenden Wohnungen mit insgesamt vier Brüdern leben sie als christliche Gemeinschaft mitten im Plattenbauviertel Leipzigs. Außerdem haben sie ein Gästezimmer, einen Andachtsraum und ein großes Wohnzimmer, in dem sie oft Gäste empfangen. Auch wir dürfen bei einem großen gemeinsamen Abendessen teilnehmen.

Habt ihr euch bewusst für diesen Lebensstil entschieden, hier einen anderen Akzent zu setzen und mitten unter den Leuten zu leben?

„Mitten in der Welt“ ist unser Motto. Es begann damit, dass kleine Gemeinschaften mitten in den Arbeitervierteln gelebt haben. Das war in den 50er-, 60er-Jahren, damals in sehr kommunistisch geprägten Milieus. Der Kontakt mit Nachbarn war ihnen besonders wichtig. Wir wollen ganz bewusst solidarisch leben, dabei aber nicht missionieren, sondern uns missionieren lassen. Die Nöte und Sorgen der Menschen sollen unsere werden und uns helfen, sensibel zu werden. 

Unsere ersten Brüder haben das damals so gemacht. Und wir leben jetzt so in Ostdeutschland, in einem entchristlichten Gebiet. Wir sind hier nach Grünau gezogen, an den Rand der Stadt. Man ist hier weit weg vom Leben, es gibt keine Restaurants oder Nachtleben. Die Leute, die hier landen, sind Hartz-IV-Empfänger, Alleinerziehende und in den letzten Jahren auch immer mehr Geflüchtete.

Als kleine christliche Gemeinschaft wollen wir hier leben, in Vereinen tätig sein, einfach da sein als eine kleine lebendige Zelle. Dabei geht es uns nicht darum, Bibeln an die Menschen zu verteilen, sondern die Werte aus der Bibel selbst zu leben. Jesus hatte einen Blick für die, die ausgegrenzt waren. Das war seine bevorzugte Klientel, was ja auch immer Anstoß erregt hat.

Welche Rolle spielt Jesus für dich?

Ich habe mal als Jugendlicher begonnen, das Evangelium zu lesen und es hat mich nicht mehr losgelassen. Für mich gibt es kein besseres Vorbild als Jesus. So wie er sensibel ist für Menschen, wie er auftritt, wie er wahrhaftig ist, Widerstand leistet, Widersprüche aushält, wie er Menschen verteidigt, Kinder und Frauen auf eine besondere Weise in seine Gruppe integriert, das hat mich fasziniert. Er war auf der Seite der Schwachen, um Gerechtigkeit bemüht, nicht machtstrebend, heilend, liebevoll. Ich glaube, dass in diesem Menschen Jesus von Nazareth Gott selbst gegenwärtig war und es auch bis heute ist – theologisch gesprochen: Gott und Mensch zugleich.

Warum hast du dich entschieden, so zu leben?

Unsere Bewegung geht auf Charles de Foucauld zurück. Ich habe im Theologiestudium seine Biografie gelesen und war immer auf dieser Fährte. Nach meinem Studium war mir klar: Ich möchte in Einfachheit leben. Als ich dann gemerkt hab, wie stark strukturiert meine Kirche ist, auch Sicherheiten gibt, ein sicheres Gehalt, ein schönes Pfarrhaus und einen angenehmen Lebensstil, habe ich gespürt: das ist mir fremd. Ich möchte einfach leben, solidarisch. Das hängt mit meinem Jesusbild zusammen. Er ist ein Mensch der Einfachen, er kam aus einem verachteten Dorf, gehörte selbst zu den Kleinen. Er war Handwerker. Er sprach Dialekt, man hat ihm sofort angehört, dass er nicht aus der gebildeten Schicht kam. 

Dann habe ich geguckt, welche Gemeinschaft zu diesem Bild passt. Da habe ich die Kleinen Brüder vom Evangelium kennengelernt und meinen Eintritt auch keine Sekunde bereut. Für uns als Gemeinschaft ist es so: wir sehen unsere Ergebnisse nicht sofort. Keinen messbaren Erfolg. Wir machen auf den ersten Blick sinnlose Dinge wie Papiere ausfüllen für das Jobcenter, abwarten und Tee trinken. Aber wir bauen nichts, führen keine Taufen durch oder Hochzeiten. 

Du möchtest einfach leben und sagst: Das, was mir gehört, gehört allen. Ihr verzichtet bewusst auf Familie, Partnerschaft, Kinder. Wie empfindest du das? Ist das leicht oder auch manchmal schmerzhaft? Fehlt dir etwas?

Es gab auch Zeiten, in denen es mir schwergefallen ist, auf all das zu verzichten. Ich komme selbst aus einer großen Familie. Aber ich habe auch meine Freude gefunden – meine Perle, den Schatz. Das, was ich gefunden habe, schafft eine neue Nähe zu Menschen. Zum Beispiel zu unseren syrischen Freunden – unsere Wohnung ist so gestaltet wie ihre. Wenn wir schicker eingerichtet wären, würde es eine große Distanz schaffen. Wir fahren genauso wie sie mit der Straßenbahn, haben kein Auto. Von dieser Nähe leben wir, nicht vom Besitz. Wir laden ein und werden eingeladen, ganz unmittelbar. 

Außerdem hat das etwas mit unserer Verantwortung zu tun. Ich bin davon überzeugt, dass wir auf lange Sicht nicht so weiterleben können, wir plündern unseren Planeten durch unseren völlig überzogenen Lebensstil aus. Ich bin ein sehr naturverbundener Mensch und möchte gerne einen reduzierten Lebensstil führen.

Du hast als Seelsorger im Gefängnis gearbeitet. Was waren die zentralen Fragen und Themen der Menschen? Wie hast du ihnen geholfen? 

Ich war als erstes sehr dankbar für meine eigene Geschichte, weil ich nicht so leben musste, wie viele dort. Dass ich in die Schule gehen durfte. Dass meine Mutter nicht drogenabhängig war oder ständig die Partner wechselte. Das hat mich sehr demütig gemacht. Deswegen sitze ich jetzt hier als Gefängnisseelsorger und nicht als Gefangener. Es waren viele gebrochene Menschen, schon als Kinder. Sie wurden nicht als Verbrecher geboren. Ich wollte, dass sie getröstet werden und Hoffnung bekommen. Man muss diese Menschen nicht noch mehr brechen.

Welche Erfahrungen hast du dort gemacht?

Mir wurde großes Vertrauen geschenkt. Ich habe Geschichten gehört, die würden sie nie einem Staatsanwalt erzählen. Sie wussten, bei mir ist es aufgehoben. Es waren viele sehr dankbar. Einer sagte: „Ohne Sie hätte ich mich längst umgebracht.“ Da gab es dann den Buschfunk: „Mit dem kannst du reden.“ Und es waren oft die kleinen Nöte, die sie beschäftigt haben: Sie baten mich, ihrer Freundin zu sagen, dass sie im Knast sitzen. Oder: „Können Sie mal meine Mutter anrufen?“  Ihnen etwas zu Lesen bringen. Die Kleinigkeiten, gar nicht die weltbewegenden großen Fragen. Die auch unsere Menschlichkeit retten, wenn wir in der Maschinerie Gefängnis gelandet sind.

Wir haben Gottesdienst gefeiert mit Menschen, die das noch nie konnten. Ich hatte es dabei ähnlich gehalten wie bei einem Kindergottesdienst. Immer etwas zum Gucken, ein Symbol, und ich habe immer erklärt, was ich tue. Das war super. Die haben sehr ernsthaft mitgemacht. 

Wir verbringen den Abend mit Andreas und einer kleinen Gruppe. Wir feiern zusammen Gottesdienst, denken über einen Bibeltext nach, singen, beten, essen gemeinsam. Mitten im grauen Grünau. Eine kleine heile Welt, die hält, was sie verspricht. Wir wurden berührt. Wir kommen gerne wieder.

Autor: Jessica Schultka

ist Verlagsleiterin vom Advent-Verlag, Lüneburg

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