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28.05.2020

Was wirklich zählt

Wie die Corona-Krise unser Wertesystem auf den Prüfstand stellt

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Es begann harmlos: Auf einem Wochenmarkt in der chinesischen Provinz Hubei nahe der Großstadt Wuhan wurden Fledermäuse und asiatische Schleichkatzen zum Kauf angeboten. Das Fleisch solcher Tiere gilt in manchen Gegenden als Delikatesse. Doch in deren Zellen schlummerte eine tödliche Gefahr: eine mikroskopisch kleine Hülle aus Eiweiß mit einem Strang Erbinformation (RNA) im Inneren – ein neuartiges Virus, das zur Gruppe der Corona-Viren gehört. Während der Zubereitung zum Verzehr sprang dieser Krankheitserreger vom Wildtier auf den Menschen über – und wanderte dann weiter von Mensch zu Mensch. 

Dieses Szenario für den Beginn der Seuche, die Wochen und Monate später die Welt in Atem halten sollte, erscheint den meisten Epidemiologen als das Wahrscheinlichste. Das neuartige Corona-Virus ist hochansteckend, noch bevor erste Krankheitssymptome (Fieber, Husten) auftreten. Beim größeren Teil der Infizierten bleiben solche Symptome sogar ganz aus oder sind so schwach, dass man ihnen kaum Aufmerksamkeit schenkt. Aber genau diese vermeintliche Harmlosigkeit bewirkte, dass sich das Virus schnell und unbemerkt ausbreiten konnte. Bei schwerem Verlauf mussten Patienten sogar häufig künstlich beatmet werden. Wenn nun die Beatmungsgeräte nicht ausreichen oder nicht genügend Fachpersonal vorhanden ist, um sie zu bedienen, schnellt die Todesrate in die Höhe. So geschah es beispielsweise in Italien, Spanien, Frankreich und in Teilen der USA. Seitdem versuchen fast alle Länder der Welt, die Ausbreitung der Epidemie durch Ausgangsbeschränkungen, zeitweilige Schließung von Schulen, Geschäften und Restaurants sowie strenge Hygienevorschriften im öffentlichen Raum zu verlangsamen.

Gegen Unsicherheit hilft Zusammenhalt 

Die Corona-Krise hat erneut gezeigt, wie Unsicherheit wirkt: Weil man die Wirkungsweise des neuartigen Corona-Virus nicht kannte (und noch immer über manches rätselt), wusste man nicht genau, wie man richtig handeln sollte. Anfangs waren die Maßnahmen zur Eindämmung der Virusverbreitung in Deutschland relativ moderat (Österreich ergriff schon früher drastischere Maßnahmen), später wurden sie strenger. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zögerte: Erst am 12. März erklärte sie den COVID-19-Ausbruch zur Pandemie.

Bereits einige Jahre zuvor gab es vereinzelte Warnungen, dass Viren das größte Risiko für die Welt seien und Virus-Pandemien Millionen Tote fordern würden. Solche Aussagen wurden aber weder von der Fachwelt, noch von der veröffentlichten Meinung sonderlich ernst genommen. Doch inzwischen sind aus manch vermeintlichen »Spinnern« gefragte Interviewpartner geworden. 

Weiterhin hat die Krise gezeigt, wie verletzlich unsere Art zu leben, unsere Gesellschaft und die globalisierte Wirtschaft ist. Gerade deren weltweite Verflechtung und Arbeitsteilung sollte den Wohlstand absichern. Ein hochinfektiöser Molekülhaufen legt nun ganze Kontinente lahm und stürzt die Wirtschaft reicher Länder in den Abgrund. Es offenbart sich, dass Solidarität der entscheidende Wert für das Zusammenleben ist. Überspitzt formuliert: Die Welt wird nicht durch Macht und Geld zusammengehalten, sondern durch gegenseitige Rücksichtnahme, Verzicht und Zusammenarbeit. 

Wir konnten erleben, dass einige für ihre Nachbarn, die in Quarantäne sind, einkaufen gehen, andere haben sich als freiwillige Erntehelfer gemeldet, weil ausländische Arbeitskräfte zunächst nicht einreisen durften. Jugendliche haben für ältere Menschen Besorgungen erledigt, weil diese besser im Haus bleiben sollten. Solidarität mit den Schwächeren, Hilfsbereitschaft und selbstloser Einsatz haben geholfen, die Krise zu bewältigen.

Interessant ist auch, dass die wichtigsten Berufe für die Aufrechterhaltung der Versorgung die der Supermarktkassiererin, des Brummifahrers und der Pflegekraft waren – mäßig bis schlecht bezahlte Tätigkeiten mit teilweise schlechtem Image. 

Was bleibt?

Was wird nach der Corona-Krise bleiben? Was gewinnt die Oberhand? Werden wir durch diese Erfahrung »andere« Menschen sein? Werden wir unser Gesundheitswesen oder die Tätigkeiten von Lebensmittelverkäuferinnen und Paketboten mit anderen Augen sehen? Oder geht danach alles wieder seinen gewohnten Gang? Historiker stellten immer wieder fest, dass Krisen bestehende Tendenzen verstärkten und Entwicklungen beschleunigten. Wir erleben in der Corona-Zeit viel gegenseitige Unterstützung und Solidarität unter den Menschen. Und zugleich mehren sich die Anzeichen, dass es auch einen Trend zum Egoismus gibt, der sich nicht nur in Hamsterkäufen äußert, sondern auch in der bewussten Missachtung von Abstandsregeln, Diebstahl von Gesichtsmasken und Wucherpreisen für Desinfektionsmittel. Und auch in der Staatenwelt gibt es keine einheitliche Entwicklung: Sowohl verstärkte internationale Zusammenarbeit als auch nationale Egoismen sind zu beobachten. Einige Politiker preisen im Hinblick auf die bestmögliche Krisenbewältigung den autoritären Zentralstaat, andere die föderale Demokratie. Ärmere Länder wird die Pandemie wirtschaftlich stärker treffen als reiche, was den Bemühungen um eine Angleichung der weltweiten Lebensbedingungen einen Rückschlag versetzen dürfte. Manche Zukunftsforscher sagen ein neues Zeitalter der Solidarität voraus, andere prophezeien genau das Gegenteil. Beide berufen sich auf historische Beispiele. 

Unstrittig wird die Corona-Krise den Trend zur Digitalisierung verstärken. Dadurch ist die Arbeit im Home-Office leichter möglich geworden und Besprechungen können unkompliziert als Videokonferenzen stattfinden. Diese Errungenschaften wird man gewiss auch nach der Krise beibehalten. Das wird unsere Arbeitswelt verändern und zumindest der Umwelt guttun, weil so manche Flugreise überflüssig werden kann. 

Wir haben es in der Hand

Letztlich liegt es an uns, welche Lehren wir aus dieser Krise ziehen. Hier hat mir eine Aussage von Stefan Dräger, dem Vorstandsvorsitzenden der Drägerwerke aus Lübeck, einem der weltweit größten Hersteller von Beatmungsgeräten besonders gefallen. In einem Interview mit der WELT vom 28. März sagte er: »Gesunder Menschenverstand und Nächstenliebe sind jetzt noch wichtiger als Ingenieurskunst und viel Geld. Nur mit solchen menschlichen Tugenden werden wir zu richtigen Entscheidungen kommen.« 

Vor rund 2000 Jahren hat der frühchristliche Gelehrte Paulus diese Einsicht so auf den Punkt gebracht: »Denn das ganze Gesetz [alle Regeln der Bibel, die das Zusammenleben von Menschen betreffen] ist in einem einzigen Wort zusammengefasst in dem Gebot: ›Du sollst deine Mitmenschen lieben wie dich selbst.‹« (Galaterbrief 5,14 Neue Genfer Übersetzung) Und Jesus sagte in seiner Rede über die Endzeit und das Weltgericht: »Was ihr für einen der Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan!« (Matthäusevangelium 25,40). Ganz am Ende, wenn Bilanz gezogen wird, zählen Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe und der Einsatz für die Schwächeren – also Zusammenhalt und Gemeinsinn. Und in einer Krise, wie wir sie gegenwärtig erleben, merken wir, dass dies wahrhaftig so ist.

 

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Autor: Thomas Lobitz

ist Zeitschriftenredakteur beim Advent-Verlag, Lüneburg. Er findet es spannend, aktuelle Entwicklungen zu beobachten und versucht sie aus christlicher Perspektive zu deuten.

Artikel-Bildnachweis: Lacheev – gettyimages.de