Artikel zu Themen
Wie ich
Weinend sitzt er auf der Treppe und weigert sich, weiterzugehen. Ich habe es eilig, möchte ihn einfach hochnehmen und runtertragen – doch er sträubt sich.

Ein Kleinkind, überwältigt von seinen Gefühlen. Ein klassischer Wutanfall würden wir Erwachsenen sagen.
Und plötzlich bin ich selbst wieder dort. Dieselbe Treppe, aber vor mehr als 35 Jahren. Damals saß ich dort – trotzig, wütend, weil ich meine Hausschuhe nicht anziehen wollte. Die Konsequenz: kein Abendessen. Auch ich war überwältigt von meinen Gefühlen.
Dieser Moment, dieser Perspektivwechsel, ließ mich innehalten. Ich verstand, dass mein Sohn nicht einfach „bockig“ war. Für ihn fühlte es sich genauso groß und unüberwindbar an, wie es sich für mich damals angefühlt hatte. Also blieb ich kurz stehen, atmete durch – und ließ ihn in seinem Tempo weitergehen.
Im Alltag, in vertrackten Situationen, sind es oft gerade diese kleinen Momente, in denen ein Perspektivwechsel Wunder wirkt. Er muss nicht immer der große Urlaub, das Sabbatical oder die Pilgerreise sein – auch wenn das alles wertvoll ist. Manchmal bedeutet Perspektivwechsel einfach, nicht von oben herab zu urteilen, sondern sich in die andere Person hineinzuversetzen. Das heißt auch: sich klein zu machen, verletzlich zu sein. Natürlich gelingt das nicht immer, besonders wenn es schnell gehen muss. Aber es ist ein Prozess, in dem wir wachsen können – Schritt für Schritt.
Ein Anfang kann sein, bewusst innezuhalten. Einmal tief durchatmen, bevor ich lospoltere oder sofort eine Lösung präsentiere. Einen Moment nachdenken, wie mein Verhalten auf den anderen wirkt. Oder mich auf Augenhöhe begeben, die Perspektive meines Gegenübers einnehmen.
In vertrackten Situationen hilft es, sich mal komplett rauszunehmen, still sein, Atem holen.
Bei meinem Sohn – der übrigens auf der Treppe öfter trödelt, als mir lieb ist – heißt das: Ich plane von vornherein ein paar Extra-Minuten ein. Manchmal klappt ein Wettrennen, manchmal hilft eine raffinierte Ablenkung („Guck mal, da unten wartet was Spannendes!“), und manchmal bleibt nur: mich daneben setzen und warten. Aus dieser Perspektive entdecke ich dann Spinnweben, die mal wieder entfernt werden müssten. Joa. Auch eine Erkenntnis.
- Wie ichAudio-Datei zum Anhören dieses Artikels.
Autor: Jessica Kaufmann
