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28.07.2020

»... fliegen Sie weiter eine schöne Rechtskurve

Von einem, der auszog, das Fliegen zu lernen

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Es ist der 31. August 2019. Max Sylvester, 29, will Fliegen lernen. Seine Frau und die drei kleinen Kinder warten am Boden, während er mit dem Fluglehrer abhebt. Die zweisitzige Cessna 152 lässt die Startbahn unter sich zurück, der Motor lärmt, während unter ihnen die Gebäude kleiner werden. Der Fluglehrer erklärt die Instrumente. Max Sylvester hört aufmerksam zu.

Da wird der Fluglehrer plötzlich ruhig. Er kippt im Sitz zur Seite, bis er an der Schulter seines Schülers lehnt. Sylvester versucht, ihn aufrecht zu halten, er spricht ihn panisch an, aber der Fluglehrer reagiert nicht, er hat das Bewusstsein verloren. 

Es ist still bis auf das Brummen des Motors. Die Instrumente zeigen 1900 Meter Flughöhe. Sylvester wendet sich an den Tower des kleinen Flughafens Jandakot: "Emergency. Emergency. Emergency."

"Jandakot Tower, ich kann Sie hören. Wissen Sie, wo Ihr Transponder ist?" Nachdem er keine Antwort auf die Fragen erhält, erkundigt sich der Lotse: "Sind Sie damit vertraut, wie man das Flugzeug fliegt?"

"Das ist meine erste Flugstunde."

"Wo ist Ihr Fluglehrer, ist er ohnmächtig?"

"Er lehnt an meiner Schulter, ich versuche, ihn oben zu halten, aber er fällt immer wieder runter."

Für einen Moment ist es still. "Als Erstes werden wir dafür sorgen, dass die Tragflächen waagerecht bleiben und Sie die Geschwindigkeit und die Flughöhe halten."

"Meine Flughöhe ist momentan tausendneunhundert."

Der Fluglotse fragt, ob er irgendwelche deutlichen Landmarken sehen kann, und sie tauschen sich darüber aus, was er vom Flugzeug aus sieht.

"Können Sie den Flughafen sehen? Ich schalte das rotierende Licht auf dem Dach des Towers an."

Der Flugschüler bestätigt.

"Wir werden versuchen, Sie auf Landebahn 3 – 0 zu bringen. Sie können den Flughafen gleich anfliegen."

"Soll ich die Geschwindigkeit reduzieren? Ich bin gerade bei zweitausendsechshundert und meine Geschwindigkeit ist bei hundertzehn."

Der Lotse lobt ihn. "Wir können Sie vom Fenster aus sehen. Sie machen das wirklich großartig. Ich weiß, das ist sehr aufreibend, aber Sie machen es fantastisch, und wir werden Ihnen helfen, runter auf den Boden zu kommen. In Ordnung?"

Ich bin nicht in diesem Flugzeug, ich sitze an meinem Schreibtisch und höre den Mitschnitt des Funkverkehrs von jenem 31. August 2019, aber mein Herz pumpt, als würde ich gleich abstürzen. Ich bin dankbar für die Ermutigung des Fluglotsen. Er hat etwas Väterliches an sich.

Der Flugschüler ist nervös. »Darf ich bitte zuerst einen Überflug machen?«

"Tun Sie das, machen Sie sich vertraut mit der Landebahn. Es sind hier derzeit keine anderen Flugzeuge in der Luft, also werden Sie niemandem zu nah kommen. Wenn Sie die Geschwindigkeit reduzieren wollen, achten Sie nur … Man nennt es RPM, das sind die Zweitausendsechshundert, von denen Sie gesprochen haben, Umdrehungen pro Minute. Achten Sie darauf, dass die Zahlen grün sind, nicht gelb oder rot, Sie können behutsam die Geschwindigkeit reduzieren, und halten Sie ein Auge darauf, dass Sie nicht ins Rote kommen, und halten Sie die Tragflächen waagerecht und die Nase schön gerade am Horizont.« Auf dem Flughafen rücken vier Feuerwehrwagen und ein Krankenwagen aus. »Sie fliegen gerade entgegengesetzt zu der Richtung, in der Sie nachher landen sollen. Könnten Sie eine Rechtskurve fliegen … wenn Sie möchten? Ganz genau, fliegen Sie weiter diese schöne Rechtskurve für mich. Aus dem rechten Fenster sehen Sie die Landebahn, auf der ich Sie gern hätte."

"Habe verstanden. Danke für Ihre Hilfe."

"Dafür sind wir da." Er beschreibt ein parkendes Flugzeug zu Beginn der Landebahn, um zu erklären, wo das Flugzeug ungefähr aufsetzen soll. "Schön ruhig, fliegen Sie mal über die Landebahn, damit Sie ein Gefühl dafür bekommen, wie es sein wird, dort zu landen." Er fragt: "Haben Sie schon einmal ein Flugzeug gelandet, selber oder mit jemand anderem, der Ihnen geholfen hat?"

"Nein, hab ich nicht."

Der Fluglotse erklärt: "Wie Sie die Bahn gerade angeflogen haben, die Flughöhe, auf die Sie gekommen sind, war perfekt. Was Sie aber beim nächsten Mal tun müssten, ist, die Geschwindigkeit zu reduzieren. Das war das einzige Problem. Es war nur ein bisschen zu flott."

Beim nächsten Anflugversuch wird es ernst. Der Lotse verlangt: "Senken Sie auf tausendsiebenhundert RPM. Heben Sie sanft die Nase an."

"Soll ich landen?", fragt der Schüler. Aber es gelingt nicht, der Flugschüler zieht das Flugzeug hoch.

Der Lotse sagt ruhig: "Wir landen beim nächsten Anflug." Wieder lobt er: "Die Höhe war perfekt. Wir landen beim nächsten Mal. Sie machen das wirklich, wirklich gut. Sie tun exakt das Richtige, wir bringen Sie wieder auf den Boden."

Jemand filmt mit dem Handy den erneuten Landeanflug der Cessna. Beim Ansehen donnert mir das Herz gegen die Rippen. Der Lotse wird jetzt hektischer. »Nase weiter runter. Nase weiter runter. Perfekt. Gas weg. Gas weg. Die Nase sanft anheben. Sanft anheben. Halten. Genau so halten. Das ist perfekt. So halten. Sanft in die Bremsen. Sanft in die Bremsen. Und Sie sind am Boden. Sie haben es geschafft! Sie haben unglaubliche Arbeit geleistet. Gratuliere zum ersten Solo.«

Sanitäter holen den bewusstlosen Fluglehrer aus dem Flugzeug und begutachten auch Max Sylvester. 

Chuck McElwee, der Eigentümer der betroffenen Flugschule Air Australia International, sagt der Nachrichtenagentur AFP: "Das hätte sehr, sehr schlecht ausgehen können. Aber alles ist gut gegangen, vor allem wegen der guten Arbeit des Towers."

Worin bestand diese gute Arbeit? Der Flugschüler erklärt CNN: "Ich hatte ziemliches Chaos im Kopf. Und es war schwer auszuhalten, dass es meinem Fluglehrer nicht gut ging. Es ging also darum, uns zum Boden zu bringen, und zur richtigen Station vorzudringen und mit jemandem zu reden, der uns runterhelfen konnte."

Immer wieder ermutigte der Fluglotse Sylvester. Und er traute ihm zu, das Flugzeug, in dem er zum ersten Mal saß, sicher zu landen. Dieses Zutrauen hat Max Sylvester gestärkt: die Ermutigung durch einen erfahrenen Mentor.

Mentoren wie dieser Fluglotse haben auch mir Pfade im Leben gezeigt, die ich sonst nie gefunden hätte. Zum Beispiel George Dunder, ein alter Mann im Rollstuhl, mit dem ich jahrelang Briefe wechselte. Er sagte irgendwann, meine Briefe seien etwas Besonderes. Ob ich nicht aus dem Schreiben etwas machen wolle? Inzwischen lebe ich seit zwanzig Jahren vom Schreiben. Ich bin Autor, weil George Dunder mich ermutigt hat.

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Autor: Titus Müller

lebt als freier Autor mit seiner Familie in Landshut. Zuletzt erschien sein Roman »Die goldenen Jahre des Franz Tausend«

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