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16.08.2018

Das ist nicht fair!

Über Fairness und Gerechtigkeit

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"Timo, schieb ihn raus!" Dieser Satz erregte die Gemüter beim DTM-Rennen in Spielberg. Auch die TV-Zuseher hörten diesen Satz und sahen, wie Augenblicke später der vermeintliche Sieger in der letzten Runde durch einen Rempler seines Konkurrenten im Kiesbett landete. Ob es nun Absicht war oder nicht, darüber wurde noch lange gestritten. Letztendlich gab es nach ein paar Wochen eine hohe Strafe für den Rennstall. Eigentlich ist so ein "Rennunfall" es nicht wert, hier erwähnt zu werden. Gegenüber den wirklichen Problemen der Welt sind das Sandkastenspiele oder Hobbies von Leuten, die viel zu viel Geld und Zeit haben.

Es darf ruhig einmal die Unterhaltungsindustrie kritisch betrachtet werden. Es geht um einen unvorstellbaren Einsatz und um Geldbeträge, die, anders verwendet, nicht nur für ein paar Sekunden Glücksgefühle der Verwöhnten erzeugen, sondern das Leben der nicht so Privilegierten auf Dauer entscheidend verbessern könnten. Oder einfacher ausgedrückt: Die Welt könnte anders aussehen, würde der Mensch andere Maßstäbe setzen. Noch immer nicht klar? Dann noch einmal anders: Wir könnten unseren sehr kurzen Nervenkitzel gegen eine lang anhaltende Freude austauschen, wenn wir die Unsummen der aberwitzigen Groß-Sportereignisse und der unverschämt hohen Gehälter der "besten" Leute für soziale Projekte einsetzen würden.

Freude oder Nervenkitzel?

Ich merke, dass es gar nicht so einfach ist, das auszudrücken, weil die Gefahr besteht, in die falsche Richtung zu geraten. Natürlich dürfen wir uns des Lebens erfreuen und auch Zerstreuung suchen. Niemand kann im Dauereinsatz ständig Leben retten, ohne selbst Schaden zu nehmen. Doch wenn es um so viel Geld geht, hat das nichts mit harmloser Freude und Zerstreuung zu tun, sondern ist ein knallhartes Geschäft, das von Zusehern, aber auch Verweigerern finanziert wird. Die horrenden Unkosten und Gehälter bezahlt doch nicht einfach nur ein Konzern. Sie kommen aus dem Verkaufsgewinn der Produkte. Da geht es beileibe nicht nur um Luxusartikel oder irgendwelche Getränke, die eigentlich verboten gehörten, weil sie krank machen und von den Sportlern ganz sicher nicht konsumiert werden. Ist das nicht paradox? Es ist die typische Begleiterscheinung des so widersprüchlichen Menschen. Das Schlimme daran ist, dass wir es kaum noch merken. Erst wenn wir es wieder zum Thema machen, wird uns manches bewusst, aber viel ändern wird sich daran wohl kaum. Dafür lieben wir unsere Gewohnheiten viel zu sehr, auch wenn sie uns schaden oder schlimmstenfalls sogar umbringen. Wir wollen frei sein und ziehen im selbstgebauten Käfig unsere Runden. Dadurch machen wir uns und anderen nur etwas vor.

Wie gut, dass es dann wieder Zeiten gibt, in denen wir spenden dürfen! Und weil dann die vielen kleinen Summen zusammengezählt werden, hört sich das unglaublich viel an und erzeugt wegen unserer Großzügigkeit eine tiefe Zufriedenheit. Würde man die Ausgaben allein nur für Sport, Spiele und sonstige Freizeitvergnügen daneben hinstellen, würde es uns die Schamröte ins Gesicht treiben - oder auch nicht. Ich weiß nicht, ob es darüber Zahlen gibt, aber über so viel Sachverstand dürfte jeder verfügen, um zu erkennen, dass die Verhältnisse unvorstellbar weit auseinanderliegen.

Zur Sicherheit nochmals: Wir könnten in ein Extrem fallen und bei jeder "unnötigen" Ausgabe uns und anderen ein Gewissen machen. Wenn der Nachtisch deshalb wegfällt, der Ausflug gestrichen, jegliches Hobby verboten, auf eine gemütliche Sitzgelegenheit verzichtet oder grundsätzlich Besitz verpönt wird, dann würde ich Bedenken anmelden. Darauf will ich aber gar nicht eingehen, weil es die kritische Sichtweise auf den gängigen Lebensstil verstellen könnte.

So ist der Mensch

Was hat das alles mit dem Titel "Das ist nicht fair" zu tun? Etwas nicht oder zu wenig beachten ist doch etwas anderes, als jemanden bewusst aus dem Rennen zu werfen. Das stimmt schon, nur kam das eingangs erwähnte Beispiel nicht von ungefähr. Sicher, der Ehrgeiz mancher Menschen ist schon problematisch. Da geht es um nichts, und trotzdem riskiert man alles, um ganz vorne oder ganz oben zu stehen. Das ist leider unsere menschliche Natur. Der Mensch lässt sich gerne bejubeln.

Wenn aber auch das Geld, die Vermarktung und der Ruhm dahinter stehen, wird das menschliche Defizit zu einem System, dem man kaum noch entkommt. Wenn eine kleine Entscheidung viele Millionen einbringt oder man sie verlieren kann und es Auswirkungen auf einen ganzen Rennstall, auf ein Produkt oder auf Firmen hat, wird die Gefahr sehr groß, auch mit unfairen Mitteln seinen Platz zu behaupten. Das betrifft nicht nur den Spitzensport, sondern auch hochbezahlte Berufe in der Wirtschaft oder der Politik. Über fehlende Fairness darf man sich da nicht allzu sehr wundern. Das könnte sehr schnell dem Ziel im Weg stehen!

Faires Leben

Glücklicherweise gab es schon immer Bestrebungen, nicht nur fair zu kaufen oder zu verkaufen, sondern auch für die Nöte anderer die Augen und Ohren offen zu halten. Angesichts des nicht fairen Verhältnisses zwischen dem luxuriösen Eigenwohl und dem Bedarf an Hilfe für andere könnte man die wichtige Arbeit und den Einsatz vieler für das Wohl anderer vergessen. Das wäre auch nicht fair. In unserer Gesellschaft spiegelt sich beides wider: Die Mitmenschlichkeit, die einer christlichen oder humanistischen Überzeugung entspringt, oder die Gleichgültigkeit, die Verschwendungssucht und der Eigennutz.

Die vielen Einsätze der Ehrenamtlichen oder der nicht gut bezahlten Kräfte sind nicht wegzudenken. Es würde einer Katastrophe gleichen, würden sich diese Kräfte zurückziehen. Ich glaube nicht, dass es übertrieben wäre, zu sagen, es würde das Ende unserer Gesellschaft bedeuten. Ob es das soziale Bestreben, die vielen Einsätze im Alltag für andere oder das christliche Gemeindeleben betrifft - ohne den Einsatz und die Mittel Freiwilliger würde die Welt um vieles, sehr vieles dunkler werden. Es wäre nicht fair, das zu verschweigen. Hier befinden sich die wahren Helden.

Mir persönlich ist es völlig egal, ob jemand in 50 Runden um 10 Sekunden schneller fährt als der andere oder um zwei Sekunden früher in den Zieleinlauf kommt. Doch deshalb soll er der Superstar sein und so viel Geld verdienen, dass er gar nicht weiß, wohin damit? Und nur weil ein Mensch durch seine Komik, sein Aussehen, seinen Gesang oder sein Spiel für Unterhaltung sorgt, soll man ihm zu Füßen liegen und ihn mit Lob und Geld überhäufen, sodass er Wunsch und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden kann?

Das alles kann nur passieren, weil viele Menschen Glücksmomente mit schwer verdientem Geld bezahlen – entweder freiwillig durch die Eintritte oder unfreiwillig durch die Aufschläge der beworbenen Produkte. Und dort, wo die Masse nicht jubelt und klatscht, ist der Mensch, der bewundert werden soll, plötzlich nichts mehr wert. Man sucht sich andere. An Angeboten fehlt es ja nicht.

Ein biblischer Rat

Bevor Paulus Christus begegnete, hatte er Freude am Tod der Christen. Er war von sich selbst eingenommen und stieg buchstäblich über Leichen für seine Ziele. Doch dann erlebte er einen völligen Gesinnungswandel. Sein Leben wurde neu ausgerichtet. Als er die folgenden Zeilen für die Menschen in der christlichen Gemeinde niederschrieb, wusste er, wovon er redete: "Früher habt auch ihr in Dunkelheit gelebt; aber heute ist das anders: Durch den Herrn seid ihr im Licht. Darum lebt nun auch wie Kinder des Lichts! Ein solches Leben führt zu aufrichtiger Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Prüft in allem, was ihr tut, ob es Gott gefällt." Epheser 5,8-10 Hfa

Zu diesen Sätzen ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Man sollte sie immer wieder lesen, sie verinnerlichen und in seinem Leben verwirklichen – nur so kann es fairer werden.

Noch etwas

Will Gott auch nur ganz oben stehen und jede Konkurrenz verdrängen? Lässt er auch die Menschen, die für ihn nicht mehr interessant genug sind, einfach fallen? Wie ist sein Charakter? Was für ein Bild machen wir uns von Gott? Das waren schon immer wichtige Fragen, die viel zu wenig gestellt werden.

Autor: Pierre Intering

Artikel-Bildnachweis: © hidesy/istockphoto