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16.01.2017

Es bleibt nichts verborgen

Beruhigend - oder doch nicht?

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"Auf zweierlei sollte man sich nie verlassen: Wenn man Böses tut, dass es verborgen bleibt; wenn man Gutes tut, dass es bemerkt wird." (Ludwig Fulda, deutscher Bühnenautor, 1862–1939) Auch wenn dieser Satz eher ein empfindsames Gemüt ansprechen mag, brachte der Autor die Sache doch auf den Punkt. Sie ist besonders in unserer Informationsgesellschaft hochaktuell. ...

Verlassen sollte man sich sowieso auf nichts - meint man so landläufig. Und wenn doch, dann fallen einem Dinge ein wie der Tod, der dem Leben, der Schmerz, der der Verletzung und die Enttäuschung, die der Liebe folgt. In diesem eher deprimierenden Ton würde man sicher noch eine ganze Liste aufzählen können. Aber das ist nicht das Thema. Ob es wirklich immer so ist? Ganz so düster sollte man die Sache auch wieder nicht sehen. Unter Umständen wartet auf uns das Großartigste und Schönste, was wir uns nur vorstellen können. Aber dazu später mehr.

Verborgenes

Kaum etwas ist so beliebt, wie über verborgene Dinge zu sprechen - über Dinge, die die anderen nicht wissen, die man selbst nicht beweisen muss und über die sich viele Vermutungen anstellen lassen. Es liegt in der Natur des Menschen, eine gewisse Spannung in den Alltag zu bringen. Passiert nichts oder nicht viel, werden kleine Dinge künstlich großgeredet oder alle möglichen (und unmöglichen) Vermutungen angestellt. Der Themenvielfalt sind da keine Grenzen gesetzt. Das fängt beim nachbarschaftlichen Klatsch an und hört bei riesigen Weltverschwörungstheorien auf - nein, selbst da ist kein Ende abzusehen. Irgendwie geht es immer weiter. Wer nicht aufpasst, müllt sich sein ganzes Leben mit irgendwelchen Theorien und Vermutungen zu. Irgendwann weiß man wirklich nicht mehr, was nun stimmt und was nicht, wem man überhaupt noch trauen kann und was einen morgen erwartet.

Spionage

Dass es besonders in unserem Zeitalter immer mehr zu solch einem Hang nach Geheimwissen kommt, ist zum Teil verständlich. Es geschieht ja wirklich vieles, was wir uns vorher nicht haben vorstellen können. Schreckliche Kriege werden aufgrund manipulierter Beweise geführt und der Bevölkerung als Rettungsdienst verkauft. Ob ein Krieg jemals Berechtigung hatte, sei einmal dahingestellt. Tatsache ist, dass nie so viel gelogen und betrogen wird wie in kriegerischen Auseinandersetzungen – und das meist von beiden Seiten.

Die Enthüllungen von Edward Snowden über die Abhör- und Spionagepraktiken der US-Geheimdienste versetzte die ganze Welt in Aufregung. Obwohl man wusste, dass jedes Land Geheimdienste unterhält und diese schon immer im Hintergrund mit zwielichtigen Methoden operierten, wurde es den Menschen doch wieder bewusst, wie löchrig die Privatsphäre des Einzelnen sein kann. Grundsätzlich hat niemand etwas dagegen, wenn Verbrecher ins Visier genommen werden - außer den Übeltätern natürlich. Dass aber offenbar keiner grundsätzlich vom Verdacht ausgenommen ist, empört dann doch. Schließlich ist das persönliche Gespräch, der Brief oder das Mail eine sehr intime Angelegenheit. Wenn jetzt plötzlich jemand mithört oder -liest, ist das nicht nur nicht angenehm, sondern schränkt eine Freiheit ein, die wir als Lebensrecht beanspruchen. Es verunsichert und macht immer misstrauischer. Die Spitzelaktionen der Diktaturen sind dafür ein trauriges Beispiel.

Informationsbeschaffung

In einem weitaus kleineren Maß gehört die Beschaffung von Informationen über andere zu unserem Alltag. Ob in der Industrie, der Politik, innerhalb einer Firma, in allen möglichen gesellschaftlichen Ordnungen und selbst in der Familie - zu wissen, was vor sich geht, gehört zum Alltag. Dass dies einer grundsätzlichen, vertrauensvollen Lebenshaltung nicht gerade dienlich sein kann, ist wohl klar. Unter bestimmten Umständen mag es aber wichtig sein, dass man Informationen über Dinge bekommt, die der andere mit allen Mitteln zu verbergen versucht. So wäre es von Eltern sträflich, wenn sie blauäugig alarmierende Signale nicht beachteten und nicht nachhakten. Wer sich rechtzeitig informiert und entsprechend reagiert, kann seine Kinder vor dem Verderben und womöglich auch das Leben anderer retten. Auch der Firmenchef erwartet wahre Angaben über die Dinge, die er nicht sehen kann, aber doch verantworten muss. Dass man bei allen berechtigten und unberechtigten Sorgen zu Mitteln greift, die man lieber nicht öffentlich erörtert, ist auch in herkömmlichen Kreisen eher der Alltag als die Ausnahme. Was da im Kleinen geschieht, wird auch im Größeren umgesetzt. Schweigepflicht hin oder her - darauf verlassen kann man sich nicht wirklich. So haben sich viele auf das Bankgeheimnis verlassen, bis jemand auf die geniale Idee kam, Unrecht mit nicht ganz legalen Mitteln zu bekämpfen - was sicher keine neue Erfindung ist. Die Selbstanzeigenflut nach den gekauften/geklauten Bank-Daten aus der Schweiz, gab den Entscheidungsträgern Recht. Die Steuerhinterzieher in den verschiedenen Ländern konnten schlecht öffentlich dagegen protestieren. Sie hatten sich auf Unrecht eingelassen und saßen in der Klemme.

Es gibt nicht viel Verborgenes

Die Reaktionen auf alle diese Abhör- und Spionageskandale machen nachdenklich. Wohl kaum einer freut sich darüber, und trotzdem wird es gemacht, weil einen anscheinend die Umstände dazu zwingen. Man wünscht sich andere Möglichkeiten, um mehr Sicherheit vor dem irren Terror zu erlangen. Die Gefahr ist wirklich nicht zu unterschätzen, dass unter bestimmten Umständen dieses (ziemlich löchrige) Sicherheitsnetz zur Gefahr für andere Ziele oder Minderheiten wird. Der Mensch hat in der Vergangenheit schon oft unter Beweis gestellt, wozu er fähig ist. Obwohl der Westen das Mittelalter überwunden zu haben scheint, ist unter schlechteren Voraussetzungen eine Wiederbelebung gar nicht so weit hergeholt. Diktaturen müssen nicht durch einen Putsch entstehen. Es kann auch schleichend passieren, und dies nicht einmal in böser Absicht.

Es gibt gar nichts Verborgenes

Eine ganz andere Sache beschäftigt einen aber auch. Wie anonym ist unser Leben wirklich? Nein, nicht in Bezug auf menschliche Überwachung, sondern aus der Sicht eines Menschen, der an Gott glaubt. Empfinden wir es als Bedrohung, wenn wir uns von Gott "beobachtet" fühlen, oder beruhigt uns diese Vorstellung? Als sich wieder einmal tausende Menschen um Jesus drängten, darunter auch die Pharisäer, die Gründe zur Anklage suchten, sagte Jesus: "Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer - hütet euch vor ihrer Heuchelei. Es kommt die Zeit, da wird alles offenbar werden; alles, was jetzt noch geheim ist, wird dann öffentlich bekannt gemacht werden. Alles, was ihr im Dunkeln gesagt habt, wird im Hellen zu hören sein, und was ihr hinter verschlossenen Türen geflüstert habt, wird man von den Dächern rufen, sodass alle es hören!" Lukas 12,1-3 (NL) Für die Feinde Jesu musste dieser Gedanke erschreckend gewesen sein, sofern sie ihm glaubten. Alles sollte einmal ans Licht kommen? Das hielt sie aber nicht davon ab, diesen Jesus nun erst recht zum Schweigen zu bringen. Doch ging es Jesus wohl um weit mehr als nur um seine Feinde. "Was ihr hinter verschlossenen Türen geflüstert habt ..." Bevor man seinen Finger auf die offensichtlichen Feinde richtet, sollte man an sich selbst denken. Was tat und was sagte man selbst "im Dunklen ... hinter verschlossenen Türen"? Wenn Unrecht, und sei es "nur" in Gedanken oder Worten, geschieht, sollten die Menschen wissen, dass eines Tages alles offengelegt wird. Bedrohlich? Furchtbar? Kommt darauf an, von welcher Seite man es betrachtet. Für das Opfer ist es ein Trost, für den Täter eine Bedrohung. Der Bestohlene wünscht sich die Aufdeckung schon viel früher, der Dieb jedoch hat daran kein Interesse und zittert beim Gedanken, dass sein Treiben öffentlich wird.

Im Gegensatz zum Menschen macht Gott keine Fehler - das kann nun wieder als Trost, aber natürlich auch wieder als Bedrohung verstanden werden. Keiner wird übersehen, keiner rutscht durch: "Nichts in der ganzen Schöpfung ist vor ihm verborgen." Hebräer 4,13a (NL) Nichts, gar nichts! Dieser Satz steht im folgenden Zusammenhang: "Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam. Es ist schärfer als das schärfste Schwert und durchdringt unsere innersten Gedanken und Wünsche. Es deckt auf, wer wir wirklich sind, und macht unser Herz vor Gott offenbar. Nichts in der ganzen Schöpfung ist vor ihm verborgen. Alles ist nackt und bloß vor den Augen Gottes, dem wir für alles Rechenschaft ablegen müssen." Hebräer 4,12.13 (NL)

Zugegeben, das sieht wirklich nicht gut aus für uns - für uns alle. Keiner kann sich hinstellen und sich rühmen, wie toll und perfekt er ist (siehe Römer 3,11.12). Wenn alles Verborgene sichtbar wird, wie sieht es dann noch mit der Selbstsicherheit aus?

Glücklicherweise brauchen wir nicht an unserer Schuld zugrunde zu gehen. Wir können frei davon werden, wenn wir nicht zu stolz sind, sie einzugestehen: "Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit." 1. Johannes 1,8.9

Das ist noch mehr als einfache Vergebung oder Begnadigung. Gott möchte uns von der Ungerechtigkeit reinigen - nicht nur juristisch irgendwann einmal am Ende, sondern schon jetzt und heute. Nein, wir verwandeln uns da nicht plötzlich in vollkommene Wesen, aber wir bekommen plötzlich Einsichten über das eigene schuldhafte Verhalten und auch die Kraft, anders entscheiden und handeln zu können. Der Schwerpunkt liegt nicht mehr auf dem bösen Verhalten des Anderen, sondern auf Jesus, der versprochen hat, die Herzen zu erfüllen und aus uns Menschen zu machen, die nicht mehr nur auf sich selbst schauen und sich besser darstellen, als sie sind. Die Versuchung zum Unrecht, auch in den unbeobachteten Momenten, wird dann keine mehr sein. Dass vor Gott nichts verborgen bleibt, ist dann auch keine Bedrohung mehr. Das Schönste und Beste liegt noch vor uns - eine Welt, in der es nie wieder Unrecht geben wird, nicht offen und auch nicht im Verborgenen. Das hat uns Gott versprochen. Bis es so weit ist, können wir in einer Welt der Ungerechtigkeit Signale setzen und einander helfen und ermutigen. Wenn sich die Christenheit dessen doch bewusst würde! Jammere nicht und warte nicht auf andere, sondern geh voran.

Autor: Pierre Intering

Artikel-Bildnachweis: © Camrocker /istockphoto