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16.04.2019

Gegen Verallgemeinerungen

Über pauschale Urteile und ihre Folgen.

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"Alle Verallgemeinerungen sind falsch, diese eingeschlossen." Alexander Chase (*1926), amerik. Journalist Jeder weiß um das Problem und doch tut es jeder - verallgemeinern. Und dieser erste Satz ist gleich ein Beispiel dafür - denn dass es jeder tut und jeder weiß, ist auch nur eine Behauptung; man schlussfolgert, man verallgemeinert. Es ist ja viel einfacher zu sagen, dass alle so sind oder alle so tun, als zu unterscheiden und nicht alles in einen Topf zu schmeißen.

Da gibt es eine endlose Liste, in der man sich selbst als Täter wieder findet. Die gängigsten und leicht durchschaubaren Verallgemeinerungen sind hinlänglich bekannt: Arbeitslose sind faul, Frührentner raffiniert und Ausländer kriminell, Reiche übervorteilen, Arme sind selbst schuld, Politiker lügen, Unternehmer nützen aus, Vertreter täuschen, Banker betrügen, Musiker kiffen, Männer gehen fremd, Blondinen sind dumm, Mütter nerven, Väter drücken sich, Lehrer arbeiten zu wenig, Schüler lernen nicht, Pfarrer missbrauchen, Atheisten sind arrogant, gläubige Menschen naiv, Deutsche sind eingebildet, Österreicher raunzen ... und so weiter. Da kann sich jeder selbst seine Liste schreiben. Natürlich versichert man beim Nachfragen, dass nicht alle so seien ... aber doch ein Großteil ...

Um ein Gegengewicht zu schaffen, versuchen Leute, sich auf der anderen Seite recht "lang zu machen". Da vermittelt man den Eindruck, dass es solche Probleme gar nicht gibt, und wenn, dann betrifft es nur eine absolut kleine Minderheit. Alles seien nur Vorurteile. Das regt wieder die Gegenseite auf, weil sie sehr wohl von Tatsachen redet, die sie selbst beobachtet oder erlebt hat, die aber wiederum von der Gegenseite als Ausnahme bezeichnet werden ... Das Spiel setzt sich fort, bis sich der durchsetzt, der robuster ist - was natürlich jetzt auch verallgemeinernd ist, weil es sicher auch anders enden kann.

Die Moral von der Geschichte? Je mehr man verallgemeinert, desto leichter macht man es sich selber, aber desto schwerer wird es für die Betroffenen. Es gibt sicherlich Trends, und manches kann in bestimmten Kreisen wirklich überproportional vertreten sein, und doch ist eine Verallgemeinerung schädlich - weil es die Situation um nichts besser macht und viele Unschuldige darunter leiden müssen. Differenzieren, auch Umstände beachten ist gefragt. Wir kennen oft nicht wirklich die Geschichten und Hintergründe und müssen mit unseren Meinungen sehr vorsichtig sein. Und wer sagt, dass wir uns zu allem und jedem äußern müssen? Gerade wenn es um Menschen geht, ist Zurückhaltung gefragt - ganz besonders, wenn es uns selbst nicht betrifft. Kommentare sind oftmals entbehrlich.

Gewaltige Folgen

Vermutlich wäre in der Vergangenheit viel Unrecht vermieden worden, hätten sich Menschen nicht der Neigung oder dem Diktat der Verallgemeinerung hingegeben. Der Blick auf die Zeit des 2. Weltkrieges macht das nur allzu deutlich. Nicht nur, aber besonders die Juden mussten schrecklich leiden und viele starben, weil die Karte der Verallgemeinerung geschickt ausgespielt wurde. Es waren damals u.a. die Vorurteile über die reichen Juden, die sich gegen andere Rassen verschworen hatten, entscheidend, um Millionen Menschen umzubringen.

Verfolgung und Krieg waren in der Vergangenheit oft nur möglich, weil charismatische Führer und Diktatoren andere für ihre Interessen mobilisierten. Die Verallgemeinerung war dazu schon immer ein wichtiges Werkzeug. Es genügten oft nur wenige Beispiele, die noch nicht einmal stimmen mussten, um die Pläne von den Massen abgesegnet zu bekommen.

Ob es gegen Volksgruppen, religiöse oder andere Minderheiten ging - wenn man verallgemeinert, lassen sich "prächtige" Gefahrenbilder hervorzaubern. Wenn man von einem oder wenigen auf alle schließt, braucht man nur einen oder wenige als Beispiel anzuführen oder sie in Misskredit zu bringen. Die anderen sind dann schicksalshaft mit ihnen verbunden, auch wenn auf sie überhaupt nicht zutrifft, was man behauptet. Der Holocaust war das Ergebnis dieser furchtbaren Logik.

Traurige Tatsachen

Nimmt man die heutigen Konflikte und Kriege näher unter die Lupe, wird man feststellen, dass auch hier die Verallgemeinerung eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Wie ist es sonst möglich, dass die christliche Minderheit in vielen islamischen Ländern als massive Bedrohung empfunden wird? Nicht dass man sie vorher hofiert hätte, aber aus einer sehr misstrauischen Haltung wird plötzlich wieder Hass, der kein Unrecht scheut. Viele Menschen werden verjagt und umgebracht – nicht weil sie Unrecht tun, sondern Opfer eines sehr eingeschränkten Denkens anderer geworden sind.

Einige Argumente sind, dass "die" Christen für Unmoral, Ausschweifung und Betrug verantwortlich seien. Man verweist darauf, dass mit den fremden Truppen Missbrauch, Prostitution und Alkohol ins Land geschwemmt wurden - aus christlichen Ländern. Damit lügt man nicht einmal, obwohl man die Tatsache verschweigt, dass es dies alles in einem bestimmten Ausmaß sowieso heimlich im Land gegeben hat. Außerdem unterscheidet man nicht - zwischen kulturellen und gläubigen Christen. Die einen wachsen eben in einem christlichen Land auf, ohne wirklich von der christlichen Botschaft überzeugt zu sein und deren Grundsätze in ihrem eigenen Leben zu verwirklichen. Da gibt es aber auch die bewussten Christen, die genau diese und zahlreiche andere Missstände zutiefst bedauern und nicht nur auf eine vollkommene Zukunft hinweisen, sondern sich schon hier und jetzt für eine bessere, gerechtere und (er)lebenswertere Welt einsetzen.

Die Verallgemeinerung führt dazu, dass Menschen leiden und sterben müssen, weil sie sich gegen das einsetzen, wessen sie beschuldigt werden. Es ist absolut verrückt und erschreckend, wohin ein verkehrtes Denken führen kann.

Manchmal wünscht man sich, alles anhalten zu können. Alles und jeder sollte einmal in seiner Bewegung bei vollem Bewusstsein gestoppt werden. Dann könnte man mit allen alle diese Dinge besprechen. Der Terrorist würde dann nicht den Auslöser drücken, damit -zig Menschen um ihn herum zerfetzt werden. Er würde in ihnen nicht die Feinde, sondern Freunde sehen, die zwar einer anderen Religion angehören, aber für das Land zum Segen sind. Die Führer der Staaten würden auch in Minderheiten wertvolle Bürger sehen, die man nicht als Freiwild anderen überlassen kann. Der radikale Imam würde plötzlich unterscheiden können und das Problem nicht im christlichen Glauben sehen. Ausländer und Bedürftige würden nicht mehr automatisch als Sozialschmarotzer betrachtet ... Das ist verklärte Sozialromantik? Ja, sicher. Sie ist so unwirklich, als ob wir behaupteten, dass es nie mehr Streit zwischen Kindern und Eltern geben werde, weil jeder auf den anderen eingeht. Nein, unsere menschliche Natur liebt offenbar die Auseinandersetzung ... leidet darunter und geht dabei oft zugrunde. So viel Streit es gibt, so viele Ursachen kann man anführen. Verallgemeinerungen sind nur eine davon. Aber deshalb aufgeben, wäre das Dümmste, was man machen kann. Lernen kann man sehr gut in der Stille, wenn man keine Waffe in der Hand hält und nicht gerade den anderen anbrüllt. Deshalb bieten diese Minuten wieder Gelegenheit, sein eigenes Verhalten zu prüfen und sich für den nächsten Konflikt besser vorzubereiten.

Für immer vorbei – wirklich?

Wenn wir nie wieder Täter oder Opfer einer Verfolgung werden wollen – in welcher Form auch immer – müssen wir lernen, zu unterscheiden und nachzufragen, und dürfen uns vor allem in keine Kampagnen einspannen lassen. Manche vermuten ja, dass wir bald in eine Art Mittelalter zurückfallen, in der, wirtschaftlich und politisch bedingt, vieles auf den Kopf gestellt wird, es zu immer größeren sozialen Unruhen und in weiterer Folge auch zu radikal-religiösen Unduldsamkeiten auch innerhalb des Christentums kommt. Letzteres ist derzeit in der westlichen Welt kaum vorstellbar und wenig wahrscheinlich, aber wenn alles drunter und drüber geht und man nicht unterscheiden lernt, sondern verallgemeinernden Parolen auf den Leim geht, kann so manch Unvorstellbares möglich werden. Hoffen wir es nicht!

Wir können etwas dagegen tun – wir alle

Es fängt im engsten Familienkreis an und zieht weitere Kreise in die verschiedensten Gruppierungen und schließlich in die ganze Gesellschaft. Das schätze ich so an den Werten und Lehren, wie sie uns Jesus gebracht hat: Er hat sich unter den widrigsten Umständen für Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit in all ihren Verästelungen eingesetzt und dieses Ziel freundlich, aber beharrlich verfolgt. Selbst im Sterben bedeutete ihm der einzelne Mensch mehr als alles andere. Er hatte in seinem Leben gelernt, hinter all den Dingen den Menschen zu sehen. Nur selten kam von ihm eine allgemeine Aussage, die dann aber gezielt an eine anwesende Menschengruppe, wie die der Pharisäer, gerichtet war. Jesus sah zwar das grundlegende Problem des Menschen - die Sünde und die verdorbene menschliche Natur - aber er wusste sehr wohl zwischen Sünde und Sünder zu unterscheiden. Der Bibelartikel, S. 8-10, zeigt auf, wie Jesus es vermied, in die Falle der Verallgemeinerungen zu tappen, und welche Auswirkungen dies auf Menschen hatte.

Autor: Pierre Intering

Artikel-Bildnachweis: © Ozgur Donmaz/istockphoto