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16.04.2019

Über Krisen

Krisen als Chance für Veränderungen

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Es wird wohl keinen Psychologen, Psychiater oder Lebensberater geben, der das Thema "Krise als Chance" nicht in seinem Beratungskonzept fest verankert hat. Der Rat, Krisen als Chance für Veränderungen wahrzunehmen, ist uralt und hat sich bewährt.

Warum man das aber doch immer wieder vergisst, liegt nicht nur am menschlichen Kurzzeitgedächtnis. Obwohl man weiß, wie wertvoll der Ratschlag ist, fällt es einem nicht leicht, ihn entsprechend umzusetzen. Denn wenn es einen selbst trifft, bricht recht schnell Panik aus, statt besonnen die Lage zu überdenken, vernünftig nach Lösungsvorschlägen zu suchen und die Gelegenheit zu erkennen, im persönlichen Leben etwas zum Guten zu verändern. Warum es aber oft nicht klappt, liegt daran, dass es sich um gar keine persönlichen, sondern um allgemeine Krisen handelt, die die Gesellschaft betreffen und auf die man nur wenig bis gar keinen Einfluss hat - zumindest nicht direkt. Außerdem werden uns diese Krisen in allen Farben, Größen und Formen so durch die Medien serviert, dass es einem im wahrsten Sinne des Wortes schlecht werden kann. Der Effekt, dass schlechte Nachrichten Gutes bewirken - nämlich die Zufriedenheit des Einzelnen mit seinen kleineren Problemen erhöhen - ist fraglich. Er mag zwar nicht ganz verkehrt sein, aber die Bedrohungen erreichen schon Ausmaße, die eher die Ängstlichkeit als irgendetwas anderes wachsen lassen.

Wirtschaftskrise/Eurokrise

Je nach Experten gibt es das eine oder das andere nicht wirklich, oder es gibt sie alle beide. Ist auch egal. Die Übersicht hat sowieso kein einzelner Mensch mehr, und wer vorgibt, er habe sie, wird nicht (lange) ernst genommen. Es ist mindestens so unsicher wie beim Wetterbericht: Viele Einflüsse sind zu berücksichtigen, und es kann sich alles so schnell ändern, dass die Prognosen mit Vorsicht zu genießen sind. Was in zwei Wochen sein wird, kann man nur erahnen, aber nicht mit Sicherheit voraussagen. Auf alle Fälle kommt die nächste Schlechtwetterfront – früher oder später.

Was für Chancen sollen diese Krisen für einen persönlich bieten? Es ist mit einem Satz gesagt: Was "die da oben" (in der Wirtschaft, im Bankwesen und in der Politik) im Großen verkehrt machen, das können wir auch im Kleinen. Aber das können wir meist verhindern. Dieses "Kleine" hat oft viel größere Auswirkung auf uns persönlich als die großen Krisen, die die Allgemeinheit betreffen: Verantwortlich mit Einnahmen und Ausgaben umgehen, sich nicht von Banken abhängig machen (was leichter gesagt ist als getan), lieber auf etwas verzichten, als dann hilflos dazustehen, in guten Zeiten sich auf schlechtere vorbereiten ... und vieles mehr. Nicht dass dies immer eine Garantie dafür ist, persönliche Krisen auf diesem Gebiet zu verhindern, aber es sind doch wichtige und meist erfolgreiche Maßnahmen.

Kriege/Gewalt/Bedrohungen

Wir stehen heute, seit dem Ende des Kalten Krieges, vor den größten Bedrohungen, was Gewalt betrifft. Es gab zwischendurch Zeiten, da dachte man: Endlich haben die Menschen begriffen, dass Gewalt keine Lösung ist! Kaum war das fertig gedacht, erreichten uns wieder Meldungen von Konflikten und Kriegen - und das nicht einmal so unweit vor unserer Haustür. Dazu kommen andere und moderne Formen der Kriegsführung. Auch wenn es uns persönlich noch nicht so getroffen hat, allein die permanente Gefahr lässt einen nicht sorglos zurücklehnen. Jede Schreckensmeldung, so sehr wir uns innerlich auch davon abgrenzen wollen, nimmt uns die Illusion, in einer immer friedfertigeren Welt zu leben. Was für eine Chance, bitte schön, sollen uns diese Krisen bringen? Auch hier gilt: Was lerne ich aus dieser weltumspannenden Krise für mein kleines, sehr überschaubares persönliches Lebensumfeld?

Es gibt wohl keine Beziehungen, in denen nicht auch Krisenzeiten herrschen – Partnerschaft, Kinder, Nachbarschaft, Arbeitsplatz, ja überhaupt das soziale Umfeld mit all den Kontakten. Wie verhält man sich darin? Sind gegenseitige Aggressionen die herausstechenden Merkmale oder schluckt man einmal den Ärger hinunter und schafft ein angenehmes Klima, in dem sich diese Dinge besprechen lassen, ohne dass man gleich übereinander herfällt?

"Familienrat" nannten wir die Besprechungen, als unsere Kinder noch zu Hause waren. Obwohl manche Themen Konflikte in sich bargen, hatten diese Zusammenkünfte etwas sehr Befreiendes an sich. Jeder konnte in Ruhe sein Anliegen vorbringen. Auch wenn man sich nicht immer einig wurde, war die Liebe doch stärker als alles andere. Selbst wenn kurzzeitig Gefühle vieles in Frage gestellt hatten, entschied man sich für ein harmonisches Miteinander. Etwas anderes stand nie wirklich im Raum. Es wäre recht einfach gewesen, den Streit eskalieren zu lassen. Genauso kann es mit einem Mitarbeiter, einem Nachbarn oder einer Freundschaft gehen. Stoßen da einfach nur Fronten aufeinander oder öffnet man wirklich sein Ohr und sein Herz füreinander? Das ist sicher leichter gesagt (in dem Fall geschrieben) als getan, weil es zumindest von einer Seite einen viel längeren Atem erfordert. Auch Versöhnung oder Verständnis kann falsch ausgelegt werden. Da darf man nicht so schnell aufgeben. Außerdem ist manchmal ein ernstes Wort notwendig. Streit lässt sich nicht immer vermeiden. Das Richtige in der jeweiligen Situation zu tun, erfordert schon Weisheit. Aber es lohnt sich, sich nicht nur den Gefühlen des Augenblicks hinzugeben und im eigenen Leben dadurch alle möglichen Fronten zu eröffnen, sondern besonnen zu bleiben. Selbst wenn man als "Sieger" hervorgeht - glücklich wird man dadurch nicht.

Der beste Psychologe

Auch wenn man viel von den Ratschlägen der Psychologen lernen mag, gibt es eine Quelle, aus der man geradezu endlos schöpfen kann. Jesus lebte in sehr unruhigen Zeiten, wurde mit allen möglichen Krisen konfrontiert, ging aber nie unter. Er gab und gibt durch sein Wort auch heute noch die besten Ratschläge, aber vor allem vermittelt er die Kraft, diese in der eigenen Lebenslage umzusetzen.

Welchen Situationen begegnete Jesus damals? Da war einmal sein ganz normales Umfeld der Familie, Verwandtschaft und des Bekanntenkreises. Auch wenn nicht viel davon berichtet wird, das wenige reicht, um einen Eindruck zu bekommen, dass auch er in dieser Umgebung herausgefordert wurde. Die allgegenwärtige Unterdrückung durch die feindlichen Römer schürte ständig den Hass des Volkes und war nicht selten lebensbedrohend. Jesus ließ sich aber nicht vereinnahmen, sondern ging auch auf diese fremden Feinde ein. Sein Grundsatz, die Feinde zu lieben, wird heute noch an- und aufgeregt diskutiert und sorgt nicht selten für Kopfschütteln. Die Feindschaft, die ihm die damalige religiöse Führung entgegenbrachte, gehörte zu den Krisen, die heute nur die verfolgten Christen wirklich nachvollziehen können. Man hasste ihn und beschloss seinen Tod, weil er sich ihnen nicht unterordnen wollte.

Und da waren noch seine engsten Freunde, die seine Mission auch nicht immer verstanden. Als es dann lebensgefährlich wurde, flohen sie, einer verleugnete ihn, und ein anderer verriet ihn sogar für den Lohn eines Sklaven. Jesus war nicht so naiv, von dem allen keine Ahnung gehabt zu haben. Im Gegenteil, er prophezeite ihnen sogar, dass es so kommen würde. Man muss nicht einmal gläubig sein, um das Verhalten von Jesus zu bewundern. Viele würden unter derartigen Umständen entweder zutiefst depressiv oder höchst aggressiv werden oder auch zwischen diesen beiden Zuständen hin- und herschwanken. Doch wie immer sie reagieren würden, die Ruhe und der Frieden, die Jesus unter diesen widrigen Umständen ausstrahlte, bliebe für sie unerreichbar - außer sie wenden sich an die gleiche Kraftquelle, die Jesus zur Verfügung stand. Aus der persönlichen Beziehung mit seinem himmlischen Vater waren für ihn alle Dinge möglich, und sie sind es in hohem Maß auch für uns. In dieser Hinsicht sind Krisen die Chance, weit über sich hinauszuwachsen. Dabei ist aber festzuhalten, dass nicht einfach der Glaube an sich diese Kraft ist, sondern dass der Glaube "nur" die Hand ist, die sich dieser Kraft entgegenstreckt.

Frei von Krisen wird diese Welt nie werden. Im Gegenteil, wenn man die "Endzeitrede" von Jesus im 24. Kapitel des Matthäus-Evangeliums liest, wird man der Illusion beraubt, alles werde besser, friedlicher und schöner. Wir stehen heute vor Krisen, die Angst und Bange machen. Aber dann erkennt man, dass Jesus in seinen Reden nicht bei diesen Krisen stehengeblieben ist, sondern den Blick weit darüber hinaus schweifen ließ. Er redete auch viel davon, wie sich Menschen in Krisenzeiten ihre Menschlichkeit und die des anderen bewahren können, welche Zeiten noch kommen und wie man sich darauf vorbereiten kann. Wenn man anfängt, das zu begreifen, sind Krisen die beste Chance zu wachsen und einer nicht vorstellbaren Zukunft vorbereitet entgegenzugehen.

Autor: Pierre Intering

Artikel-Bildnachweis: © SilverVistockphoto