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16.04.2017

Wenn sich Balken biegen oder Von Lebenslügen

Was treibt Menschen dazu, sich in Verirrungen und Lügen zu verstricken?

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"Vom Dopingsünder zur Witzfigur" – so betitelte "Die Welt" ihren Artikel über den gefallenen Radprofi Lance Armstrong, dem alle sieben Tour de France-Siege aberkannt wurden, nachdem er für sich jahrelang ein nahezu perfektes Doping-Netzwerk aufgebaut hatte. Im Artikel heißt es weiter: „Mitleid aber hat sich Lance Armstrong nun auch nicht verdient. … Der gefallene Star sprach von einer "Lebenslüge". ... Er ist schlicht zur Witzfigur geworden. Wer andere Jahre lang betrügt oder herunterbuttert, bekommt es irgendwann zurück. Und zwar in Form von Hohn und Spott."

"Der Weltverband UCI hat alle sieben Tour-Triumphe des einstigen Überathleten aus den Siegerlisten gestrichen und damit in der größten Doping-Affäre der Sportgeschichte eine Entscheidung von historischer Tragweite gefällt. Lance Armstrong hat keinen Platz mehr im Radsport, er muss vergessen werden, sagte UCI-Präsident Pat McQuaid am Montag in Genf."

Es ist nun schon einige Wochen her, dass diese Meldungen Leser und Hörer schockierten - beileibe nicht nur Sportler. Selbst wenn jemand kein ausgesprochener Sportfreund ist, bei dieser Geschichte dürfte er sich doch auf die eine oder andere Sportseite oder Sportsendung verirrt haben. Immerhin bestritt Lance Armstrong lange Zeit mit Nachdrücklichkeit alle Dopingvorwürfe - wie so manche Sportler vor ihm. Selbst seinen Sohn, der ihn vor anderen heftig verteidigte, belog er - bis er es nicht mehr aushielt.

Von Verhältnismäßigkeiten

Was treibt Menschen dazu, sich derart in Verirrungen und Lügen zu verstricken? Es geht da weit mehr als nur um Ehrgeiz. Hier spielen der Markt und die Gier eine entscheidende Rolle. Auch im Sport geht es bei den Erfolgreichsten um unverschämt viel Geld. In welchem Verhältnis stehen die Profite zur erbrachten Leistung? Was macht die Spitzenverdiener zu solch wichtigen Menschen, dass man ihnen so viel Geld zuschiebt?

Wie wertvoll ist die Arbeit guter Handwerker oder irgendwelcher anderer Arbeiter oder Angestellten, die Tag für Tag ihre Leistung erbringen und damit für den Erfolg eines Produktes oder für das Wohl der Menschen sorgen? Nein, das ist keine Neiddebatte, sondern es geht um das Verhältnis erbrachter Leistungen und deren Wert.

Weil man das System des "Vermarktens" mittlerweile gut versteht, versuchen Menschen, sich und ihre Leistungen zu verkaufen. Sie werden von der Wirtschaft dazu ausgesucht. Man braucht Werbeträger. Je öfter man das Logo eines Produktes sieht, desto mehr prägt es sich dem Zuseher ein. Er kauft im Allgemeinen das, was ihm vertraut ist. Da viel Ehre und besonders viel Geld auf dem Spiel stehen, geht es auch im Spitzenfeld des Sports nicht nur um Leistungen, die auf ehrliche Weise zustande kommen. Die Versuchung liegt nahe, zu verbotenen Mitteln zu greifen, die zu Höchstleistungen verhelfen. Selbst wenn man nie danach gefragt würde, wäre dieses Leben eine einzige Lüge. Noch schlimmer ist es, wenn man abstreitet, so etwas zu tun; wenn man lügt, dass sich die Balken biegen. So berechtigt das Entsetzen auch ist, es sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Täuschen und Tarnen" zum Alltag gehört - in allen Bereichen der Gesellschaft. Lance Armstrong gliedert sich nur in eine Reihe von erfolgreichen Menschen ein, ob Politiker, Geschäftsmänner/-frauen oder Stars und Sternchen. Da geht es meist um viel Geld, um Ansehen, um weiteren Erfolg. Wer sich anfängt zu vermarkten, kann es sich nicht leisten, einfach aufzuhören – so die Devise. Und wenn es nicht mehr so geht, wie man möchte, muss man eben ein wenig nachhelfen. Macht ja schließlich jeder. ...

Die bösen Anderen

Die Lage des großen Sünders, der seinen schimpfenden Anklägern gegenübersteht, kann man in einem erweiterten Sinn mit der Situation vergleichen, die es zur Zeit Jesu gab. Es geht um das Verhältnis der gesetzestreuen, scheinbar frommen Pharisäer zu den von vielen verachteten Sündern wie den betrügerischen Zöllnern oder den Ehebrecherinnen. Nein, nein, der direkte Vergleich zwischen dem Gedopten als armem Sünder und dem Aufdecker als Pharisäer soll in keinem Fall gezogen werden. Das wäre völlig unzutreffend. Es geht dabei nur um ein bestimmtes Prinzip, das sich die heutige Gesellschaft wie einen Spiegel vor das Gesicht halten sollte.

Der Zöllner von damals war ein Gauner. Da gibt es keinen Zweifel und da gibt es auch nichts schönzureden. Er betrog, um sich zu bereichern. Die Gier machte ihn zu einem abstoßenden Außenseiter, der kaum wirkliche Freunde hatte. Er verlangte unbarmherzig weit höhere Steuern, als es das Gesetz verlangte, und bereicherte sich dadurch. Mit Recht war man über dieses unverschämte Vorgehen entsetzt, das man nicht so leicht abstellen konnte. Diese Leute standen offenbar unter dem besonderen Schutz der Besatzungsmacht.

Im Gegensatz zu ihm standen die Pharisäer, die die moralische Speerspitze des Volkes darstellten. Sie waren hoch angesehen, stellten ihre Frömmigkeit zur Schau und sorgten für Recht und Ordnung – soweit sie das unter der römischen Besatzung tun konnten. Ärgerlicherweise kam da ein einfacher Mann, der durch seine Reden und besonders durch sein Handeln die Aufmerksamkeit der Menge auf sich zog. Auch er stand für das Recht ein, verurteilte aber auch deutlich die Heuchelei. Sie war zwar auch in allen Gesellschaftsschichten vorhanden, aber bei der religiösen Elite war sie besonders auffällig, da es hier galt, den Schein zu wahren.

Keine Pauschalurteile

Jesus machte einen Unterschied. Er konnte Sünde und Sünder, also das Unrecht an sich und den Menschen, trennen. Wer sich auf ihn einließ, erkannte seine Schuld, aber auch, dass er als Mensch geliebt wird und er die Chance bekommt, ein neues Leben zu beginnen. Nicht jeder der Zöllner war so abgebrüht, dass ihm sein Vergehen nichts ausmachte. Da gab es einen Mann namens Zachäus. Er wusste, welches Unrecht er tat, öffnete sein Herz und versuchte, angesprochen durch die Liebe Jesu, den Schaden gutzumachen. Das war ein Vorgehen, das man sich von vielen wünschte.

Auch bei den Pharisäern gab es welche, die sich später zu Jesus bekannten. Viele von ihnen aber erklärten Jesus zum Staatsfeind Nummer 1. Sie erreichten schließlich, dass er durch falsche Zeugenaussagen angeklagt wurde, und sie jubelten und spotteten, als man ihn unter schrecklichen Qualen ans Kreuz nagelte und er schließlich eines elenden Todes starb.

Wieso konnte so ein Hass bei scheinbar frommen Menschen entstehen? Was hatte ihnen Jesus angetan, dass sie ihn so verachteten? Es war ihr verletzter Stolz. Sie wollten nicht mit anderen Sündern verglichen werden. Sie waren etwas Besonderes. Was Formen und Sitten betraf, waren sie penibel. Alles musste genauso aussehen und gemacht werden, wie sie es festgelegt hatten. Dabei spielte der Mensch keine bedeutende Rolle mehr. Im Gegenteil - religiöse Vorschriften hatten einen weit höheren Wert, und wer sich dem nicht unterordnete, bekam ihre Strenge zu spüren. Die zur Schau gestellte Freundlichkeit war plötzlich verschwunden. In ihrer Gedankenwelt gab es Mord und Totschlag. In diesem Sinne war ihr Leben eine einzige Lüge. Sie machten sich und anderen etwas vor. Zwar klagten sie über die betrügerischen Zöllner, dabei betrogen sie aber selbst. In außergewöhnlicher Weise stellt Jesus in Matthäus 23 diese Leute zur Rede. Es sind schwer zu ertragende Vorwürfe, die aber die abgrundtiefe Verdorbenheit der menschlichen Natur aufzeigen. Der Kläger wird zum Angeklagten, der Fromme zum Verbrecher.

Eine wichtige Lehre

Es wäre verkehrt, alles Augenmerk nur auf die zu richten, die offensichtlich falsch handeln. Ohne Frage muss für das Recht eingestanden werden und wer Unrecht tut, muss die Folgen seines Verhaltens tragen. Doch wer allzu laut schreit, skandiert oder spottet, der sollte besonders über die vorher erwähnte biblische Szene nachdenken. Es sind nicht nur die Großen, die Bedeutenden, die Stars und Mächtigen dieser Welt, die Böses tun. Nein, auch der "kleine Mann" lügt, dass sich die Balken biegen. Ohne dadurch das Vergehen der Großen und Reichen kleiner zu machen, sollte sich jeder selbst fragen, ob nicht auch er seine Leichen im Keller liegen hat.

"I have a dream!" - "Ich habe einen Traum!"

Dieser berühmte Ausspruch des ermordeten Martin Luther King bezog sich auf die Gleichstellung der verschiedenen Menschenrassen. Keiner sollte sich aufgrund seiner Hautfarbe über den anderen stellen. Alle sind wertvolle Geschöpfe Gottes. Der Traum ist leider nur zum Teil wahr geworden. Es gibt aber auch einen anderen Traum: Alle Menschen werden sich bewusst, dass sie immer wieder versagen und niemand völlig unschuldig ist. Wenn Unrecht geschieht, soll es geahndet und wieder gutgemacht werden - sofern dies möglich ist. Aber niemand soll hämisch triumphierend andere verachten. Es soll uns traurig machen, dass Unrecht geschehen ist, und uns nachdenken lassen, wo wir etwas verborgen halten. Das ist ein wesentlicher Teil der Botschaft, die Jesus brachte. Wie schön wäre es, wenn Unrecht schon im Kleinen erkannt und überwunden würde: "Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht." Lukas 16,10.

Weil dieser Grundsatz wohl nie so umgesetzt wird, leben wir weiterhin im Streit, im Kampf, im Leid - im Großen wie im Kleinen. So hat es Jesus vorausgesagt, aber er hat auch versprochen, einmal alles neu zu machen, wenn er wiederkommt. Das und nichts weniger ist die christliche Hoffnung. Beginnen kann dieser Neuanfang schon jetzt und heute, bei jedem Einzelnen persönlich. Nicht nur der Kampf, auch der Himmel ist uns näher, als wir manchmal glauben. Er fängt persönlich im Herzen des Einzelnen an.

Autor: Pierre Intering

Artikel-Bildnachweis: © Igor Zhuravlov/istockphoto.com