Artikel aus dem Hope Magazin

01.12.2023

Bewegung und Hirngesundheit

Wie verblüffend beides miteinander verknüpft ist

Bild zum aktuellen Blog-Eintrag

 

Viele Menschen trainieren ihren Körper. Aber wussten Sie, dass körperliches Training auch Ihr Hirn trainiert?

Immer bewegter und doch weniger Bewegung

Wir leben in einer Welt, die die kognitiven Fähigkeiten, also das analytische Denken, das Kurz- und Langzeitgedächtnis, immer mehr in den Vordergrund rückt. Das Arbeitsfeld in der industrialisierten Welt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr von körperlich anstrengenden Tätigkeiten hin zu sitzenden, körperlich inaktiven Beschäftigungen gewandelt. Die stetig steigende Informationsflut will bewältigt werden, sodass wir uns immer weniger Zeit für körperliche Aktivität nehmen. Ja, Sport wird als Privatvergnügen angesehen, ein Luxus, den wir uns erst nach erledigter Arbeit erlauben können. Nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen ist dies jedoch ein Trugschluss – mit teilweise verheerenden Folgen für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer. Wir wollen uns deshalb aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse ansehen, die nahelegen, dass sportliche Aktivität mit besserer Denkfähigkeit, verbesserter Stimmung, Motivation und somit auch mit beruflichem Erfolg in Zusammenhang steht.

BDNF – ein wichtiger Faktor für die Reparatur und Neubildung von Nervenzellen

Eine wesentliche neurophysiologische Rolle scheint hier der „Brain-Derived Neurotrophic Factor“ (BDNF = zu Deutsch: „vom Gehirn stammender, nervenbildender Faktor“) zu spielen. Dieser Wachstumsfaktor des Gehirns ist ein Protein (Eiweiß), das wesentlich an der Reparatur und dem Neuwachstum von Nervenzellen und deren Verbindungen untereinander (Synapsen) beteiligt ist. Mittels Tierversuchen (Ernfors, Kucera, Lee, Loring, & Jaenisch, 1995) wissen wir heute, dass ein Individuum ohne diesen Wachstumsfaktor nicht lange überleben kann, weil viele Nerven gar nicht erst gebildet werden und Nervenverletzungen nicht heilen können.

Die höchsten Konzentrationen dieses Stoffes hat man im Gehirn im Hippocampus, in der Großhirnrinde und dem Vorderhirn nachweisen können, also in Regionen, die wesentlich für das Kurz- und Langzeitgedächtnis und das abstrakte Denken verantwortlich sind (Huang & Reichardt, 2001).

Bewegung an der frischen Luft!

Dass aber Sport nicht nur in geschädigten, sondern auch in gesunden Gehirnen junger Erwachsener einen positiven Effekt erzielt, wurde mit der Unterstützung von 58 Probanden nachgewiesen (Hwang et al., 2016). Diese wurden per Zufallsgenerator in zwei Gruppen zu je 29 Personen eingeteilt. Gruppe A absolvierte einige neuropsychologische Aufmerksamkeitstests nach einer definierten sportlichen Aktivität, und es wurde der Serum-BDNF-Spiegel über zwei verschiedene Abnahmeorte (venös und arteriell) bestimmt, um die Herkunft des BDNF (Gehirn vs. übrigen Körper) ermitteln zu können. Die Kontrollgruppe B absolvierte die gleichen neuropsychologischen und laborchemischen Tests ohne die vorherige sportliche Aktivität. Die „Sport-Gruppe“ A zeigte im Vergleich zur Kontrollgruppe B eine deutlich bessere Leistung in den durchgeführten neuropsychologischen Tests, und auch der BDNF-Spiegel schien mit der neuropsychologischen Leistung zu korrelieren, d. h., die Sport-Gruppe wies einen deutlich höheren BDNF-Spiegel als die Kontrollgruppe B auf. Die Herkunft des BDNF erfolgte dabei zu 70-80 % aus dem Gehirn. Diese Ergebnisse stützen die Erkenntnis, dass die Leistungsfähigkeit des präfrontalen Gehirns durch eine sportbedingte Erhöhung des BDNF-Spiegels positiv beeinflusst wird.

Sport oder akademische Leistungen?

Insbesondere in jungen Jahren scheint Sport eine förderliche Wirkung auf die akademische Leistungsfähigkeit von Schülern zu haben (Trudeau & Shephard, 2008). Es konnte gezeigt werden, dass ein schulisches Angebot an körperlicher Aktivität innerhalb und außerhalb des Unterrichts, auch wenn es zeitlich zu Lasten von anderen „akademischen“ Fächern geht, nicht zu einer Abnahme der akademischen Leistungen, sondern eher zu einer durchschnittlichen Verbesserung der Leistungen in den anderen Fächern führte. Diese Erkenntnis soll besonders junge Eltern dazu ermutigen, ihre Sprösslinge eher an die frische Luft, auf den Spielplatz, in den Sportverein oder zu sonstigen sportlichen Betätigungen zu schicken, als sie mit vermeintlichen „Bildungsangeboten“ aus Fernsehen oder Internet alleine zu lassen. So könnte sich
z. B. ein Fußball, Surfbrett oder Snowboard wesentlich besser auswirken als ein eigener Laptop, wenngleich eine gute Ausbildung natürlich auch den verantwortungsvollen Umgang mit aktuellen Kommunikationsmitteln umfassen sollte.

Sport und Stimmung

Viele Leistungssportler berichten über eine euphorisierende Wirkung des Sports, und auch in der Psychiatrie hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Sport in der Behandlung suizidaler Gedanken und depressiver Stimmungen eine wichtige Rolle spielt (Abdollahi et al., 2017; Balchin, Linde, Blackhurst, Rauch & Schönbächler, 2016). Hierbei spielt eine Vielzahl von körpereigenen Glückshormonen (Endorphinen), von Botenstoffen (Neurotransmittern, Cytokinen) und Hormonen eine Rolle (Mikkelsen, Stojanovska, Polenakovic, Bosevski, & Apostolopoulos, 2017; Chaudhry & Bhimji, 2017). Durch Ausdauersport werden zum Beispiel die gleichen Rezeptoren aktiviert, deren euphorisierende Wirkung bei der Einnahme von Drogen gezielt angesprochen wird. Allerdings ist bei der endogenen (körpereignen) Aktivierung dieser Rezeptoren eine krankmachende, körperliche Abhängigkeit nicht zu befürchten.

Praktische Umsetzung

Was also können wir nun praktisch tun, um unsere kognitive Leistungsfähigkeit und Stimmung zu verbessern?

Hier ist eine gute Nachricht zu verkünden: Es ist nicht erforderlich, ein Hochleistungssportler zu werden. Es hat sich herausgestellt, dass sportliche Betätigung in bescheidenem Rahmen für die kurzfristige Hirnleistungssteigerung wesentlich vorteilhafter ist als Sport bis zur Erschöpfung. Zwei Autoren (Ratey & Loehr, 2011) empfehlen für die Hirngesundheit 8 bis 12 Minuten pro Tag schweißtreibende und atemraubende Aktivität (60 % der maximalen Herzfrequenz). Andere Autoren halten mindestens 30 Minuten Sport, z. B. zügiges Gehen, Joggen, Schwimmen, Rudern, Fahrradfahren, mindestens 3x pro Woche für zielführend. So könnte zum Beispiel der Arbeitsweg bei entsprechender Gestaltung diesen Bewegungsbedarf schon decken. Diese 30 Minuten pro Tag müssen auch nicht zwangsläufig am Stück absolviert werden – kleinere Einheiten von 15 – 20 Minuten würden leistungssenkende Ermüdungserscheinungen verhindern. Ein kleiner Verdauungsspaziergang nach dem Mittagessen kann so dem oft erlebten nachmittäglichen Leistungsknick positiv begegnen.

 

Bild vom Autor zum Weblog Bewegung und Hirngesundheit

Autor: Dr. med. Dirk Wunderlich

Oberarzt Neurochirurgie Asklepios Klinikum Harburg, Hamburg

Artikel-Bildnachweis: South_agency – gettyimages.de