Artikel aus dem Hope Magazin

08.09.2021

Den »Grundwasserspiegel von Wohl« anheben

Mit Herz und Verstand

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Frank Heinrich kann man gut und gerne als jemanden bezeichnen, der ein leidenschaftliches Herz besitzt. Viele Jahre aktiv in der Heilsarmee, arbeitet der CDU-Politiker nun seit mehr als zehn Jahren im Deutschen Bundestag – beispielsweise im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Zuhause in Chemnitz hat er mit »Business trifft Afrika« eine Möglichkeit geschaffen, internationale, wirtschaftliche Partnerschaften aufzubauen und zu pflegen. Im Interview beschreibt er, woher seine Leidenschaft für Menschen rührt, und auch wo der beherzte Einsatz für andere an seine Grenzen stößt.¹

 

Herr Heinrich, das Thema »soziales Engagement« zieht sich wie ein roter Faden durch Ihren Lebenslauf. Würden Sie dies als Ihre Passion bezeichnen?

Ja, zumindest Teile davon würde ich tatsächlich als Passion bezeichnen. Wenn ich bestimmte Ungerechtigkeiten sehe, kann ich nicht anders, als alles mir Mögliche in die Waagschale zu werfen. Ich begann schon sehr früh, mich ehrenamtlich in einem Café zu engagieren, in dem insbesondere auch Randgruppen willkommen waren. Ich hörte sehr früh von einer Statistik, die deutlich machte, dass wir in Deutschland an Heiligabend die höchste Selbstmordrate hatten. Offensichtlich fühlt sich »Einsamkeit« an diesem Abend besonders heftig an. Da konnte ich einfach nicht mehr ruhig zu Hause sitzen und sehr oft »opferten« ich und auch meine Familie gerne unseren Heiligen Abend, um zumindest eine Chance für die Einsamsten zu eröffnen. Da war natürlich die Heilsarmee später ganz nah dran und wir haben viele andere motiviert, dies mit uns zu tun. 

Dazu kam das Engagement meiner Eltern und damit verbundene Reisen hinter den damaligen »Eisernen Vorhang«. Wir trafen Menschen mit Mut und Not. Humanitäre Notsituationen und Verfolgung waren alltäglich und das prägte mich natürlich als Teenager. Freunde, die ohne juristische Nachvollziehbarkeit im Gefängnis saßen, waren auch der Anlass für mein erstes praktisches politisches Engagement, weil ich mit anderen vor die Botschaft Rumäniens zog, um für die Freilassung zu demonstrieren.

 

Sie haben von der Heilsarmee in die Politik gewechselt – und ein Buch darüber geschrieben. Würden Sie kurz beschreiben, wie es zu diesem – von außen betrachtet – harten Bruch kam?

Das haben Sie ganz richtig beschrieben: »Von außen«. Für mich war es auf gewisse Weise die logische Fortsetzung des Engagements. Auf anderen Wegen als bisher, aber immer noch geprägt von der Sehnsucht »Menschen ohne Stimme« eine solche zu verleihen. Ich werde immer wieder gefragt, ob ich denn so überhaupt etwas erreichen kann und ob ich manchmal vermisse, mit dem einzelnen Gegenüber zu arbeiten. Ja, ich liebe Menschen und brauche den direkten Kontakt; und den habe ich mir – wenn auch auf kleinerer Flamme – erhalten, indem ich weiterhin in Chemnitzer Projekten beteiligt bin. Allerdings sehe ich es jetzt noch mehr als meine Aufgabe an, eher dabei zu helfen, den »Grundwasserspiegel von Wohl« heben zu helfen; und da ist Politik natürlich ein Bereich, der hier an den Strukturen verändert und in meinen beiden Ausschüssen – »Menschenrechte und humanitäre Hilfe« sowie »Arbeit und Soziales« – kann ich hier direkt mitwirken. 

 

Sich leidenschaftlich für andere einzusetzen, birgt auch Gefahren für sich selbst, die eigene Familie. Halten sich Opfer zu bringen und Erfolge zu erleben in Ihrem Leben die Waage? 

Das muss ja jeder für sich ausbalancieren. Und es stimmt, sowohl durch die zeitlichen und inhaltlichen Belastungen meines Jobs als auch all die Nöte und die gravierenden Menschenrechtsverletzungen, die mir zu Ohren kommen, ist es manchmal schon grenzwertig und »ohnmächtigend«. Da reicht auch allein die Leidenschaft nicht aus. Ich selber muss immer wieder – auch in enger Abstimmung mit meiner Familie und Freunden – zu einem gesunden und hygienischen Lebensstil finden, sonst ist mein Tank irgendwann leer und ich kann trotz aller Sehnsucht nicht mehr das tun, was mir von Herzen wichtig ist; also lieber ein Leben lang »kontrolliert leidenschaftlich« als »feurig-ausbrennend« für nur wenige Jahre.

 

Ihr Wahlkreis Chemnitz ist für manche Ihrer Themen – wie beispielsweise die internationale Entwicklungszusammenarbeit – sicher kein einfaches Pflaster. Was würden Sie Menschen raten, die sich engagieren wollen, aber mit vielen Mauern konfrontiert sehen? 

Zum einen sollte man klar wissen, was man will, dies gut und ehrlich kommunizieren und dem dann zielgerichtet mit Herz und Hand folgen. Gute Leiter erkennen Widerstände schon früh und kalkulieren diese mit ein. Zudem sollte man schon sehr früh Partner suchen und einbeziehen; damit meine ich nicht nur Mitarbeiter, sondern auch andere Menschen und Organisationen, die im gleichen Bereich unterwegs sind. Große Ziele sind selten allein erreichbar, allerdings weiß ich, was ein »leidenschaftliches Herz« alles bewegen kann. Einstein wird folgendermaßen zitiert: »In der Konzentration ist der durchschnittlich begabte Mensch dem durchschnittlich begabten Genie weit überlegen.« Soll heißen, wenn wir mit klarer Prioritätensetzung und Fokussierung – in aller Fehlerhaftigkeit – unterwegs sind, werden wir weit kommen.

Als Christ spielt da meine Beziehung mit Gott eine große Rolle. Aber nicht, wieviel ich bete, sondern vielmehr, wie sehr ich verstanden habe, dass mir kein Zacken aus der Krone bricht, wenn was schief geht und ich meinen Wert nicht aus meinem Tun ableite. Trotzdem gilt natürlich: »Arbeite, als wenn alles Beten nichts hilft – und bete, als wenn alles Arbeiten nichts hilft.« 

 

Seit über 10 Jahren sind Sie im Bundestag aktiv. Würden Sie das politische Umfeld im Rückblick als den besseren Weg bezeichnen, um Ihre Ziele zu erreichen, als wenn Sie beispielsweise in einer sozialen Organisation gearbeitet hätten? 

Ich hatte tatsächlich einige Momente, in denen mein Verzweiflungsgrad kurz vorm Handtuchwerfen war. Doch das Bestimmende ist die Überzeugung, mit tiefem Frieden kleinere und größere Schritte mitprägen zu dürfen. Im Moment ist es äußerlich und innerlich mein Traumjob. Trotz großer und ohnmächtig-machender Lasten. Und ob es am Schluss mehr gebracht hat, müssen andere beurteilen, da bin ich ganz offen.

 

Woher stammt der Wunsch – oder war es eine Entscheidung? –, sich unter den vielen Ländern auf der Erde für Afrika einzusetzen? 

Zum einen lag es mir auf dem Herzen. Vielleicht auch, weil es der momentan noch »schwächste« Kontinent ist. Dazu kam aber dann die Anfrage meiner Fraktion, dies als Fachpolitiker im Speziellen zu tun – was ich selbstverständlich von ganzem Herzen angenommen habe.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Nicole Spöhr

 

1 Das Interview erschien ursprünglich 2019 in der Zeitschrift present, herausgegeben vom Advent-Verlag.

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Autor: Frank Heinrich

Geboren am 25. Januar 1964 in Siegen; evangelisch; verheiratet; vier Kinder. Theologiestudium, Sozialpädagogikstudium, Ausbildung zum Heilsarmeeoffizier; 1997 bis 2009 Leiter der Heilsarmee Chemnitz; 2002 bis 2009 Leiter der Heilsarmee-Jugendarbeit in den neuen Bundesländern und Berlin. 1998 Gründung der Schwarzenberger Tafel; 2001 bis 2008 Gründungsmitglied und Vorstandsmitglied des Vereins »JumiZu« (Jugend mit Zukunft); 2008 bis 2013 Gründungsmitglied und Vorsitzender des Vereins »Tellerlein-Deck-Dich« e. V.; seit 2010 Vorsitzender des Vereins »Perspektiven für Familien e. V. /Haus Kinderland«; seit 2013 Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzender des Vereins »Gemeinsam gegen Menschenhandel e. V.«. 1992 bis 1996 Mitglied der Ökologischen Demokratischen Partei (ÖDP); seit 2007 CDU-Mitglied. Seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages.

 

Artikel-Bildnachweis: bakhistudio