Artikel aus dem Hope Magazin

01.06.2022

Der Tag, an dem ich auf dem Teppich blieb

Bekenntnisse eines besorgten Vaters

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Als ich mich entschloss, über das Thema „überfürsorgliche Väter“ zu schreiben, hatte ich schon eine Vorahnung. Also fragte ich meine Frau, ob sie mich für einen Helikopter-Vater hielt. Sie antwortete unverblümt: „Oh ja, du bist einer!“ Ich war geschmeichelt und schockiert zugleich: geschmeichelt, weil ich das richtige Thema gewählt hatte, aber auch schockiert, denn wer will schon ein Helikopter-Vater sein?

EIN HOFFNUNGSLOSER FALL?

Der Begriff „Helikopter-Eltern“ entstand in den 1990er-Jahren und gewann an Bedeutung, als die ältesten Kinder der Millennial-Generation (geb. 1980-2000) Anfang der 2000er-Jahre zu studieren begannen. Die ersten Nachweise reichen bis in die späten 1960er-Jahre zurück, als Dr. Ginott in seinem Buch Eltern und Kinder – Elternratgeber für verständnisvolle Erziehung erstmals die Metapher prägte („Mama schwebt wie ein Hubschrauber über mir...“). Die eindeutig abwertende Diagnose beschreibt ein eher ungesundes Extrem: eine ängstliche und kontrollierende Erziehungspraxis, die „in Paranoia verwurzelt“ ist, weiß Lenore Skenazy, die extrem überbehütende Eltern und ihre Familien in einer amerikanischen Fernsehserie portraitiert. Laut Judith Warner, sind Hubschrauber-Eltern „physisch hyperpräsent, aber psychologisch abwesend“.

Verschiedene FORMEN DYSFUNKTIONALER ELTERNSCHAFT

Als ob das Stigma der überfürsorglichen Eltern nicht schon schlimm genug wäre, gibt es sogar Unterarten, die sich zusammen wie die vier apokalyptischen Reiter der dysfunktionalen Erziehung lesen: Das Gegenstück der Helikopter-Eltern sind die Freiland-Eltern, die „typischerweise viel Zeit zum Spielen und Erkunden einräumen, ohne elterliche oder erwachsene Aufsicht oder Mikromanagement“.  Dann gibt es Rasenmäher-Eltern, eine weiterentwickelte Form von Hubschrauber-Eltern, die im Wesentlichen „den Weg für ihr Kind planieren, bevor diese überhaupt einen Schritt tun“.  Schließlich gibt es noch die aggressiven Tiger-Eltern, die vom Erfolg ihrer Kinder besessen sind und diesen gnadenlos einfordern.

DIE NEGATIVEN AUSWIRKUNGEN DER HELIKOPTERERZIEHUNG

Die Liste der negativen Auswirkungen überwiegen die scheinbaren Vorteile bei Weitem. Amy Morin stellt die folgende Hitliste negativer Folgen von Helikopter-Elternschaft auf:

  • Fehlende Problemlösungsfähigkeiten der Kinder
  • Helikoptererziehung führt zu Abhängigkeit
  • Kinder lernen nicht, sich für sich selbst einzusetzen
  • Helikoptererziehung vermeidet, dass Kinder die natürlichen Folgen ihres Verhaltens erfahren
  • die Elternzeit des „Helikopters“ stört die Eltern-Kind-Beziehung.

Die existenzielle Aufgabe, die eigenen Kinder rund um die Uhr zu schützen, kann letztlich auf tausend verschiedene Arten nach hinten losgehen und ihnen auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden verschiedene emotionale und mentale Probleme bereiten.  

WAS HELIKOPTER-ELTERN ANTREIBT

Das Parents Magazine geht von folgenden möglichen Motivationen für Helikopter-Elternschaft aus: (1) Angst vor schlimmen Folgen, wie z. B. schlechte Noten oder mangelnde Teamfähigkeit, (2) Angst vor der wirtschaftlichen Lage, dem Arbeitsmarkt und der Welt im Allgemeinen, (3) Überkompensation oder (4) Gruppenzwang durch andere Eltern. 

Ich habe es schon oft gehört, und ich weiß aus erster Hand, dass es keine perfekten Eltern gibt. Das ist für mich eine durchaus beunruhigende Vorstellung: Ich werde meine Tochter enttäuschen. Und ich könnte sie bereits jetzt schon im Stich lassen, indem ich mir zu viele Sorgen um sie mache und in meinen Helikopter steige. Ich könnte mir sogar Sorgen machen, dass ich mir zu viel Sorgen mache! Aber lassen wir das. Edward Decis und Richard Ryans fanden in ihrer „Self-Determination Theory“ (2009) heraus, dass es „drei angeborene Bedürfnisse gibt, die alle Menschen für eine gesunde Entwicklung brauchen“:

  1. das Grundbedürfnis nach Autonomie,
  2. das Grundbedürfnis, sich auf die eigenen Fähigkeiten und Leistungen zu verlassen,
  3. das Grundbedürfnis, sich geliebt und umsorgt zu fühlen. 

Die Autoren sind überzeugt, „je stärker diese drei grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sind, desto zufriedener sind wir mit unserem Leben.“ Diese Einsicht hat mir die Augen geöffnet. Nicht nur in Bezug auf meine eigene Erziehung, sondern auch in Bezug auf das, was ich meiner Tochter auf lange Sicht signalisieren möchte.

WENIGER HELIKOPTERN – ABER WIE?

Es gibt viele gute, allgemeine Ratschläge sich das „Helikoptern“ abzugewöhnen, wie beispielsweise dieser von Amy Morin: „Wenn Sie dazu neigen, ein Helikopter-Elternteil zu sein, ist es wichtig, sich ein wenig zurückzunehmen, um Ihrem Kind Raum zum Wachsen zu geben, zum Erlernen neuer Fähigkeiten und sich vom Scheitern zu erholen.“  Oder diese zusammenfassende Liste aus Trudi Griffins umfangreichem Artikel „Wie man aufhört, eine Hubschraubermama oder -vater zu sein“. 

        Räumen Sie ihrem Kind mehr Freiheit ein:

  1. Vermeiden Sie es, sich ständig um Ihre Kinder zu kümmern.
  2. Geben Sie Kindern die Gelegenheit, kleine Risiken einzugehen.
  3. Beobachten Sie aus der Ferne.
  4. Schränken Sie den Telefonkontakt ein.

    Lassen Sie Ihre Kinder ihre eigenen Entscheidungen treffen:
  5. Beginnen Sie damit, dass Ihre Kinder kleine Entscheidungen treffen.
  6. Vermeiden Sie es, Ihre Kinder in Schubladen zu stecken. 
  7. Lassen Sie Ihre Kinder ihre eigenen Interessen wählen.
  8. Ermutigen Sie Ihre Kinder, sich ihre eigenen Meinungen zu bilden. 

    Geben Sie Ihren Kindern Gelegenheiten, selbstständig Probleme zu lösen:
  9. Erlauben Sie Ihren Kindern, Dinge selbstständig zu tun.
  10. Beantworten Sie nicht jeden Hilferuf.
  11. Konzentrieren Sie sich auf das Zuhören.
  12. Hören Sie auf, Ihre Kinder vor Folgen zu schützen.

Das Schreiben dieses Artikels hat mir geholfen, klarer zu sehen und wichtige erste Schritte zu unternehmen, um meinen Helikopter stehen zu lassen und auf dem Teppich zu bleiben. Es wird ein Prozess sein, in dem ich scheitern und mich wieder erholen werde – genau wie meine Tochter.

Bild vom Autor zum Weblog Der Tag, an dem ich auf  dem Teppich blieb

Autor: Daniel Wildemann

Jahrgang 1978, ist seit 2021 Pastor im Bezirk Augsburg.

Artikel-Bildnachweis: RichVintage – gettyimages.de