Artikel aus dem Hope Magazin

01.06.2022

Digitalisierung eine psychologische Perspektive

Die Macht der digitalen Technik

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Die Macht der digitalen Technik 

Wir stehen mitten in einem neuen Zeitalter. Die Vorzüge von Geschwindigkeit und Effizienz gelten im modernen Informationszeitalter als unstrittig. Gleichzeitig macht sich aber auch ein gewisses Unbehagen breit. Die ersten Warnsignale liefern uns die Neurowissenschaftler mit der Frage: Was macht die moderne Technik mit unserem Gehirn? Sie haben festgestellt, dass die derzeitige Explosion digitaler Technik nicht nur unsere Lebens und Kommunikationsweise verändert, sondern zunehmend und grundlegend auch unsere Gehirnstrukturen. Das Internet ist allgegenwärtig. Es dient dem Informationserwerb, der Kommunikation und der Synchronisierung des gemeinsamen Lebens. Es gibt kaum jemanden, der noch offline ist. Das Internet ist so selbstverständlich geworden, als habe es schon immer existiert. Keine Technik hat jemals so rasant ihren Weg in den Alltag gefunden. Einerseits kann die digitale Informationstechnik das Leben erleichtern, andererseits ist sie mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Die Dosis macht das Gift. 

Der analoge Held 

Die Fähigkeit, Situationen einzuschätzen und schnell Entscheidungen zu treffen, stammt größtenteils aus dem unscharfen Bereich des impliziten Wissens. Dort sind die meisten kreativen und künstlerischen Fähigkeiten angesiedelt. Das explizite oder deklarative Wissen ist das, was tatsächlich schriftlich fixiert werden kann. Die digitale Technik ist deklarativ. Dass sie begrenzt ist, zeigt sich am Beispiel des Autopiloten in einem Flugzeug. Es war das implizite Wissen und analoge Handeln des Flugpiloten Chesley Sullenberg, die für die erfolgreiche Notwasserung des Flugs A-1549 der US Airways am 15. Januar 2009 auf dem Hudson River verantwortlich waren – und nicht der digitale Autopilot.

Die Reduktion der Aufmerksamkeitsspanne  

Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass die regelmäßige Nutzung des Internets unsere Aufmerksamkeitsspanne, sprich die Fähigkeit, sich längere Zeit auf einen Text zu konzentrieren, deutlich vermindert. Unsere Fähigkeit zu lernen leidet, und unser Verständnis bleibt oberflächlich. Wir werden zunehmend zu geistlosen Datenkonsumenten. Die Multimedia- Nutzung fordert die ungeteilte Aufmerksamkeit und vermindert dadurch unsere Aufnahmefähigkeit. «Damit eine Erinnerung bestehen bleibt, muss die eingehende Information gründlich und umfassend verarbeitet werden», schreibt der Nobelpreisträger und Professor für Neurobiologie Eric Kandel. «Dies wird erreicht, indem man der Information erhöhte Aufmerksamkeit schenkt und sie inhaltlich und systematisch mit Wissen verbindet, das im Gedächtnis bereits gut gefestigt ist.» Bereits Seneca schrieb vor 2000 Jahren: «Wer überall ist, ist nirgendwo.»  

Fluch oder Segen? 

Jedes Medium fördert bestimmte kognitive Fähigkeiten auf Kosten anderer. Die Segnungen des Internets wie der effiziente und schnelle Informationsaustausch, die globale Vernetzung und Förderung der verfeinerten Entwicklung visuell-räumlicher Fertigkeiten können Fantasie und gründliche Überlegungen beeinträchtigen, die für eine bewusste Wissensaneignung und für kritisches Denken notwendig sind. Der Fluch ist, dass wir nach Irrelevanz süchtig werden können und unser Gehirn dazu trainieren, jedem Unsinn Beachtung zu schenken. Der Preis, den wir für die Macht der Technik bezahlen, ist die Entfremdung. Mit der zunehmenden Zerstreuung, die uns die modernen Medien bieten, verlieren wir die Fähigkeit, subtile und ausgesprochen menschliche Emotionen wie Empathie und Leidenschaft zu empfinden. Um sich in andere Menschen hineinversetzen zu können und deren Affekte zu dekodieren, muss man lernen, was Mimik, Sprachmelodie, Blickkontakt und Gestik über das Innere eines Menschen aussagen. Dazu muss man die reale Begegnung mit Menschen pflegen. Bildschirme und Mikrophone sind untauglich, wenn es gilt, ein tragfähiges Sozialverhalten zu erlernen. 

Exkurs Einsamkeit 

Einsamkeit ist auf dem Vormarsch. Die Neurowissenschaftler Caccioppo und Patrick schreiben, dass die Willenskraft und das Selbstwertgefühl durch Einsamkeit stark beeinträchtigt werden. Viele Menschen versuchen dann den emotionalen Kummer mit gesundheitsschädlichem Verhalten, zum Beispiel übertriebenem Medienkonsum, zu regulieren. Ein Verhalten mit kurzfristiger Stimmungsaufhellung und massiven Langzeitschäden für Körper, Seele und Gesellschaft. Großbritannien hat in der Zwischenzeit (Anfang 2018) wegen der bedenklichen Notlage ein eigenes Ministerium der Einsamkeit ins Leben gerufen. Über neun Millionen Briten fühlen sich einsam, gemäß Umfragen. Zunehmend stehen die digitalen und sozialen Medien auf der Anklagebank für die Entstehung dieser neuen Epidemie, bei der ein Fünftel der Patienten beim Hausarzt sich explizit über Einsamkeit beklagen. Die wissenschaftliche Evidenz ist noch nicht eindeutig, aber es gibt immer mehr Studien, die darauf hinweisen, dass die Nutzung von sozialen Onlinemedien die Wahrscheinlichkeit erhöhe, sich einsam zu fühlen. Wie bereits oben aufgeführt, ist die emotionale Verbundenheit in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht am stärksten, da wir auch auf nonverbale Informationen (Gestik, Mimik, Blickkontakt, Sprachmelodie) angewiesen sind, die in der digitalen Welt fehlen.

Exkurs Suchtgefahr

Seit 2018 gilt gemäß der Weltgesundheitsorganisation WHO die «Onlinespielsucht» oder auch als «Internet Gaming Disorder (IGD) -Computerspielsucht» als eigenständige Krankheit. Immer mehr Jugendliche und Erwachsene schlagen sich die Nächte um die Ohren mit Gamen. Sie verbringen immer weniger Zeit damit, sich körperlich zu bewegen, die Natur zu genießen und gesunde Beziehungen zu pflegen. Psychische und körperliche Krankheiten, die durch Schlafmangel, Stress, Unruhe und zunehmender Isolation verursacht werden nehmen immer mehr zu. Ähnlich ist die Lage mit den sozialen Onlinemedien. Perfide Tricks wie der Like-Button ziehen immer mehr Gebraucher in den Sog der Abhängigkeit. Warum? Wir können einfach nie genug soziale Anerkennung bekommen. Sie ist ein Fass ohne Boden. Dieses Wissen machen sich die Social-Media-Konzerne zu nutzen. Die Digitalisierung generiert nicht nur neue Suchtstörungen, sondern auch Ängste. Die Nomophobie (Wortschöpfung aus no mobile phone und Phobie) gilt als die Angst von seinem Smartphone getrennt zu sein oder nicht benutzen zu können. Bedenklich ist ebenfalls die Angst, etwas zu verpassen (Fear of Missing Out – FoMO), die auf eine verstärkte Smartphone Nutzung zurückzuführen ist. Immer mehr Menschen leiden unter dieser Angst. Charakteristische Symptome sind beständige innere Unruhe, hetzen von Ereignis zu Ereignis, der ständige Blick auf die Uhr, die Sorge, man könnte woanders etwas verpassen und die Unfähigkeit Dinge zu genießen.

 

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Autor: Robbie Pfandl

Psychotherapeut in der Versicherungsmedizin in Bern, ist es ein Anliegen, Menschen in Not zu helfen und sie in ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen. 

Artikel-Bildnachweis: Fabio Principei – gettyimages.de