Artikel aus dem Hope Magazin

01.09.2022

Ein Jahr im Zelt

Jojo hat‘s ausprobiert

Bild zum aktuellen Blog-Eintrag

 

Ich kann mir nicht aussuchen, ob mich mein Umfeld beeinflusst, aber meine Umgebung kann ich selbst wählen. Mit dieser Prämisse hat es mich im Frühjahr 2019 auf eine Insel verschlagen. Auf eine Insel in einem See mitten in Schwedens Natur und zwar im Zelt. Für ein ganzes Jahr. 

Ich wollte wissen, was ich wirklich brauche, um zu leben, und all den Luxus, der sich im Laufe der Jahre angehäuft hat, mal hinterfragen. Also begann ich sehr reduziert: Da gab es das Zelt, einen Holzofen, eine Matratze und einen guten Schlafsack. 

Schnell kam die Erkenntnis, dass gewisse Möbel einen durchaus praktischen Zweck erfüllen. Also wurde ein Bett gebaut, ein Tisch aus einer Schiefersteinplatte improvisiert, Regale gezimmert und einem alten sperrmüllreifen Sofa ein um ein paar Wochen längeres Leben geschenkt. Schon fühlte es sich wohnlich an. Die größte Veränderung des Zelterlebnisses kam aber mit dem Einzug der kühleren Abende ab September. Um die Wärme im Zelt zu halten, wurde es notwendig, den Eingang zu schließen - und ein Zelt hat keine Fenster. So war mir die Aussicht auf wunderbare Sonnenuntergänge am stillen See leider verwehrt. Doch eine Eingangstür mit Plexiglas eröffnete wieder den Blick auf das phänomenale Farbenspiel von Sonne, Mond, Himmel und Wasser, die so schnell verschwanden, wie sie kamen. 

Die Wintermonate waren geprägt von Niederschlag, Sturm, Eis und Schnee. Der unerwartet anstrengende Teil war der Lärm des Windes am Zelt in schlaflosen Sturmnächten. Doch selbst nach einer Woche ohne durchgehenden Schlaf, ließ ein ruhiger Abend, an dem das Licht ein impressionistisches Gemälde auf See und Abendhimmel zauberte, viele Anstrengungen wieder vergessen.

Es tut gut, zu wissen, was ich eigentlich brauche und mit wie wenig ich tatsächlich auskommen kann. Die äußere Welt ist ein Spiegel der inneren. Minimalismus in Dingen prägte mein Denken und Empfinden. Ich hatte wenig und doch fehlte es mir an nichts. Ich empfand und fand Dankbarkeit, Zufriedenheit und Genügsamkeit. Für mich führte dieser Weg durch die Natur. Nun liegt es an mir, dies weiter zu tragen in mein Leben nach dem Zeltjahr. 

Bild vom Autor zum Weblog Ein Jahr im Zelt

Autor: Johannes Likar

nach den ersten 30 Jahren seines Lebens im Salzburger Alpenvorland zog es den Filmemacher 2018 nach Schweden, um sich dort von einem Leben in der Natur verändern zu lassen. Dort nun niedergelassen, dokumentiert er seine Erlebnisse in Bild und Ton.