Artikel aus dem Hope Magazin

01.03.2022

Ein Stückchen Paradies

Back to Eden

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Seit Menschengedenken sind Mensch und Natur eng miteinander verbunden. Ob wir diese Verbindung als solche wahrnehmen oder nicht, wir nehmen mit jedem Atemzug Sauerstoff auf, ernähren uns vom Ertrag der Erde und nutzen die Ressourcen der Natur. Bewusst oder unbewusst hinterlässt jeder Mensch seinen Fußabdruck auf der Erde. 

Der erste Schrebergarten

Die Liebe zum Gärtnern verdanke ich wohl meinem Vater, der uns schon als Kindern ein kleines Beet seines Gartens überließ, in dem wir pflanzen durften, was wir wollten. Später, während des Studiums, hatten mein Mann und ich unseren ersten kleinen Schrebergarten. Ich wollte mich informieren, Fachliteratur studieren und meine ganze jugendliche Energie einsetzen, um unserem Garten seine Schätze zu entlocken. Belesen wollte ich das Maximum an Ertrag aus ihm herauskitzeln. Nach viel Schweiß, Gießwasser und teuren Spezialmittelchen war ich stolz auf jedes noch so kleine Salatköpfchen, dass ich heroisch gegen Ungeziefer, Unkraut, Pflanzenkrankheiten und Fressfeinde verteidigt hatte.

„Es ist wirklich ein Geschenk, nicht wahr?“

Gemeinsam mit meiner Schwiegermutter durfte ich später durch die nahezu unberührten Wiesen und Wälder der Karpaten im Norden Rumäniens streifen. Wir sammelten eimerweise Blaubeeren, Steinpilze, Hagebutten und Kräuter. Noch nie in meinem Leben hatte ich solch überfließende Fülle gesehen. Sie lachte über mein Staunen und meinte: „Es ist wirklich ein Geschenk, nicht wahr? All diese Dinge wachsen ohne unseren Arbeitseinsatz und wir müssen nichts weiter tun, als sie einzusammeln.“ Dieser Satz hat mich geprägt und so stand meine Haltung zum Gärtnern auf dem Prüfstand. Wie konnte sich die Natur hier so verschwenderisch selbst verschenken, ohne dass sich irgendein Mensch pflegend um sie sorgte? Und warum fanden all die Schnecken, Kartoffelkäfer und Pflanzenkrankheiten ausgerechnet den Weg in meinen Nutzgarten, um jede meiner Bemühungen infrage zu stellen? Was war überhaupt ein Nutz-Garten? War es nicht der Ort, an dem ich mich einbrachte und Verantwortung übernahm, damit auf einem kleinen Flecken Erde vielfältig Nützliches für mich wuchs?

Ich hielt inne und konzentrierte mich auf das, was ich sah. Überall im Wald war der Boden von einer dicken Schicht aus weichen Nadeln, Moosen, Blättern, verrottenden Baumstämmen und kleinen Stauden bedeckt. Beim Ernten der Steinpilze nahm ich unter den Pilzen ein riesiges Pilzgeflecht wahr, und eine dicke Schicht feuchten, lockeren, wohlduftenden Humus. Erst darunter fand ich den Lehmboden, der für die Gegend so typisch war. Ich begriff: Überall um mich herum war der Boden bedeckt! Die Wiesenhalme und Kräuter sprossen aus einer dicken Schicht abgestorbener Halme empor. Keine einzige kahle Stelle war zu sehen. Nur die Pfade der Menschen klafften wie aufgeschürfte Wunden in der Landschaft.

Zuhause ließ mir diese Dissonanz keine Ruhe. Wie konnte die Natur einerseits so verschwenderisch und andererseits so garstig sein? Ich wollte das System, das ich beobachtet hatte, auf meinen Nutzgarten übertragen. Unser ärmlicher Sandboden wurde von nun an also nicht mehr umgegraben, sondern zugedeckt. Mit Mulch. Mindestens 10 cm
hoch. Mit Rindenmulch, Blättern, Hackschnitzeln, Stroh, Gartenabfällen und eigentlich mit allem, was irgendwie biologisch abbaubar aussah und mir in die Hände fiel. Hauptsache, die Schicht war dick genug, um die Unkrautsamen, die in der Erde schlummerten, nicht durch die Sonne wachkitzeln zu lassen. Tatsächlich wuchs in meinem Garten kaum noch Unkraut und der Boden war nun voller Kleinstlebewesen. 

Riesige Himbeeren und die saftigsten Tomaten

Mit der Zeit war aus dem Mulch Humus geworden, der den Boden bedeckte und die Feuchtigkeit der gelegentlichen Regenfälle aufsaugte wie ein Schwamm. So blieben die Wurzeln konstant feucht und ich brauchte nur noch gießen, wenn eine echte Dürreperiode unsere Region heimsuchte. Ich erntete riesige Himbeeren und dicken Knoblauch und die saftigsten Tomaten, die ich je gegessen hatte. Ein paar Pflänzchen überließ ich gerne den Schnecken. Dafür summten jetzt überall Insekten in den Blumen, die ich rund um den Garten gepflanzt hatte. Ein kleines Stückchen Paradies.

Früher fragte ich mich: Was nützt mir dieser Garten? Heute frage ich viel mehr: Was nütze ich diesem Garten? Mittlerweile züchte ich Würmer, Marienkäfer, Florfliegen, Tausendfüßler, Ohrenzwicker und andere Insekten, die sich liebend gerne um unsere Pflanzen kümmern. Wenn sie die richtigen Bedingungen in meinem Garten finden, dann stellt sich auf lange Sicht ein Gleichgewicht ein. Ganz ohne kommerziell vertriebene Spezialmittelchen. 

Die einzige Forderung, die mein Nutzgarten beständig an mich stellt, ist: Beobachte genau! Welche Pflanze wächst auf welchem Boden gut? Welche Nachbarschaft mag sie? Braucht sie viele Nährstoffe, oder ist sie mit wenig zufrieden? Es gibt Pflanzen, die für sich selbst und sogar ihre Nachbarpflanzen Stickstoff aus der Luft filtern und diesen mithilfe von Bakterien im Boden binden. Sie düngen sich und ihre Umgebung also selbst. Forschungsarbeiten legen nahe, dass überdüngte Pflanzen sogar Blattläuse anlocken, um den Überschuss an Mineralstoffen zu regeln. Beobachten! Nicht voreilig bewerten. Ist die Blattlaus nun ein Ungeziefer oder der Retter in der Not? Darüber hinaus haben Forscher herausgefunden, dass Pflanzen und Bäume in einem unterirdischen Kosmos von Mikroorganismen und Pilzen in stetiger Kommunikation miteinander stehen. 

Für diese Sichtweise auf die Natur macht sich eine zunehmende Anzahl von Menschen stark. Die „Permakultur“-Bewegung. Das Wort setzt sich aus den Begriffen „permanent“, also dauerhaft, nachhaltig, enkeltauglich und „Kultur“ zusammen. Diese Bewegung lädt Menschen dazu ein, die Natur zu beobachten und die erkannten Prinzipien anzuwenden. Die sogenannten „Permakultur-Designer“ kopieren also die Erfolgsrezepte der Natur. Die Methode der Bodenbedeckung durch Mulch beispielsweise hat in Amerika und Australien eine ganze Bewegung des Gärtnerns ausgelöst und trägt den interessanten Namen „Back to Eden“. 

Back to Eden. Hier darf ich staunen, lernen, gestalten.

Eden. Woher kommt dieser Name eigentlich? Eden war der erste angelegte Garten. So beschreibt es die Bibel. Und der Gärtner? Gott selbst. Wer stellt sich Gott schon als Gärtner vor? Für mich als gläubige Christin ist dies nicht auf Anhieb die erste Assoziation, die mir in Bezug auf Gott einfällt. Und dennoch: Ich bin ein Mensch. Für den Garten geschaffen. Hier darf ich sein. Hier darf ich staunen. Hier darf ich lernen. Hier darf ich gestalten. Hier fühle ich die tiefe Verbindung mit dem, der das ganze Universum schuf. Im Rauschen der Blätter hoch oben in den Wipfeln der Bäume, dem Zirpen der Grille, dem Lockruf der Glucke, die ihre Küken um sich schart, dem sanften Wiegenlied der Gräser höre ich den Schöpfer des Universums beständig flüstern. Und ich sinne nach, was er wohl an jenem ersten Gartenspaziergang zu seinen beiden ersten menschlichen Geschöpfen gesagt haben könnte: „Schaut her, ich habe einen Garten für euch gepflanzt. Er ist mein Geschenk an euch. Alle Systeme sind heil, bedingen einander, wirken und wachsen miteinander, sind verbunden. Ich habe all diese Schönheit und Perfektion zu eurer Freude geschaffen. Geht hin und staunt. Beobachtet sorgfältig. Gebt den Dingen, die ihr in ihrem Wesen erkannt habt, einen Namen. Genießt mit all euren Sinnen den Herzschlag der Schöpfung und dann übernehmt Verantwortung. Schaut euch das Gärtnern von mir ab. Bebaut und bewahrt diese Schöpfung. Ich vertraue sie euch an. Jedes lebendige Wesen. Für alle Zeiten.“ Es ist die Sehnsucht nach diesem ersten Garten, die mein Gärtnern prägt: Back to Eden. 

Bild vom Autor zum Weblog Ein Stückchen  Paradies

Autor: Annika Giurgi

lebt in Südhessen, hat Entwicklungszusammenarbeit studiert und verbringt ihre Zeit am liebsten mit ihrer Familie draußen in der Natur.

Artikel-Bildnachweis: NickyLloyd – gettyimages.de