Artikel aus dem Hope Magazin

01.03.2022

Genügsamkeit genießen

Kinder zu verantwortungsbewussten Nutzern heranwachsen lassen

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Ich sitze im Wartezimmer des Arztes und habe Zeit, die Abbildungen an den Wänden zu studieren. Sie zeigen verschiedene Körperteile in einer Detailliertheit, die uns „normal Sterblichen“ in der Regel verborgen bleibt. „So sieht also mein Körper von innen aus“, denke ich und staune. Wie viele Elemente müssen klaglos zusammenwirken, dass ich ungehindert leben kann! Von den meisten spüre ich mein Leben lang nichts, sie sind einfach nur da und verrichten ihren Dienst. Genial! So wie wir als Kinder die Straßenbeleuchtung, die Eisenbahn, das fließende Wasser und die Polizei für selbstverständlich nahmen und nie bedachten, dass es dahinter eine Organisation und einen Staat braucht, so leben wir als Erwachsene mit unserem Körper. Im Normalfall spüren wir ihn nicht und halten das für normal. Manche denken sogar, das habe sich von allein so entwickelt. Das glaube ich nicht. Dafür ist mir das System zu durchdacht und ausgewogen. 

Ich kann genießen 

Wir sind in der Lage, mit vielen Lebensumständen zurechtzukommen. Darum leben Menschen im ewigen Eis, in der heißen Wüste oder im feuchten Regenwald. Dennoch: Auch das „Wunder Mensch“ hat Grenzen. Ich kann nicht so schnell rechnen wie mein Computer; ich kann mit dem bloßen Finger kein Loch in die Ziegelwand bohren und ohne Hilfsmittel nicht lange unter Wasser bleiben. Aber ich kann etwas, das keine Maschine kann: Ich kann genießen! Essen, Trinken, Ruhen, den Ausflug in die Berge, das Bad im klaren See, den Klang der Musik, die Gemäldeausstellung und den Rausch der Sexualität – ich kann genießen! Was für ein genialer Gedanke meines Schöpfers! Ich kann sogar Genuss planen. Wie schön! Und wie gefährlich! Denn gerade dieser Genuss ist es, der mir zur Falle werden kann. Das haben schon die alten Griechen erkannt. Darum beschrieb der griechische Historiker und Philosoph Xenophon einen ausgewogenen Lebensstil sinngemäß so: Gutes maßvoll genießen, Schädliches meiden.

Tatkräftige Reformer 

Das war auch die Prämisse der sogenannten Mäßigkeitsbewegung (temperance movement), die im Amerika des 19. Jahrhunderts aufblühte und bis nach Europa reichte, teils im Verbund mit dem Engagement für Frauenrechte und anderen sozialen Reformen. Schwerpunkt war der Kampf gegen den Alkohol. Das hatte ganz praktische Auswirkungen auf das Alltagsleben. Da es dort zu jener Zeit mangels hygienischer Voraussetzungen gesundheitlich riskant war, Wasser zu trinken, griff die Bevölkerung sicherheitshalber zu alkoholischen Getränken, die es überall gab: Bier zur Deckung des täglichen Flüssigkeitsbedarfs! In Europa gehörte die morgendliche Biersuppe in vielen Familien auch für Kinder zum Alltag. 

Das änderte sich erst, als Kaffee und Tee andere Frühstücksgewohnheiten mit sich brachten. Der Schweizer Arzt und Ernährungsreformer Maximilian Bircher-Benner (1867-1939) veränderte mit seinem Müsli als Teil der Vollwertkost den europäischen Frühstückstisch, ähnlich wie sein amerikanisches Gegenüber John Harvey Kellogg (1852-1943) und dessen Bruder Will Keith, die die Erfinder der weltweit bekannten Cornflakes sind. Beide hatten im Zuge ihrer Gesundheitsbemühungen nicht nur dem Alkohol den Kampf angesagt, sondern auch einigen Lebensgewohnheiten, die dem Durchschnittsamerikaner der damaligen Zeit die Gesundheit zu ruinieren drohten. 

Gepaart mit Armut, Unwissenheit und gesellschaftlichen Gepflogenheiten hinterließ der Alkohol seine hässlichen Spuren in der Gesellschaft des 18. und 19. Jahrhunderts. Um dem abzuhelfen, spendeten Leute für die Öffentlichkeit sogenannte „Mäßigkeitsbrunnen“, die sie oft direkt gegenüber von Gastwirtschaften aufbauen ließen. Der Zweck bestand darin, der Bevölkerung kostenlos hygienisches Trinkwasser zur Verfügung zu stellen, um den Besuch der Schänke unnötig zu machen. 

Selbstbeherrschung macht stark 

Auf diesen Brunnen sieht man oft eine Frauenstatue, welche die Tugend der Mäßigkeit darstellt, indem sie umsichtig Wasser von einem Gefäß in ein anderes füllt. Das Maßhalten als Tugend findet sich als Konzept sowohl in den asiatischen Religionen, in der griechischen und römischen Philosophie wie auch im Juden- und Christentum. So heißt es im Buch der Sprüche, das auf König Salomo zurückgeht und damit ungefähr 3000 Jahre alt ist: „Ein Mann, der seinen Zorn nicht zurückhalten kann, ist wie eine offene Stadt ohne Mauern.“ (Sprüche 25,28) oder „Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte einnimmt.“ (Sprüche 16,32)  

Noch älter als dies sind die weithin bekannten Zehn Gebote aus dem 2. Mose-Buch (Exodus), in denen ausdrücklich davor gewarnt wird, etwas zu begehren, was dem Nächsten gehört, das heißt, hier wird das Maßhalten als Selbstbeherrschung gesehen. Als bedrohlich für die Gemeinschaft wird eingestuft, wenn diese Mäßigung fehlt: „Du sollst nicht begehren …“ 

Im Neuen Testament nimmt der Apostel Paulus das Anliegen auf und nennt als eine Frucht im Leben reifer Menschen die Selbstkontrolle. Das griechische Wort, das er verwendet, lautet ἐγκρατεία (enkrateia). Der Reformator Martin Luther hat das mit „Keuschheit“ ersetzt, aber Paulus meint damit die Selbstbeherrschung, die eben nicht nur auf die Leiblichkeit des Menschen begrenzt ist, sondern alle Lebensbereiche umfasst. 

Interessanterweise wurde 1861 in London ein Mäßigkeitsbrunnen gegenüber der Londoner Börse aufgestellt. Damit wurde signalisiert: Nicht nur beim Alkohol brauchen wir Grenzen, sondern auch in anderen Lebensbereichen wie z. B. dem Geld. Allerdings musste dieser Brunnen 1920 einem Kriegerdenkmal weichen, um der Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Durch Mäßigung der Fürsten jener Zeit, die größtenteils miteinander verwandt waren, hätte viel Elend vermieden werden können. Kriegerdenkmäler hätten wir in der Folge nicht gebraucht. 

Maßhalten macht frei 

Das Denken hat sich in den letzten Jahrzehnten jedoch gewandelt. Wer heute für einen vernünftigen Lebensstil wirbt, findet offene Ohren. Längst haben wir begriffen, dass Übermaß schadet, und zwar getreu nach Xenophon auch das Übermaß an Dingen, die wir gern genießen. Unser Körper ist für die ausgewogene Mitte gemacht und flexibel genug, um auf Schwankungen ausgleichend zu reagieren. Notfalls zieht er die Bremse so radikal, dass nur eine Lebensumstellung das Gleichgewicht wieder erreichen kann. 

Maßhalten lautet das Gebot der Stunde, denn die Möglichkeiten, die unsere Zeit mit sich bringt, sind enorm. Viele Genussmittel sind erschwinglich, durch das Internet stehen Reize und Angebote auf Tastendruck zur Verfügung, die moralische Entscheidungen erfordern, von allen möglichen Seiten lockt der Kick, ob es Glücksspiel oder der „kleine Rausch“ zum Feierabend ist, der nach einem stressigen Arbeitstag Entspannung verspricht. Das Gebot des Maßhaltens gilt nicht nur im Blick auf eine gesunde Lebensweise, sondern auch für den Umgang mit unserer Welt. Dass ein Wal im Frühjahr 2018 vor den Augen derer, die versuchen, ihn zu retten, Plastiktüten erbricht und dann stirbt, ist ein lauter Schrei der Natur danach, dass sich der Mensch mäßigen möge! 

Die Lösung für das Feuerwerk an Möglichkeiten, dem wir heute schon in jungen Jahren ausgesetzt sind, ist zu lernen, dass Selbstbeschränkung Raum zum Glück lässt. Dabei helfen Impulse zur Achtsamkeit, die einen auch das kleine Vergnügen schätzen lassen. Man muss nicht alles besitzen, testen, erleben und machen, was man könnte. 

Freiraum genießen 

Im Grunde stehen vor dem Einzelnen die gleichen Fragen wie vor der Menschheit insgesamt: Sollten wir wirklich alles tun, was wir könnten? Im echten Leben ist es wie in der Kunst: Weglassen ergibt ein Mehr an Qualität. Wenn ich weglasse, entsteht Raum. Mein Leben ist weniger vollgestopft, wird flexibler. Ich kann wieder atmen. Meine Sinne werden frei für den Genuss ohne Reue, und ich werde dankbarer. Dankbare Menschen sind angenehme Zeitgenossen, denn Unzufriedenheit macht letztlich aggressiv – und krank. 

Wer sich durch Zurückhaltung Freiheit verschafft, hat mehr vom Leben. Und das ist offenbar genau das, was sich der Schöpfer des Lebens gedacht hat. 

 

Bild vom Autor zum Weblog Genügsamkeit genießen

Autor: Matthias Müller

Mitgründer von HopeTV,  genießt den tätigen Ruhestand  an der Nordsee.

Artikel-Bildnachweis: Everste – gettyimages.de