Artikel aus dem Hope Magazin
Jeder nach seiner Fasson
Vom Segen der Religionsfreiheit

Wenn ich meine Frau frage, ob wir nach mehreren Jahren Unterbrechung wieder eine Episode schauen sollen, winkt sie umgehend energisch ab. Und das nicht etwa, weil die TV-Serie nicht gut gemacht wäre, sondern weil sie deren Handlung und Atmosphäre als unerträglich empfindet. Die Rede ist von The handmaid‘s tale – Der Report der Magd, der großartig inszenierten aber schwer verdaulichen Adaption von Margaret Atwoods preisgekröntem Roman.
Zum Inhalt: Aus den von diversen Katastrophen heimgesuchten USA geht eine protestantische Variante des „Islamischen Staats“ hervor. Vordergründig streng-gläubige Männer stürzen das Land in eine faschistische Schreckensherrschaft, unter der besonders Frauen zu leiden haben. Sämtliche Rechte werden ihnen entzogen und ungeachtet ihrer Qualifikationen werden sie in die häusliche Domäne verbannt. Falls sie zu der kleinen Gruppe derjenigen gehören, die noch fruchtbar sind, erwartet sie eine Zukunft als uniformierte und immerzu gebärende Sklavinnen. Alles im Namen des biblischen Gottes vielmehr „unter Seinem Auge“, wie man es sich dort täglich floskelhaft zuspricht. Diese TV-Serie ist eine eindrückliche Antwort auf die Frage: Wie könnten die USA aussehen, wenn es keine Religionsfreiheit mehr gäbe?
83 Millionen Menschen in Deutschland ist etwas gänzlich anderes beschieden. Seit 1949 heißt es in Artikel 4 unseres Grundgesetzes: „(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“
Meine rumänischen Verwandten, die in den 70er-Jahren um ihres Glaubens willen von der Geheimpolizei bedrängt wurden, werden mir nicht widersprechen: Es kann wohl nicht überbetont werden, dass wir auch aufgrund solcher Prinzipien in einem der hellsten und komfortabelsten Abschnitte der Weltgeschichte leben. Allerdings war dazu ein Weg nötig, der von Kriegen und Revolutionen, von unermüdlichem Einsatz und zahlreichen Rückschlägen geprägt war. Besonders gravierend waren die folgenden Etappen:
- Obwohl einige namhafte Reformatoren irgendwann selbst ein System der religiösen Unterdrückung schufen, haben sie mit beispielloser Deutlichkeit Gewissensfreiheit eingefordert und gegen die Machthaber ihrer Zeit verteidigt. 1555 trat der Augsburger Religionsfrieden in Kraft und auch Protestanten erhielten das Recht, den christlichen Glauben auf ihre Weise zu bekennen und zu praktizieren.
- Im Laufe des 18. Jahrhunderts durchlebten große Teile der europäischen Bevölkerung die sogenannte Aufklärung. Diese äußerte sich in der radikalen Abkehr von Traditionen aller Art und in der Würdigung der Vernunft als oberstem Prinzip. Trotz der entfesselten Grausamkeit und des immensen Blutvergießens kam es durch die Französische Revolution zu einem ideologischen Höhepunkt: 1789 wurde die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ veröffentlicht. Man stand der kirchlichen Welt zwar feindlich gegenüber, erwähnte aber ein allgemeines Recht auf Religionsfreiheit.
- Eine weitere Leistung Frankreichs besteht darin, dass der Laizismus etabliert wurde – also die scharfe Trennung von Religion und Staat. Damit zeigte sich, dass Religionsfreiheit eine doppelte Stoßrichtung besitzt: Nicht nur eine Freiheit zu, sondern auch eine Freiheit von etwas. In Deutschland hat sich diese Trennung nicht im selben Ausmaß vollzogen. Doch wie bereits ausgeführt, achtet das Grundgesetz neben Religionen explizit auch Weltanschauungen. Der Staat ist zu religiös-weltanschaulicher Neutralität verpflichtet und schützt auch jene, die alles Religiöse strikt ablehnen.
Religionsfreiheit und Laizismus als Privilegien wahrzunehmen und davon regelrecht zu schwärmen erscheint mir im Jahr 2025 besonders angebracht. Denn momentan werden sie mit einer gewissen Breitbeinigkeit infrage gestellt. Hierbei beziehe ich mich aber nicht auf die „üblichen Verdächtigen“ wie z. B das religionsfeindliche Nordkorea, sondern auf beunruhigende Phänomene in westlichen Gesellschaften.
Leider klingt das eingangs beschriebene Szenario aus Atwoods Roman in den Ohren einer Minderheit nicht gänzlich unattraktiv: In den USA bekennen sich einige (überwiegend männliche) Theologen, Pastoren, Autoren und Influencer lautstark zum christlichem Nationalismus. Seit seiner Gründung sei ihr Staat ausdrücklich christlich und der Gesetzgeber müsse den Schutz christlicher Interessen einfordern. Manche dieser Meinungsmacher träumen davon, Blasphemie zu kriminalisieren, Frauen das Wahlrecht zu entziehen und Religionsfreiheit ausschließlich Christen zu gewähren; natürlich nur bestimmten Christen. Wenig überraschend hört man aus diesen Kreisen, dass die Kreuzzüge kein barbarischer Akt, sondern eher eine Sternstunde des Christentums gewesen seien…
Angesichts solcher schamlosen Äußerungen spüre ich die Notwendigkeit, für den Erhalt und die Ausbreitung der Religionsfreiheit zu beten. Darüber hinaus kann ich mich gesellschaftlich einbringen. Auch am Wahlsonntag. Dieses Engagement dient nicht nur mir selbst, sondern auch meinen Mitbürgern – ungeachtet dessen, ob sie Gebete sprechen und zu wem.
Vermutlich war es die englische Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall, die dem Philosophen Voltaire den folgenden Satz in den Mund legte:
„Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.“
Ein Jahrhundert-Zitat! Die Haltung dahinter möchte ich mir zu eigen machen. Immerhin bin ich als Christ längst davon überzeugt, dass ausnahmslos alle Menschen eine grundsätzliche Erfahrung teilen: Gott „hat gewollt, dass die Menschen ihn suchen, damit sie ihn vielleicht ertasten und finden könnten. Denn er ist ja jedem von uns ganz nahe.“ (Apostelgeschichte 17,27 Gute Nachricht Bibel)
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Autor: Rinaldo G. Chiriac
Artikel-Bildnachweis: swissmediavision - gettyimages.de
