Artikel aus dem Hope Magazin
Lebe, als bräuchtest du keinen Urlaub
Morgens, 9 Uhr. Ich fahre meinen PC im Büro hoch und atme tief durch. Vor mir liegt ein neuer Arbeitstag, obwohl bereits ein halber Arbeitstag hinter mir liegt ...

... nur von diesem halben Arbeitstag weiß fast niemand.
Von Schafen und Entenschuhen
Meine beiden Kinder hielten es für eine super Idee, um 5 Uhr auf den Beinen zu sein. Und auf den Beinen sind sie dann wortwörtlich. Da wird getanzt, geflitzt und leider auch mal geschubst. Zwischen den Bewegungseinheiten werden die beiden angezogen, was manchmal einem Ringkampf oder einer Schafschur mit einem Schaf auf Koffein ähnelt. Zwischendurch Frühstück machen, Kinder wieder an den Tisch manövrieren, verschüttete Milch aufwischen, Toniebox zum zehnten Mal ausmachen, „Warum hat das Kind schon wieder das scharfe Messer in der Hand?“ Brotdose befüllen. Nach dem entspannten Frühstück werden die Zähne geputzt (wieder Level Ringkampf). Nun wird diskutiert, warum Kindergarten eine gute Idee ist und alle nun arbeiten gehen, nein, keiner ist zu Hause. Ok, wir ziehen uns an. Ringkampf Nr. 3 geht los. Ich diskutiere mit dem Kleinkind, dass die Schuhe falschherum angezogen wurden. Keine Chance – dann geht es eben mit Entenfüßen los. Ist mir inzwischen egal. Auf dem Fußweg in den Kindergarten gibt es so viele spannende Sachen – auf der Mauer klettern, den Leuchtturm in Nachbarsgarten anschauen und zurückbellen, wenn der Hund bellt. Wir biegen in die Einfahrt des Kindergartens ein. Inzwischen klatschnass geschwitzt, gebe ich das Kind ab. Tür zu. Ab nach Hause, Sachen packen, los zur Arbeit. Im Auto habe ich meine Me-Time. Eine halbe Stunde für mich, niemand will etwas. Ich höre mein Hörbuch, telefoniere, höre Fanta4 auf Anschlag, oder genieße die Ruhe und bete. Angekommen bei der Arbeit, morgens 9 Uhr. Nun beginnt der Arbeitstag.
Geschäftsführung in Teilzeit? – Ja, das geht.
Seit ich Kinder habe, sehe ich meine Arbeit anders. Sie ist für mich ein absoluter Luxus und eine großartige Möglichkeit, vom Alltag zu Hause abzuschalten. Ich kann mich konzentriert an den Schreibtisch setzen und arbeiten, ich kann in Besprechungen zu Ende reden, ohne ständig unterbrochen zu werden (zumindest meistens), ich kann einen Gedanken zu Ende denken.
Wir haben uns als Eltern bewusst entschieden, den Luxus der Teilzeit-Arbeit zu genießen, sodass unsere Kinder beide Elternteile im Alltag erleben. Während meiner Elternzeit habe ich oft von anderen Frauen gehört, dass der Mann keine Elternzeit nehmen könne, weil er ja viel mehr Geld verdiene, als sie es tun und sie so viel Verantwortung tragen, dass keine Teilzeitarbeit möglich ist.
Vielleicht müssen Frauen diesen Weg erst gehen, damit Männer sich das ebenfalls trauen. Als Geschäftsführerin in Teilzeit – ja, das geht. Auch wenn es herausfordernd ist. Als Hauptverdienerin auf einen Teil des Gehaltes verzichten – ja, das ist ein finanzieller Einschnitt, aber es ist auch unser Luxus. Dass wir abends zusammen durchs Haus flitzen, die Brio-Bahn zu viert aufbauen, nochmal durchs Dorf stromern. Diese Zeit miteinander ist unser kleiner Urlaub im Alltag.
Ruhezeiten einbauen – eine Herausforderung
Dafür fahren wir sonst kaum in den Urlaub, Teilzeitarbeit hat ihren Preis. Wir leben aber so, dass wir nicht ständig urlaubsreif sind. Nicht auf Anschlag leben und arbeiten, sondern Ruhezeiten in den Alltag einbauen, Arbeit und Alltag entspannt nebeneinander leben. Dabei ist es ehrlichweise oft ein Konflikt. Wenn ich dringende Abgabetermine habe, sieht es natürlich anders aus. Und auch an normalen Arbeitstagen fällt es mir manchmal schwer, den Laptop zuzuklappen und eine unbeantwortete Mail bis morgen warten zu lassen.
Wir haben dieses Modell bewusst gewählt, aber manchmal schiele ich etwas neidisch auf die klassisch orientierten Lebensmodelle. Nicht, weil ich gerne zu Hause bleiben würde – ich wäre eine furchtbare Vollzeit-Mutter –, sondern weil es aus der Ferne für mich aussieht, als sei alles viel simpler strukturiert, alles klar geregelt. Jeder hat seine Aufgabe, seinen Ablauf, seinen festen Platz. Hier ist alles verhandelbar. Derjenige, der zu Hause ist, macht auch den Haushalt. Dabei setzen mein Mann und ich unterschiedliche Schwerpunkte und manchmal steht das Frühstück noch auf dem Tisch, wenn ich von der Arbeit komme. Aber die Kinder sind glücklich und zufrieden.
Ausbalancieren oder integrieren?
Als ich mich gefragt habe, ob wir eher Team „Work-Life-Balance“ oder Team „Work-Life-Integration“ sind, merke ich, dass die Work-Life-Integration schon längst Praxis bei uns ist. So lassen sich Arzttermine der Kinder ohne extra Urlaub oder Krankschreibung erledigen. An manchen Tagen im Homeoffice zu arbeiten entlastet, weil man mal eben mit einspringen und aushelfen kann. Allerdings erfordert dieses Lebenskonzept eine manchmal minutengenaue Abstimmung, gute Kommunikation mit dem Partner, und die Fähigkeit, auch mal eine Grenze zu setzen. Denn wir brauchen Ausgleich, müssen mal den Kopf freikriegen, einen Pause-Knopf drücken dürfen. Das benötigt auch wieder Kraft. Während man bei der klassischen Arbeit einfach eine örtliche Trennung hat, geschieht die Trennung hier nur im Kopf und erfordert deshalb mehr Disziplin. Und es sollte nicht dem Ehepartner aufgebürdet werden, die Grenzen zu ziehen (ob nur als Ausrede oder ernstgemeint: „Ich mache jetzt Feierabend, sonst schimpft meine Frau wieder.“), sondern man sollte es eigenverantwortlich hinkriegen.
Neuer Trend: Work-Life-Segregation
Übrigens gibt es noch einen neuen Trend: Work-Life-Separation. Bei diesem Modell wählt man zunehmend einfach strukturierte Berufe aus, bei denen man einen klaren Feierabend hat und dann nur noch privat agiert. Keine Gedanken, denen man nachhängt, nichts nach- oder vorzubereiten, keine Telefonate außerhalb. Die beiden Leben sind strikt voneinander getrennt. Vielleicht bin ich dafür in der falschen Generation. Mir gefällt der Ansatz, flexibel zu geben und zu nehmen. Ich genieße viel „Bewegungsfreiheit“ und Spielraum, habe aber auch kein Problem damit, am Abend oder auch am Wochenende zu arbeiten. Work-Life-Integration funktioniert nur so, es ist ein Geben und Nehmen. Und am Ende liegt es an jedem selbst zu entscheiden und vielleicht auch auszuprobieren, wie man am zufriedensten leben kann.
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Autor: Jessica Kaufmann
Artikel-Bildnachweis: gpointstudio - gettyimages.de
