Artikel aus dem Hope Magazin

01.09.2023

Nahrungsergänzungsmittel

Wie sinnvoll sind sie?

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Sind Sie nicht auch schon mal über eine Anzeige gestolpert, in der versprochen wurde, die Krankheit XY könnte mit der Einnahme von nur einer Tablette pro Tag gelindert werden? Oder Ihr Energiepegel werde damit um 50 % angehoben? Solche und andere Versprechungen, die gezielt auf die Bedürfnisse und Sorgen von Menschen gerichtet sind, weisen auf eine zentrale Strategie von Firmen hin, die sich auf die Vermarktung von Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) spezialisiert haben.

Allein in Deutschland hatte im Jahr 2018 der Markt an NEM ein Wachstum von 6 % zu verzeichnen, mit einem Gesamtvolumen von 2,1 Mrd. Euro. Bestellt werden kann im Internet, oder man wählt den Weg in die Apotheke des Vertrauens. So groß der Markt auch sein mag, so kontrovers sind die Meinungen über die Sinnhaftigkeit von NEM. Manche schwören darauf und nehmen täglich eine auf sie zugeschnittene Mischung an Tabletten, Pillen und Säften, um ja keinen Mangel zu bekommen. Die Kraft muss gesteigert werden, um den Körper auf die nächste Stufe zu heben. Die anderen bezeichnen diese akribische Einnahme als Produktion von „teurem Urin“, da diese Mittel ihrer Meinung nach eins zu eins wieder über unsere Nieren ausgeschieden werden.

Wer hat Recht?

Unter welchen Umständen ist es sinnvoll, auf NEM zurückzugreifen und in welchen Situationen kann man sich getrost dem Motto nicht bei jedem neuen Hype mitmachen zu müssen, zurücklehnen?

Eine grundsätzliche und bedeutende Frage lautet: Ist die Ernährungsweise, für die man sich entschieden hat, so vollwertig, dass sie alle wichtigen Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente abdeckt? Da diese Frage nicht pauschal beantwortet werden kann, liefere ich hier keine eindeutige Empfehlung für oder gegen bestimmte Substanzen oder NEM. Tatsache ist: Die eine durchschnittliche Ernährung gibt es, zumindest in der jüngeren Generation, nicht mehr. Trends wie Veganismus, der Fast-Food-Boom, Lowcarb oder die Extremvariante „ketogene Ernährung“ sind allgegenwärtig und erfreuen sich immer breiterer Beliebtheit. Dies bringt auch mit sich, dass es durch die verschiedensten Ernährungsüberzeugungen zu Mangelerscheinungen kommen kann.

Vegane Ernährung

Sich vegan zu ernähren erfreut sich auch in unseren Breiten, insbesondere bei der jungen urbanen Bevölkerung, immer größerer Beliebtheit. Sie ist von Natur aus cholesterinfrei. Studien wie die „Adventist Health Study“ belegen eine statistische Lebensverlängerung von knapp sieben Jahren – verglichen mit Personen, die regelmäßig Fleisch essen.

So gesund vegan prinzipiell sein mag, kann man sich dennoch einseitig und ungesund ernähren. Deshalb müssen wir uns etwas detaillierter mit möglichen Mangelerscheinungen beschäftigen.

Eine Substanz, die in pflanzlichen Produkten, wie sie Veganer zu sich nehmen, praktisch nicht vorkommt, ist das Vitamin B12. Viele Nahrungsmittelproduzenten setzen daher dieses Vitamin ihren Erzeugnissen zu. Eine Substitution (separate Zugabe) von Vitamin B12 verlangt regelmäßige ärztliche Kontrolle. Auch Blutwertetests müssen durchgeführt werden. Ein Vitamin-B12-Mangel kann, wenn er unbehandelt bleibt, zu schwerwiegenden Folgen des Nervensystems und der Blutbildung, ja sogar bis zum Tod führen.

Theoretisch wäre Vitamin B12 in pflanzlichen Lebensmitteln wie dem Shiitake-Pilz oder in Meeresalgen wie Nori vorhanden, jedoch kann die enthaltene Menge stark schwanken, weshalb die Einnahme von Tabletten oder Injektionen Sinn ergibt.

Eine weitere Substanz, die es zu beachten gilt, ist das Eisen. Hier kann man durch regelmäßigen Konsum von Gemüse wie Spinat, Rote Bete, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten oder Nüssen einer Mangelerscheinung vorbeugen. Eine regelmäßige Blutkontrolle des Speichereisens (Ferritin) lohnt sich in jedem Fall.

Schwangerschaft

Eine weitere Lebenslage, in der es sinnvoll ist, auf NEM zurückzugreifen, ist die Schwangerschaft. Hier steht das Wohl des Ungeborenen über allem. Es sollte zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung Folsäure eingenommen werden, um die Entwicklung des zentralen Nervensystems des Kindes positiv zu beeinflussen. Da der Bedarf an allen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen in der Schwangerschaft generell erhöht ist und es durch Vorfälle wie das Schwangerschaftserbrechen, insbesondere in der Frühschwangerschaft, zu einer Mangelernährung kommen kann, gilt es mit dem behandelnden Gynäkologen auszuloten, ob die Einnahme eines Multivitaminpräparates gerechtfertigt ist. Die wissenschaftliche Beweislage ist für die Folsäureeinnahme gegeben, hingegen gibt es für Multivitaminpräparate keine klaren Daten.

Multivitaminpräparat für jeden?

Abgesehen von den beschriebenen Umständen, die die Einnahme von NEM durchaus rechtfertigen, glauben viele Leute, dass ein Multivitaminpräparat ihre Abwehrkräfte steigern und dadurch Krankheiten verhindern könne. Eine Meta-Analyse von mehreren zufällig ausgewählten Studien hat sich mit diesem Thema beschäftigt und ist zu dem Schluss gekommen, dass es bezüglich der regelmäßigen Einnahme eines Multivitaminpräparates keinen Effekt gibt, was die Verlängerung des Lebens, die Verhinderung von Krebs oder anderen Erkrankungen betrifft. Dies gilt selbstverständlich nur für gesunde Personen, die sich ausgewogen ernähren.

Omega-3-Fettsäuren

Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren (O3FS) wie Fischölkapseln oder Algenpräparate sind in aller Munde. Angeblich besteht ein positiver Zusammenhang bezüglich der Verhinderung von Herz-Kreislauferkrankungen. Doch insgesamt muss man sagen, dass es dafür keinen wissenschaftlichen Nachweis gibt. Was hingegen belegt werden konnte, ist, dass es durch die Einnahme von O3FS nach einem Herzinfarkt zu einer geringeren Sterblichkeit kam, wie im August 1999 im renommierten medizinischen Journal The Lancet publiziert wurde.

Vitamin D3

Das Vitamin D3 wird durch die Einwirkung der UV-Strahlung des Sonnenlichts auf unsere Haut über Niere und Leber vom Körper selbst hergestellt. In gewissen Situationen kann es zu einer Mangelerscheinung kommen, die eine Ergänzung notwendig macht. Das betrifft einen im Blut nachgewiesenen Vitamin-D3-Mangel oder eine manifeste Osteoporose. Es gibt in der wissenschaftlichen Literatur Hinweise darauf, dass Vitamin D3 auch einen vorbeugenden Effekt auf die Insulin-Empfindlichkeit bei Typ-2-Diabetes hat, was zu einer Verbesserung der Blutzuckerkontrolle beitragen kann. Bezüglich Herz-Kreislauferkrankungen zeigt sich aktuell kein Nutzen einer Vitamin-D3-Einnahme.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass die Einnahme von NEM, wenn medizinisch nicht empfohlen, keinen nachgewiesenen Nutzen für den Einzelnen hat und in Einzelfällen sogar Schaden anrichten kann. Die Empfehlung ist daher ganz klar: Durch Nahrungsergänzungsmittel kann eine ausgewogene Ernährungsweise nicht ersetzt werden, und es ist notwendig, die Einnahme solcher Präparate mit dem Arzt des Vertrauens zu besprechen, um Risiken zu minimieren und den Nutzen zu maximieren.

 

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Autor: Stefan Leitner

Facharzt für Innere Medizin, Klagenfurt, A

 

Artikel-Bildnachweis: Andrii Zastrozhnov – gettyimages.de