Artikel aus dem Hope Magazin

01.03.2024

Nur Geläute, Liturgie und fromme Worte?

Projektionsfläche Gott

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Es ist Feiertag, und eigentlich wäre es schön, ausschlafen zu können. Doch das Geläute vom Kirchturm bricht polternd in die Stille ein. Es wird vielerorts wohl mehr als Ruhestörung denn als wohlwollende Erinnerung wahrgenommen, denn wer besucht heutzutage an Sonn- und Feiertagen schon den Gottesdienst?! Bett, Badesee und Berge sind für viele attraktiver als fromme Worte von der Kanzel und feierliche Liturgie.

Wir leben im „christlichen Abendland“, aber ist es noch christlich? Was bedeuten hier Kirche und Glaube heute? 

Nun gut, als die Medizin noch in den Kinderschuhen steckte, brauchte man Wunderheilungen. Als Lebensberater, Psychiater und Psychologen unbekannt waren, suchte man Trost beim Pastor oder Priester. Als weder Facebook, Flimmerkiste noch Freizeitparks die Langeweile vertrieben, fand man Gottesdienste und kirchliche Feste ganz nett. Und solange die großen Welträtsel ungelöst waren, beantwortete der Glauben an Gott die Fragen der Menschen. Aber heute?

Schon Nietzsche hat Gott für tot erklärt. Lamarck und Darwin haben den Glauben an den Schöpfergott durch die Evolutionstheorie ersetzt. Ärzte und pharmazeutische Produkte heilen unsere körperlichen und seelischen Beschwerden. Und das Paradies schaffen wir uns selbst auf Erden. Wozu dann noch Gott und Kirche?

Das Entscheidende fehlt

Zugegeben, die Befreiung vom christlichen Glauben sollte das Leben verbessern. Menschen hatten nämlich im Namen Gottes viel Leid über die Welt gebracht: Religionskriege, Folter und Sklaverei, Angst vor ewigen Höllenstrafen, Unfreiheit und finanzielle Ausbeutung sind dunkle Flecken in der Geschichte der Kirche. Das alles war möglich, weil man Gott auch damals nicht ernst genommen hat.

Gott will Freude, Freiheit und Frieden. Er will Liebe und Vertrauen, statt Angst und Hass. Er möchte nicht auf ein besseres Jenseits vertrösten, sondern Hoffnung und Lebensmut schenken – weil er uns liebt. Weil er uns von Schuld und dunklen Gefühlen befreien will und uns eine Zukunft ohne Leid und Tod öffnet: Eine offene Tür für jeden Menschen!

Deshalb ist unser Leben nicht besser geworden, als wir den christlichen Glauben über Bord geworfen haben. Im Gegenteil, viele Menschen sind unzufrieden und depressiv verstimmt. Sie besitzen viel und sind innerlich leer. Die Vergnügungsangebote unserer Gesellschaft und die Rausch- und Genussmittel bringen ihnen auf Dauer keine Freude. Glücklich geworden sind sie nicht, als sie Gott los sein wollten.

Missverständnisse

Aber muss es gerade Kirche sein? Allein, wenn manche dieses Wort hören, verdrehen sie schon die Augen. Man verbindet Kirche mit alten, feuchtkalten Gemäuern, harten Bänken und muffigen Gruften – ein Ort, an dem man sich nicht wirklich wohlfühlen kann, nicht miteinander reden soll und auf keinen Fall herzlich lachen darf.

Doch als Jesus die ersten christlichen Missionare losschickte, hat er nicht gesagt: „Baut für mich einen Kölner Dom, ein Ulmer Münster sowie eine Frauenkirche in München.“ Nein, sie sollten seine Gemeinde bauen. 

„Gemeinde“ – dieses Wort klingt nach fröhlicher Gemeinschaft, Miteinander, herzlicher Anteilnahme. So hat sich Jesus die Gemeinde der Christen auch gedacht. Keine Versammlung von Leuten, die sich fremd sind und unterkühlt der Liturgie oder den Worten des Pastors folgen, um danach umgehend in ihre Häuser und Wohnungen zurückzukehren! Eine Kirchengemeinde lebt vielmehr miteinander, tauscht sich aus, kümmert sich umeinander und hilft sich gegenseitig.

Kein verstaubter Begriff

Wenn Gott uns auf persönliche Beziehungen angelegt hat, dann möchte er auch mit uns eine tiefe Gemeinschaft. Doch für viele Menschen ist Gott – voraus- gesetzt sie glauben an ihn – nur ein Automaten-Gott. Gebet oben reinwerfen, Gebetserhörung unten rausnehmen. Und wehe, da kommt nicht sofort die gewünschte „Ware“. Dann sind wir sauer auf Gott, hadern mit ihm, kündigen ihm das Vertrauensverhältnis oder werfen unseren Glauben als unbrauchbaren Schrott achtlos auf den Sperrmüll.

Gott ist also für manche Menschen auch nur so etwas wie ein Gegenstand. Vor Krebs, Demenz und Unfällen bewahren, von Krankheiten heilen, und wenn man mal was verbockt haben, soll er die Schuldgefühle abnehmen und vergeben. Und natürlich erwartet man von ihm, dass er am Ende ein ewiges Leben schenkt.

Mehr wollen manche nicht. Eine Beziehung mit Gott? Wofür? Ist dies überhaupt möglich? Gott ist doch weit weg. Wir können ihm nicht die Hand schütteln, nicht auf die Schulter klopfen oder in die Augen sehen. 

Trotzdem ist eine persönliche Beziehung mit ihm möglich. Verliebte machen es uns vor: Auch wenn tausende Kilometer sie trennen, sie lieben sich, sehnen sich von ganzem Herzen nach dem anderen und hoffen, schon bald mit ihm zusammen sein zu können – für immer. Genauso verhält es sich mit der Beziehung zu Gott

Autor: Siegfried Wittwer

Pastor i. R., ehem. Leiter des Internationalen Bibelstudien-Instituts