Artikel aus dem Hope Magazin

Oh, wie schön ist Panama
Ich führe ein Leben, das voll ist von Sehnsucht, das trotz all meines Redens über Achtsamkeit stark auf das Übermorgen, auf die Zukunft ausgerichtet ist.
1961 veröffentlichte der Schriftsteller Richard Yates seinen Debütroman „Zeiten des Aufruhrs“. Darin beschrieb er den Versuch des jungen Ehepaares April und Frank Wheeler, der Routine, Trägheit und empfundenen Sinnlosigkeit ihres Lebens etwas entgegenzuhalten. Bald kommt es zu einem rettenden Einfall: Die vierköpfige Familie müsse sich von allen beruflichen und sozialen Verbindungen lösen und von der US-amerikanischen Ostküste nach Paris ziehen. Aus diesem radikalen Bruch würde die Fähigkeit erwachsen, Erfüllung zu suchen und zu finden.
In der prominent besetzten 2008 erschienenen Verfilmung des Romans sprechen die Eheleute einige entlarvende Sätze. April: „Du hast immer gesagt, das wäre der einzige Ort, an den du unbedingt zurückkehren möchtest. An dem zu leben es sich lohnen würde. […] Das, was du bist, das wird hier unterdrückt. Das, was du bist, verleugnest du Tag für Tag durch dieses Leben. […] Wir brauchen einen Tapeten-Wechsel. Wir werden nicht jünger und wir wollen einfach nicht, dass das Leben so an uns vorbeizieht.“ Frank: „Wir entfliehen der hoffnungslosen Leere dieses Lebens hier.“
Daraufhin bricht eine Phase der Harmonie und Leichtigkeit an. Da sich die beiden an den Gedanken eines Umzugs gewöhnen und ihn vorbereiten, spüren sie ein neuartiges Maß an Tatkraft und Lebensfreude. Bis dem Paar auf schmerzhafte Weise bewusst wird, dass sie ein Opfer ihrer Fantasien sind und die übersteigerten Erwartungen an einen Ortswechsel nichts anderes als Selbstbetrug darstellen.
Viel Traum um nichts?
Der Plan der Wheelers ist reichlich naiv, doch in mancher Hinsicht kann ich ihn nachvollziehen. Über 20 Jahre lang träumte ich nachts alle paar Wochen davon, New York zu besuchen. Unabhängig davon, dass ich ein großer Jazz-Liebhaber bin und mich für moderne Architektur begeistern kann, verband ich mit dieser Metropole offenbar Dinge, die in den Bereich des Unrationalen, des geradezu Märchenhaften gehören. Letzten Sommer war es schließlich so weit und ich reiste tatsächlich für einige Tage nach New York. Damit hörte mein regelmäßig wiederkehrender Traum nach einem Vierteljahrhundert auf. Zugegeben, durch das nächtliche Manhattan spazieren zu gehen ist enorm faszinierend, aber letztendlich stieß ich nur auf eine gigantische Ansammlung von Beton, Stahl und Glas. Und sich dort aufzuhalten, verändert nicht das Geringste. Man kommt mit hunderten (tausenden?) neuer Fotos auf dem Handy zurück, aber diese Erfahrung hinterlässt keine Spuren. Zumindest nicht an den Stellen, die zählen.[NS1]
So frage ich mich – und es ist keine rhetorische Frage: Brauchen wir solche Fantasien? Kann von unserer Sehnsucht etwas Nachhaltiges ausgehen? Ermöglicht sie eine Bündelung unserer Aufmerksamkeit und unserer Kräfte, die wir sonst nicht erleben würden?
Mythos Bucket List – Was bedauern wir am Ende wirklich?
Buchstäblich nur wenige Stunden, bevor ich diese Zeilen tippe, ereignet sich Folgendes: Ein guter Freund möchte mich dafür gewinnen, die überaus seltene Ausstellung eines namhaften Künstlers am anderen Ende von Deutschland zu besuchen. Doch schnell zeigt sich, wie unrealistisch diese Vorstellung ist; bei einem Abgleich unserer Kalender finden wir keinen gemeinsamen Termin.
Als mein Freund sich melancholisch verabschiedet, antworte ich ihm (und ich zitiere meine Nachricht im Wortlaut): „Von manchen Dingen kann man nicht mehr als träumen. Aber ohne Druck auszuüben: Lass uns nicht von ALLEN Dingen nur träumen. Es wäre schön, als Greise auf so einen Tag zurückzuschauen.“
Da ist er, der Mythos der sogenannten „Bucket List“. Also die Aufzählung jener Erfahrungen, die man bis zum Lebensende unbedingt gemacht haben möchte. Welche Versäumnisse könnten einst unser Bedauern wecken? Werden wir es bereuen, dass wir den Tauchlehrgang nie absolviert haben? Dass wir nicht Mandarin gelernt haben oder nicht im Schatten der Pyramiden standen?
Ich vermute, dass sich meine eigene Reue um etwas anderes drehen wird.
Über eine vergleichbare Liste verfüge ich zwar nicht, doch ich führe ein Leben, das voll ist von Sehnsucht. Das trotz all meines Redens über Achtsamkeit stark auf das Übermorgen, auf die Zukunft ausgerichtet ist. Wahrscheinlich war es das schon immer.
Damit meine ich keine biographischen Stationen wie den Wohnort oder die Karriere. Auch keine touristischen oder pädagogischen Ziele. Als Teenager war ich natürlich mit meinem Erscheinungsbild beschäftigt; wie ich hoffentlich, wenn schon nicht jetzt, dann wenigstens irgendwann einmal, aussehen werde. Aber mein aktueller Lebensabschnitt ist von etwas viel tiefer Liegendem geprägt. Ich denke hierbei an Mängel und ersehnte Errungenschaften, die meine Persönlichkeit betreffen; mein Temperament und mein Verhalten.
Dieser Wunsch, anders oder ein anderer zu sein, ist weder Momentaufnahme noch etwas Saisonales. Im Laufe der Jahre hat er nicht abgenommen. Selbst wenn er nicht mehr mit einer derartig gebieterischen Stimme spricht wie früher, ist er eines der definierenden Elemente meiner Lebensgeschichte. Ob ich mich von den eingangs erwähnten Eheleuten Wheeler unterscheide?
Wir tragen die Ewigkeit im Herzen
Vielleicht ist es typisch für die menschliche Beschaffenheit, über die Gegenwart hinweg zu schauen, ja schauen zu müssen. Egal, wie plausibel oder reif es erscheinen mag – vielleicht können wir es gar nicht vermeiden, in Gedankenspielen über zukünftige Möglichkeiten zu schwelgen.
In einem ihrer großen Weisheitsworte beschreibt die Bibel, dass Gott uns nicht als ruhende, genügsame Wesen geschaffen hat: „Alles hat er so eingerichtet, dass es schön ist zu seiner Zeit. Auch die Ewigkeit hat er den Menschen ins Herz gelegt. Aber das Werk Gottes vom Anfang bis zum Ende kann kein Mensch begreifen.“ (Prediger 3,11 Neue evangelistische Übersetzung)
Wir tragen die Ewigkeit im Herzen. Das ist weit mehr als Lyrik! Offenbar sind wir Geschöpfe, die pulsieren und sich ausstrecken, die ihre Aufmerksamkeit auch auf das Kommende richten. Auf das, was noch unsichtbar ist und es womöglich auch bleibt. Diesen Appetit, diese Rastlosigkeit möchte ich anerkennen. Ich suche nach einer Stadt, die sich auch nach acht Stunden Flugzeit nicht finden lässt. Die Kraft für diese Suche zu erübrigen, allen unerfüllten Sehnsüchten zum Trotz, ist etwas Göttliches.
[NS1]--> Entweder den ganzen Satz oder ab „Aber diese Erfahrung..“ hätte ich sehr gern als Schmuckzitat irgendwo eingebaut
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Autor: Rinaldo G. Chiriac
Jahrgang ‘79, ist Pastor in Südhessen. Mehr Texte auf resonanzen.net
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