Artikel aus dem Hope Magazin

01.03.2024

Verändere dich und deine Kirche

Den Glauben in das Leben der Menschen holen

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Es ist hart, aber real: Studien belegen immer mehr, dass in der Gesellschaft nicht nur das Ansehen der Kirche sinkt, sondern auch ihre Relevanz für das eigene Leben. Zu ersteren tragen sicherlich die verschiedenen Kirchenskandale (Missbrauch, Finanzen und vieles mehr) bei. Zum letzteren wohl die Kirchenangebote. Vor allem das Herzstück der meisten Kirchen und Freikirchen, der Gottesdienst. 

Doch innersystemische Veränderungen herbeizuführen, ist wesentlich schwieriger, als zu behaupten, die meisten Herausforderungen lägen außerhalb der Kirche. Innerhalb der Kirche denken wir also mehr darüber nach, was "die Welt"von uns bräuchte, und versuchen Angebote dafür zu entwickeln oder unsere Gottesdienste daran auszurichten. Doch auch die Freikirchen, die in Deutschland zurzeit stark wachsen, wachsen größtenteils aufgrund Transferwachstums aus anderen Kirchen und selten, weil kirchendistanzierte Menschen die Relevanz von Kirche neu entdeckt haben.

Gerade die Corona-Zeit hat vielen Kirchen schmerzhaft bewusst gemacht, dass nach den Lockdowns weniger Gottesdienstbesucher*innen zurück in die Kirchen gekommen sind. Die Erfahrung, dass einigen Menschen die Kirche in dieser Zeit nicht vermisst haben, sollte uns umso mehr Mut machen, uns ehrlich mit der Frage zu beschäftigen, ob wir nicht erst einmal uns selbst und unsere Kirche verändern sollten, anstatt mit gewissem Hochmut weiter davon überzeugt zu sein, dass die Menschen die Kirche wirklich bräuchten. 

Was Kirche sein kann

Was brauchen die Menschen denn wirklich, das nur die Kirche ihnen geben kann? Um dies einmal an dieser Stelle offen zu sagen, damit Sie wissen, woran Sie bei mir sind: Ich glaube nach wie vor daran, dass die Kirche der Ort sein kann und sollte, an dem Menschen, wenn sie zusammenkommen, einander tragen, füreinander und auch für andere da sind, und dadurch sowohl ihre eigene Welt ein Stück besser machen als auch die von anderen. Kirche sollte ein Ort sein, wo man gerne hingeht, weil einem dort Freude, Hoffnung und Kraft geschenkt wird, wenn man keine mehr hat. Vielfalt und Liebe sind dort nicht nur Worte, sondern sie werden auch im Kleinen gelebt. Kirche sollte auch ein Ort sein, bei dem alle wissen, dass es nicht um Perfektion geht. Wir alle scheitern an den eigenen Werten, aber wir hören nicht auf, uns für sie einzusetzen.
Die Freiheit des anderen für wichtiger zu halten als die eigene. Es heißt: „Glaube kann Berge versetzen“. Ja, daran glaube ich. Doch die Realität zeigt mir auch, dass Menschen genau die gegenteiligen Erfahrungen mit der Kirche machen. 

Lass uns ehrlich sein! Kennst du Gespräche, in denen du als Christ*in versuchst, deine Kirche bei deinen Nachbarn, Freunden, Friseur und Co in ein gutes Licht zu rücken? Die ungebrochene Relevanz von Kirche zu erklären? Begeistert davon zu erzählen, welche Angebote ihr als Kirche habt und warum sie die unbedingt einmal miterleben sollten?

Also ich muss sagen, dass vielleicht außer bei Gästen, die ja bereits irgendwie interessiert sind, weil sie sich auf den Weg gemacht haben, es wirklich schwierig ist, Menschen ein anderes Bild von Kirche zu vermitteln. Vielleicht hat mein Gegenüber gemerkt, dass ich selbst nicht alles großartig finde, sondern viel Veränderungsbedarf sehe, aber gleichzeitig das, was ich als wichtig einstufe, am besten so belassen möchte, wie es ist. Vorurteile abbauen und Brücken aufbauen – wie kann das gehen? 

In meiner Kirchengemeinde haben wir z. B. während der Pandemie ein Studio in den Keller gebaut, bei dem wir Veranstaltungen aus dem Saal streamen, aber auch kleinere Veranstaltungen stattfinden lassen können. Vor allem haben wir dort mit Musiker*innen und Technikern Konzerte realisiert, die über persönliche Kontakte hergestellt wurden. Viele von ihnen gehen in keine Kirche mehr und würden eine Einladung in unseren Gottesdienst wohl höflich ablehnen. Die Kluft zwischen ihrem Leben und unseren kirchlichen Angeboten ist einfach zu groß. 

Das hat mir aufs Neue gezeigt, wie wichtig es ist, dass ich mehr Zeit darin investiere, auf Menschen zuzugehen, dort zu sein, wo sie sind. Echte Beziehungen aufzubauen und keine Phishing-Methode zu etablieren. Wenn zu uns in die Kirche also besagte Musiker*innen kommen, gehe ich meinerseits dorthin, wo sie sonst spielen und auftreten. Verabrede mich mit ihnen in Cafés und Bars und mache dies vor allem nicht alleine, sondern mit Gemeindemitgliedern, die ja diese Kontakte in ihren Freundeskreisen haben und leben. 

What would Jesus do? 

Jesus ist auf Menschen zugegangen und hat ihnen gedient und leider tut Kirche sich in diesem Punkt schwer, da die meisten Angebote das „in die Kirche kommen“ voraussetzen. Wie könnte es aussehen, ginge Kirche wie einst Jesus, zu den Menschen? Bei mir war es der 40. Geburtstag. Es war eine Überraschungsparty auf dem Hamburger Kiez, die für mich ausgerichtet wurde. Freunde aus der Kirche und aus meinem Freundeskreis waren zusammen da, redeten, feierten. Beide Lebenswelten haben sich dort getroffen. Dort kam einem Bruder aus der Gemeinde und auch mir die Idee – fast gleichzeitig –, dass wir das wiederholen müssen. Vor Ort sein, bei den Menschen sein. Nicht mit einem klassischen Gottesdienst, sondern mit einem Programm, das wirklich ankommt, in die Tiefe geht und auch das ganz normale Leben feiert. 

Dies ist nur eine Möglichkeit, einmal out of the Box zu denken. Doch es überrascht und kann gut gemacht wirklich etwas sein, dass den Glauben wieder in das Leben der Menschen holt. Glaube muss nicht dröge und/oder superreligiös daherkommen. Jesus und seine Jünger wirkten wie ganz normale Menschen, und genau dieses Verhalten hat die Menschen abgeholt und die Distanz zwischen den Priestern im Tempel und dem Volk aufgehoben. 

Die junge Generation ist wichtig!

Wir können so viel von den jungen Leuten lernen, sie bewusst nach ihrer Meinung fragen und ihre Ideen ernstnehmen. Manchmal sollten wir einfach mal etwas wagen und uns selbst die Chance geben, uns zu verändern. 

 

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Autor: Saša Gunjevi?

Pastor der GrindelKirche (Adventgemeinde Grindelberg in Hamburg). Hauptverantwortlich für die Gemeindeentwicklung und den Veränderungsprozess der Kirchengemeinde.

Artikel-Bildnachweis: Jacob Wackerhausen – gettyimages.de