Artikel aus dem Hope Magazin

01.03.2022

Von der Vielfliegerei zum Bauernleben

Eine Familie zieht aufs Land

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Ein neuer Anfang

Vor gut sieben Jahre zogen wir als Familie vom Wiener Raum ins tiefe, von Städten und Autobahnen recht abgelegene Südburgenland. Diese tief eingreifende Entscheidung in unserem Leben haben wir bis zum heutigen Tag nie bereut. 

Wir suchten viele Jahre nach einem Bauernhof im sonnigen Süden Österreichs, unweit der ungarischen Grenze. Auf einem kleinen Hügel außerhalb eines kleinen Dorfes in der Nähe der Bezirksstadt Güssing wurden wir schließlich fündig und packten die Gelegenheit am Schopf! Auch wenn wir keinen landwirtschaftlichen Hintergrund in unserer Familiengeschichte hatten, zog es uns insgeheim schon lange zu einem Leben auf dem Land, mit eigenem Anbau und eigener Tierhaltung. 

Dieser Wunsch entstand schon bei einem Praktikum auf einem steirischen Hof im Jahre 1997. Es mussten aber fast zwei Jahrzehnte vergehen, bis wir diesen Schritt auch wirklich wagten. Damit kamen wir der Erfüllung unserer Sehnsucht nach einer Entschleunigung unseres Lebens ein gutes Stück näher. Schließlich war ich beruflich fünfzehn Jahre lang international tätig. Das bescherte mir und meiner Familie die verschiedensten Wohnsitze – ich denke es waren vierzehn Umzüge in einem Umkreis von 18.000 km! – und unzählige Reisen ins benachbarte und ferne Ausland, mal allein, mal gemeinsam. Doch nun kam der Augenblick, in dem ich die Vielfliegerkarte (ich hatte es schon bis zum „Senator“ geschafft) und ein gemütliches Haus gegen einen sehr renovierungsbedürftigen kleinen Hof inklusive Acker und Wald eintauschte. 

Der Umzug

Ganz unbedarft träumten wir von einem eigenem ländlichen Grundstück ohne direkte Nachbarn, mit einem Bächlein und einem bezugsfertigen Häuschen. Nun, so schön und gut Träume auch sind, die Wirklichkeit sah dann doch ein wenig anders aus. Vor allem die erste Zeit war mit großen Entbehrungen verbunden. Wir lebten zum Teil im Stall und in den letzten sechs Monaten bis zum endgültigen Umzug ins halbfertige Haus, in einem Wohnmobil. Wie schaffen es fünf Personen mit unterschiedlichen Bedürfnissen auf engstem Raum zu kochen, essen, arbeiten und schlafen? Es war unsere erste Bewährungsprobe als Familie – und wir waren froh, dass wir sie bestanden. Denn die Vision des Landlebens teilten wir fünf von ganzem Herzen. Auch wenn Ausbildung und Beruf unsere Kinder zwischenzeitlich in die Großstadt gezogen haben, genießen sie es immer noch, nach Hause zu kommen auf den vertrauten Hof mitten in der herrlichen Natur und mit allen Sinnen ihr Heim zu genießen. 

Unsere Vision

Betreffs unserer Liebe zur Natur hat wohl zusätzlich zu unserem Glauben an einen Schöpfergott auch unsere Ausbildung an der „Bodenkultur“ (BOKU) in Wien Spuren hinterlassen. Unsere Ideale eines natürlichen und gesunden Lebensstils mit Gartenarbeit, Tierhaltung und nachhaltiger Nutzung von Ressourcen wurden dadurch bestärkt. Wir begannen Stück für Stück das vernachlässigte Gelände rund um unser neues Zuhause für unser Zwecke nutzbar zu machen. Dazu gehörte die Revitalisierung des Obstgartens, das Anlegen eines Gemüsegartens, das Terrassieren des steilen Hügels und das Einstellen von etlichen Tieren. Aus anfänglich einem Pferd und einer Katze wurden über die Jahre schließlich zwei Pferde, vier Katzen, fünfzig Kaninchen, vierzig Schafe, zwanzig Hühner und sechs Bienenstöcke. Schließlich schufen wir außerdem Raum für Seminare und andere Veranstaltungen und begannen sehr bald den Kontakt zu unseren neuen Nachbarn zu suchen. So konnten wir unsere „Baustelle“ als Treffpunkt für Nachbarn, gemeinsamen Sport und Gesundheit nutzen. Mittlerweile beherbergen wir oft Pfadfindergruppen, den Jugendkreis aus unserer kleinen christlichen Gemeinde sowie Camper aus dem In- und Ausland. Auch ein Hauskreis, in dem ein reger Austausch stattfindet, durfte natürlich nicht fehlen.

Veränderungen und Herausforderungen

Durch den Umzug gab es für unsere drei Kinder schulische Veränderungen. Für unsere jüngste Tochter ergab sich eine Kombination mit Heimschule (häuslicher Unterricht) und tageweise Besuch in einer christlichen Privatschule. Die beiden älteren Kinder wechselten in die Oberstufe und nutzten die dortigen Angebote einer schulbegleitenden Berufsausbildung. Für unsere weitgereisten Kinder war es nicht schwierig, quer einzusteigen und sich neu zu integrieren.

Ich entschied mich schließlich für eine berufliche Veränderung und verlegte meine Tätigkeit gänzlich ins Homeoffice. Obwohl dies natürlich auch finanzielle Einbußen bedeutete, machen die dazugewonnene Lebensqualität und die neue Freiheit zum Gestalten dieses Manko mehr als wett.

Was bringt's?

Mit unserem Leben auf dem Land entschieden wir uns bewusst für ein Leben weg von Trubel, Verkehrsstaus, Hektik, Einschränkungen und weiteren Stressfaktoren. Unser Leben zu entschleunigen ist aber nur zum Teil gelungen, da wir uns auch in unserem neuen Umfeld (zu) viele neue Aufgaben und Ziele gesteckt haben. Die Mobilität und die beruflichen Möglichkeiten haben sich für uns verändert, aber mit den modernen Arbeitsbedingungen und technischen Angeboten, kann ich auch jetzt international arbeiten ohne mein Zuhause verlassen zu müssen. Sowohl unsere Kinder als auch wir Eltern haben in diesem jahrelangen Prozess viel Neues gelernt. Wir haben einiges von unserem alten Leben aufgegeben, aber auch viele neue Erfahrungen dazugewonnen. Dabei haben die theoretischen Ansätze im Zusammenleben mit Mensch und Natur eine ganz praktische Note erhalten. 

Allein vom Ertrag unseres Bauernhofes zu leben, gelingt uns zwar noch immer nicht, aber wir arbeiten daran. Auch wenn wir uns mit diesem Leben auf dem Land zusätzliche Arbeit aufgebürdet haben, hat sich für uns als Familie ein deutlicher Mehrwert ergeben. Dieser Ort bietet uns allen eine Rückzugsmöglichkeit, die Begegnung mit Menschen aus unserer näheren und entfernteren Umgebung, ein tägliches Staunen über Gottes Schöpfung, ein Stück Abenteuer und die Freude am Leben in der Natur.

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Autor: Roland Poms

Roland Poms lebt mit seiner Frau Ingrid und den drei Kindern Hannah (12), Caleb (21) und Rebecca (23) im Südburgenland. Roland ist Lebensmittel- und Biotechnologe und arbeitet als Universitätsprofessor im Bereich Ernährungswissenschaft, Hygiene und Toxikologie sowie Lebensmittelsicherheit an verschiedenen Universitäten in Deutschland und Österreich. Seit ca. acht Jahren betreibt die Familie eine kleine Landwirtschaft (10 ha)
und Lebensmittelproduktion in der Nähe
von Güssing.

Artikel-Bildnachweis: Roland Poms