Artikel aus dem Hope Magazin

01.03.2024

Wozu eigentlich Kirche

Ein historischer Blick auf Licht und Schatten der Institution Kirche

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Das Christentum wird verschwinden. Es wird schrumpfen und vergehen. Darüber brauche ich nicht zu diskutieren; ich habe recht und es wird sich zeigen, dass ich recht habe. Wir sind jetzt populärer als Jesus; ich weiß nicht, was zuerst verschwinden wird – Rock 'n' Roll oder das Christentum. Jesus war in Ordnung, aber seine Jünger waren dumm und gewöhnlich. Sie haben es verkorkst, und das hat das Ganze für mich ruiniert.

Das war die Meinung von John Lennon, einem der vier legendären Beatles. Seiner Prognose würden sich vermutlich heute erst recht viele anschließen. Es ist keine Frage: In den hochindustrialisierten Ländern des Westens befinden sich die Kirchen schon lange auf dem Rückzug, auch wenn die christlichen Kirchen nominell noch Millionen Mitglieder haben.

Der Historiker Thomas Nipperdey beschrieb in seiner Deutschen Geschichte 1866 – 1918 die Situation an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert:  Die beiden Konfessionen „sind wohleta-
bliert, gehören zum Bestand der Tradition und zur Autorität, stehen in der sozialen Pyramide wie der Hierarchie der Herrschaft 'oben', sind normsetzende Mächte des individuellen wie des sozialen Lebens. Auf dem Dorf und in der kleinen Stadt zumindest prägen die Kirchen die Volksschulen, die Geistlichen sind – auch – Instanzen der sozialen Kontrolle. Zu den Kirchen zu gehören, ist selbstverständlich, sich von ihnen zu distanzieren, bedarf der Rechtfertigung, stellt den Menschen außerhalb der Normalität.“ Von solchen Verhältnissen sind wir heute meilenweit entfernt. Praktizierende Christen werden mehr oder weniger als Außenseiter betrachtet.

Kontinuierlich sinkende Mitgliederzahlen 

Was lange Zeit als „Volkskirche“ bezeichnet wurde, verschwindet tatsächlich immer schneller von der Bildfläche. Die Zahl der Taufen bleibt hinter den Sterbefällen weit zurück. Auch durch viele Kirchenaustritte sinkt die Zahl der Gemeindeglieder seit Jahren kontinuierlich. Im Gemeindebrief vom Advent 2023 der evangelischen Kirchengemeinde meines Wohnorts las ich von den großen Herausforderungen, die der Pfarrplan 2030 mit sich bringt. Fast jede dritte Pfarrstelle soll in den nächsten Jahren eingespart werden. Schon jetzt ist deutlich, dass dieser radikale Schritt nicht nur viel Unruhe, sondern auch Ärger und Trauer auslöst. Dieser fortschreitende Niedergang ist aber nicht nur in den großen Kirchen zu beobachten. Auch die kleineren Glaubensgemeinschaften und Freikirchen sind davon betroffen.

Kirchengeschichte offenbart auch dunkle Flecken

Die Beschäftigung mit der Geschichte der Kirchen, beginnend mit der Entstehungszeit des Christentums vor 2000 Jahren, ist ein schwieriges Unternehmen. Licht und Schatten gibt es überall, aber bei dieser historischen Recherche stößt man auf ein solches Ausmaß an Fehlentwicklungen und dunklen Flecken, dass man schockiert ist. Der langjährige Dozent für Kirchengeschichte am Predigerseminar in Friedensau, Dieter Leutert, gab seinem kurzen Abriss der Kirchengeschichte den vielsagenden Titel „Christus noch einmal gekreuzigt“. Er dachte dabei an das von Liebe und Barmherzigkeit bestimmte Leben von Jesus und seine befreiende Botschaft und daran, was später daraus gemacht wurde. Wie war es möglich, dass sich unter Christen Hass, Fanatismus und Gewissenszwang, Ketzerverfolgungen, Hexenwahn und Judenfeindschaft ausbreiten konnten? Wie konnte aus der kleinen Herde von Nachfolgern Jesu ein riesiger Machtapparat werden, der die Anwendung brutaler Gewalt als legitimes Mittel betrachtete?

Durch die enge Verbindung von Politik und Religion, Staat und Kirche wurde bereits sehr früh eine unheilvolle Entwicklung eingeleitet. Es entstand die Massenkirche, die Volkskirche. Dies führte schließlich zu der tragischen Geschichte des „christlichen Abendlandes“, in der der Name Jesus immer wieder schrecklich missbraucht wurde.

Kirche ist ein gemischtes, ambivalentes Gebilde

Wir müssen also unterscheiden zwischen der großen Institution Kirche und der Gemeinde, wie Jesus sie meinte, wie sie im Neuen Testament beschrieben wird, als die ersten Christen in kleinen Gruppen zusammenfanden. Man muss sich hier aber vor Schwarzweißmalerei hüten. Es hat auch in der Gemeinde Irrtümer und Versagen gegeben. Und umgekehrt finden wir in der oft so entarteten Kirche viele aufrichtige, vorbildliche Gläubige.

Schließlich kommt es im 16. Jahrhundert zu der von vielen ersehnten Wende. Die Reformation bricht sich Bahn, die biblische Wahrheit vertreibt die geistliche Finsternis der Papstkirche. Luther und Calvin sind die Begründer eines neuen Typs von Kirche. Die Bibel gilt als die höchste Autorität und sie soll allen zugänglich sein.

Das Problem des Unterschiedes oder gar Gegensatzes zwischen der Kirche als Institution und ihrem vom Neuen Testament gemeinten Wesen als lebendiger, vom Evangelium geprägter Gemeinde war den Reformatoren sehr wohl bewusst. Sie mussten allerdings erkennen, dass trotz aller Bemühungen, die Kirche von Verfehlungen zu reinigen und ihre „Heiligkeit“ sichtbar zu machen, eine solche Eindeutigkeit nicht erreichbar ist. Sie akzeptierten die Kirche als gemischtes, ambivalentes Gebilde – sowohl die Schar der wirklich Glaubenden als auch die nach menschlichen Regeln organisierte Institution. Das war der Preis, den man für das Festhalten an der Kindertaufe und damit am Modell der Volkskirche zahlen musste. 

Die Reformation bedeutete chancenreichen Neustart

Trotz aller Mängel war die Reformation ein großer Aufbruch, ein „Neustart“, der viele Chancen eröffnete. Denken wir nur an Luthers Bibelübersetzung und ihre Bedeutung für das einfache Volk.

Reformation hat aber nichts mit Ruhm und Lorbeeren zu tun, auf denen man sich dann lange ausruhen kann. Für die Gemeinde von Jesus in dieser Welt ist Reformation eine permanente Hausaufgabe – unbequem, aber nötig. In der alten Theologensprache heißt das: Ecclesia semper reformanda est – die Kirche muss ständig reformiert werden.

Der Pfarrer Philipp Jakob Spener (1635-1705) hatte diese Notwendigkeit für die lutherische Konfession klar erkannt. Der lutherische Glaube war ein imposantes Lehrgebäude, hatte aber im Alltag der Menschen kaum eine praktische, lebensverändernde Wirkung. Spener wurde zum Begründer des lutherischen Pietismus. Dieser war eine Bewegung zur Belebung und Verinnerlichung des Christentums, die mit ihren erneuernden Kräften das gesamte kirchliche, soziale und kulturelle Leben erfasste.

Kirche steht auch für Barmherzigkeit und Nächstenliebe

Wer über das Thema „Kirche“ nachdenkt, darf allerdings bei aller berechtigten Kritik eins nicht vergessen: Die Geschichte der Kirchen ist zugleich eine Geschichte der Barmherzigkeit. Zu allen Zeiten gab es gläubige Frauen und Männer, die Jesu Botschaft der Nächstenliebe in die helfende Tat umgesetzt haben. Einzelpersonen, Orden, Missions- und Hilfswerke, organisierte Verbände haben sich immer wieder in oft bewunderungswürdiger Weise um Kranke, Behinderte, Arme und Bedürftige gekümmert. Es war und ist ihnen ein Herzensanliegen, sich sozial zu engagieren und Nöte zu lindern. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen: Theodor Fliedner (1800-1864) gründete 1836 in Kaiserswerth die erste Diakonissenanstalt. Die Tätigkeit katholischer Barmherziger Schwestern und das Vorbild holländischer Mennoniten inspirierten ihn zu der Idee einer Erneuerung des urchristlichen Standes der Diakonissen. Bald entstanden in den meisten deutschen Landeskirchen solche Diakonissenmutterhäuser, die Frauen zur Krankenpflege und Gemeindearbeit ausbildeten. Auch Johann Hinrich Wichern soll erwähnt werden. Seit 1844 warb er für den Gedanken der „Inneren Mission“, für ein von der gesamten evangelischen Kirche zu leistendes Bekenntnis des Glaubens durch die Tat helfender Liebe. Wichern hatte großes organisatorisches Geschick und einen weiten Blick für die Nöte seiner Zeit. Frucht seines unermüdlichen Wirkens war ein durch den Ausbau der Inneren Mission über fast ganz Deutschland gespanntes Netz von Wohlfahrtseinrichtungen. Er war überzeugt, dass dem Massenelend nur durch tätige, praktische Nächstenliebe gewehrt werden kann.

Diese Beispiele gestatten uns einen Blick auf die Anfänge umfassend organisierten sozialen Engagements der Kirchen, das wir nicht hoch genug schätzen können. Heute ist es untrennbar mit den Begriffen „Diakonie“ und „Caritas“ verbunden. Was da in Krankenhäusern, Heimen, Kitas und Sozialstationen geleistet wird, ist auch für den säkularen Staat unverzichtbar.

DDR-Friedensbewegung stark mit Kirche verbunden

Dass die Kirchen sogar in einem atheistisch geprägten Staat immer noch ein nicht zu unterschätzender gesellschaftlicher Faktor sind, mussten auch die Machthaber in der DDR erkennen. Unter dem Dach der Kirche sammelten sich kritische Friedens- und Umweltgruppen. In ihren Reihen entstand die Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“. Ohne die Mitwirkung der Kirchen, die den gewaltfreien Protest gegen den Staat unterstützten, wäre es nicht zum Fall der Berliner Mauer im November 1989 gekommen.

Pauschalurteile über die Kirche(n) sind immer falsch. Wo und wenn es vor allem um Macht und Besitz ging, waren die Folgen verheerend. Wo Christen das Hauptgebot selbstloser Liebe auslebten, waren und sind (!) sie Weltverbesserer und Hoffnungsträger.

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Autor: Klaus Kästner

Pastor i. R., zusammen mit Ehefrau Christel Hobbyimker, 4 erwachsene Kinder und 8 Enkel.

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