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27.11.2025

Von unerfüllter Sehnsucht zu innerem Shalom

Es ist spät. Die Stadt schläft, aber der Kopf ist hellwach. Gedanken rasen, das Herz ist unruhig, der Körper müde.

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Wieder eine Nacht, in der innerlich ein endloser Film abläuft: Szenen, die man gern vergessen würde. Dinge, die man gesagt hat. Entscheidungen, die man bereut. Und mittendrin die Frage: Warum fühlt sich das alles so schwer an?

Viele kennen dieses Gefühl. Es ist nicht laut, nicht dramatisch – aber es zieht sich durch den Alltag. Eine Art innerer Unfrieden, der sich nicht einfach wegscrollen lässt. Man funktioniert, lacht, postet – aber tief drinnen ist da etwas, das nicht zur Ruhe kommt. Eine Sehnsucht, die sich nicht abschalten lässt: die Sehnsucht nach Frieden. Nicht den großen Weltfrieden, sondern der ganz persönliche, stille Frieden im eigenen Inneren.

Weihnachtszeit, friedliche Zeit – ach ja?

Gerade in der Weihnachtszeit wird viel über Frieden gesprochen. In Liedern, in Reden, auf Plakaten. „Friede auf Erden“ steht auf Karten oder in Schaufenstern. Es gibt Lichter, Zeremonien, Traditionen. Alles wirkt warm, festlich, versöhnlich.

Und doch: Für viele fühlt sich diese Zeit nicht friedlich an. Sie ist laut, voll, emotional aufgeladen. Familienkonflikte brechen auf, Einsamkeit wird spürbarer, Erwartungen steigen. Die äußere Inszenierung von Frieden steht im Kontrast zur inneren Realität.

Ein junger Mann erzählt, wie er jedes Jahr an Heiligabend in der Kirche sitzt – aus Tradition, aus Respekt. Die Worte über Frieden berühren ihn, aber sie erreichen ihn nicht. Weil er sich selbst nicht vergeben kann. Weil er sich fremd fühlt in seinem eigenen Leben. Weil die Sehnsucht nach echtem Frieden größer ist als das, was die Zeremonie bietet.

Manchmal liegt es an etwas Konkretem: ein Streit, der nicht geklärt wurde. Eine Freundschaft, die man hat schleifen lassen. Eine Entscheidung, die jemanden verletzt hat. Und manchmal ist es diffus – ein Gefühl, nicht genug zu sein, nicht richtig zu leben, irgendwie falsch abgebogen zu sein.

„Hätte ich doch bloß…“

Schuldgefühle können leise sein, aber sie wirken stark. Sie machen schlaflos, ziehen Energie, lassen einen zweifeln. Und oft bleibt man damit allein, weil niemand wirklich darüber spricht. Die Sehnsucht nach innerem Frieden wird überlagert von Selbstvorwürfen, von Gedanken wie: „Hätte ich doch…“, „Warum war ich so…“, „Was, wenn ich es nie wieder gut machen kann?“

Viele versuchen, das wegzudrücken. Ablenkung hilft kurzfristig: Arbeit, Sport, Partys, Serien. Oder man redet sich ein, dass es „nicht so schlimm“ war. Dass andere viel mehr auf dem Kerbholz haben. Dass man halt jung war, überfordert, im falschen Moment.

Aber tief drin weiß man: Das ist keine Lösung. Es beruhigt nur oberflächlich. Es heilt nichts. Die Sehnsucht nach Frieden bleibt – manchmal sogar stärker als vorher.

Was stattdessen helfen kann, ist etwas, das im christlichen Denken einen großen Platz hat – und das auch ohne religiösen Background Sinn ergibt: Vergebung. Nicht als moralischer Akt, sondern als Befreiung. Nicht nur anderen gegenüber, sondern sich selbst. Sie lädt dazu ein, Schuld nicht zu verdrängen, sondern ihr ehrlich zu begegnen. Nicht mit Selbstverurteilung, sondern mit dem Mut zur Reue – und zur Vergebung. Der Begriff „Shalom“ im Hebräischen meint mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er steht für Ganzheit, für ein Leben in Balance – mit sich selbst, mit anderen und mit dem Leben an sich.

Jesus als Beispiel – auch heute noch

In der Bibel ist die Person Jesus zentral mit diesem Konstrukt verbunden. Er begegnet Menschen, die schuldig geworden sind: einer Frau, die ihren Mann betrogen hat, einem Mann, der versucht, so viel Geld wie möglich auf Kosten anderer zu scheffeln, einem Freund von Jesus, der ihn aus Angst verleugnet. Keiner dieser Menschen wird von Jesus abgewiesen. Keiner wird ignoriert, bestraft oder beschämt. Stattdessen: Annahme, Würde, ein neuer Anfang. Diese Haltung ist nicht naiv. Sie verharmlost Schuld nicht. Aber sie trennt zwischen Tat und Mensch. Sie sagt: Du bist mehr als dein Versagen. Du darfst neu beginnen.

Das ist kein religiös gefärbtes Konzept, sondern eine Haltung, die sagt: Du bist mehr als dein schlechtester Moment. Hör auf, dich selbst für immer zu verdammen und festzunageln. Du darfst loslassen und neu vertrauen lernen. Du kannst inneren Frieden finden.

Ein Typ erzählt, wie er nach einer ziemlich chaotischen Phase – Beziehung kaputt, Job verloren, Kontakt zu Freunden abgebrochen – irgendwann in einer Kirche saß. Nicht aus Glaubensgründen, sondern weil er einfach nicht mehr weiterwusste. Dort hörte er von der Idee, dass man nicht für immer an das gebunden ist, was schiefgelaufen ist. Das hat etwas verändert. Nicht sofort. Aber die Sehnsucht nach Frieden bekam zum ersten Mal eine Richtung. Frieden mit sich selbst ist nie nur privat. Er wirkt nach innen und außen. Er heilt. Er verbindet.

Frieden, der anders funktioniert

Es gibt einen Frieden, der nicht davon abhängt, ob alles perfekt läuft. Der nicht an Likes, Erfolg oder Kontrolle gebunden ist. Sondern, der von innen kommt – wenn man sich selbst ehrlich begegnet, sich Fehler eingesteht und trotzdem sagt: Ich bin okay, ich lerne, ich wachse. Christen binden hier Jesus mit ein; er hat gezeigt, dass ein wertschätzender, liebevoller und ehrlicher Umgang mit sich selbst und mit anderen innere Zufriedenheit schafft. Jesus sagt von sich selbst: Ich bin gekommen, um Frieden auf Erden zu ermöglichen.

Dieser Frieden ist nicht laut. Er ist nicht spektakulär. Aber er ist echt. Und er stillt etwas, das sonst nichts stillen kann.

Der Anfang liegt bei dir – ganz leise

„Frieden fängt bei mir selbst an.“ Das klingt simpel, ist aber ziemlich tief. Es heißt: Nicht warten, bis alles passt. Nicht hoffen, dass sich die Umstände ändern. Sondern anfangen – mit einem ehrlichen Blick auf sich selbst. Mit dem Mut, sich nicht länger festzubinden. Mit dem Gedanken: Ich darf neu anfangen.

Ein Mensch, der mit sich selbst im Frieden lebt, strahlt etwas aus. Nicht Perfektion, sondern Echtheit. Nicht Kontrolle, sondern Gelassenheit. Dieser Frieden ist ansteckend. Er verändert Beziehungen, schafft Vertrauen und öffnet Räume für Begegnung.

Ein Mensch, der mit sich selbst im Frieden lebt, verändert seine Umgebung. Er muss nicht ständig recht haben, nicht glänzen, nicht kämpfen. Er hört zu, statt zu urteilen. Er begegnet anderen mit Offenheit, weil er sich selbst nicht mehr verteidigen muss.

Frieden mit sich selbst ist kein Ziel, das erreicht und abgeschlossen wird. Es ist ein Weg, der immer wieder neu beginnt – in jedem Moment, in jeder Entscheidung, in jeder Begegnung mit sich selbst.

Und vielleicht – ganz leise – wächst daraus ein Frieden, der bleibt. Einer, der nicht nur beruhigt, sondern heilt. Einer, der die Sehnsucht nicht verdrängt, sondern erfüllt. Auch mitten im Lichterglanz und den leeren Worten der Weihnachtszeit. Ein Friede, der aus dem Inneren strahlt und auch andere erwärmt, weil die richtigen Lehren aus der alten, originalen Weihnachtsgeschichte einen Weg in unser Herz und Denken gefunden haben.

Mir gefällt, wie es der Liederschreiber Manfred Siebald so trefflich formuliert hat: „Friede sei mit dir. Der tiefe Friede, den wir nicht verstehen, der wie ein Strom in unser Leben fließt, der Wunden heilen kann, die wir nicht sehen, weil es Gottes Frieden ist.“

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Autor: Günther Maurer

Über 40 Jahre als Pastor, Seelsorger und Gesundheitsberater in der Schweiz und Österreich tätig. Seine aktive Pensionszeit verbringt er zusammen mit seiner Frau in Villach (Kärnten).

Artikel-Bildnachweis: Popartic - gettyimages.de