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03.09.2026

Wir haben viel mehr gemeinsam, als uns trennt

Vor einigen Monaten habe ich im Rahmen einer TV-Sendung ein Interview mit einer Journalistin geführt. Sie hatte mit Menschen gesprochen, die die AfD wählen ...

... oder überlegen, das zu tun. Auch Leserinnen und Lesern in Österreich und der Schweiz dürfte diese deutsche Partei ein Begriff sein. Sie ist sehr umstritten, und vielleicht sollte man als christlicher Sender die Finger davon lassen. Aber da die AfD aktiv versucht unter Christen Wählerstimmen zu ergattern, wollten wir dieses Thema nicht komplett ignorieren. Ziel der Journalistin und auch des Interviews war es, zuzuhören und zu verstehen, was Menschen mit anderen Meinungen als der eigenen bewegt.

Trotzdem hat die Sendung Debatten ausgelöst. Eine Zuschauerin, nennen wir sie Frau P., ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Über das Kontaktformular schrieb sie: „Heute sah ich auf ihrem Sender eine junge Frau sprechen, und zwar über Politik, genauer gesagt, machte sie die AfD dermaßen schlecht, dass ich wieder abgeschaltet habe.“

Im weiteren Verlauf der Nachricht verlangte Frau P. eine Erklärung, warum diese Journalistin auftreten und ihre Meinung präsentieren durfte. Man spürte die Empörung und Wut über dieses, aus ihrer Sicht zu negative, Interview. Wahrscheinlich steckt dahinter eine lange Geschichte von Frustration und Empörung; von dem Gefühl als gläubige Christin im besten Fall nicht gesehen und im schlechtesten Fall benachteiligt zu werden.

Das Ergebnis war, dass Frau P. sich innerlich verschlossen hat. Sie hörte wenige Sätze, ein paar Schlüsselworte, die sie negativ berührten und wollte sich diesem schlechten Gefühl nicht aussetzen. Also schaltete sie ab. Zum Glück gehörte sie zu den Menschen, die ihre Enttäuschung auch kommunizieren und so erfuhren wir davon.

Versuch der Einordnung

Als zuständiger Redakteur antwortete ich Frau P. und bat Sie, doch in der Mediathek die Sendung in ihrer Gesamtheit anzusehen. Denn nach dem Interview folgte direkt ein Kommentar von mir, in dem ich versucht habe, die besprochenen Informationen aus christlicher Sicht einzuordnen. Ich habe dafür viele Stunden recherchiert und geschrieben und finde diesen Beitrag bis heute sehr durchdacht. Leider sah Frau P. das nicht so. Sie war, nachdem sie das gesamte Interview gesehen hatte, so geladen, dass sie meiner Einordnung nichts Positives abgewinnen konnte. Ihre Antwortmail war eine Tirade gegen die „Altparteien“ in Deutschland, über den Niedergang unserer Zivilisation, gegen den Islam und die Migranten, gegen die Heuchlerei der Parteien, die den Buchstaben C im Namen haben. Eine DIN-A4 Seite, mit vielen fett gedruckten Worten, voller Polemik, Ironie und Aggression. Es war nicht leicht, das zu lesen. Viele Formulierungen „triggerten“ mich und machten mich wütend.

Ein Schlussstrich?

Ich hatte eigentlich überhaupt keine Lust mehr, diese E-Mail-Diskussion weiterzuführen. Wenn überhaupt, dann wollte ich ihre unlogischen, vereinfachten Argumente entkräften und ihre Ironie mit gleicher Münze zurückzahlen. Zynismus ist mein zweiter Vorname. Sie hatte keine Ahnung, mit wem sie sich angelegt hat. Stattdessen schrieb ich ihr folgende Zeilen:

„Liebe Frau P.,
vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich spüre, dass Ihnen das Thema sehr nahe geht, und es tut mir leid, wenn diese Sendung bei Ihnen negative Emotionen hervorgerufen hat. Mir geht es auch oft so, wenn ich mit anderen Meinungen konfrontiert werde. Auch in meiner Herkunftsfamilie gibt es das ganze Spektrum an politischen Positionen. Was ich selbst gerade lerne, und was wir auch mit dieser Sendung vermitteln wollten, ist: wir müssen diese Gefühle erkennen und einordnen, damit sie nicht das Gespräch verhindern.

Wenn ich Ihre E-Mail lese, muss ich das auch tun. Tief Luftholen, innerlich die Mauer runterfahren, mein Herz weich machen, den Menschen sehen. Sie sind ein gläubiger Mensch, der das Beste für seine Mitmenschen will. Ich bin ein gläubiger Mensch, der das Beste für seine Mitmenschen will. Wir haben viel mehr gemeinsam, als uns trennt.“

Beistand von oben

Heute, ein paar Monate später, wundere ich mich selbst über diese Worte. Das kam nicht nur aus mir selbst. Da hatte ich Beistand von oben. Denn was ich hier praktiziert habe, geht mir eigentlich total gegen den Strich. Ich bin keiner, der Konflikte ausdiskutieren will. Ich brauche keine Klärung, will nicht besser verstehen. Fragen Sie meine Frau: Ich gehe Konflikten lieber aus dem Weg. Es gibt für mich kein Problem, das man nicht durch ignorieren lösen könnte. ;-)

Sicherlich geht es mir da ähnlich wie Frau P. – ich will die negativen Gefühle vermeiden, die eine Konfrontation mit sich bringt. Ich will keinen Stress, will meine Meinung nicht hinterfragen müssen, will nicht, dass mein Weltbild ins Wanken gerät. Das geht uns allen so, ist einfach menschlich und vermutlich auch keine neue Entwicklung. Was in unserer digitalen Gesellschaft neu ist, ist die Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen, sich zu distanzieren.

Am Wochenende las (und betrachtete) ich eine Reportage über das thüringische Dorf Berka. Fotos aus über 70 Jahren waren da zu sehen. Und auch das Auseinanderdriften der Menschen. Was früher eine Dorfgemeinschaft war, ist heute zerfallen. Zuerst kam nach der Wende der Rückzug ins Private, dann ins Digitale. Ich will nicht die gute alte Zeit romantisieren, oder die Probleme des Miteinanders in Dörfern klein reden. Aber fest steht: wenn man nur die 100 Menschen um sich hat, ohne Medien, ohne Mobilität, dann ist es fast unmöglich, anderen Meinungen aus dem Weg zu gehen. Und es ist auch sehr schwierig, den Menschen hinter der Meinung zu vergessen. Selbst der größte „Depp“ muss respektiert werden, wenn er mit der Freiwilligen Feuerwehr das Haus der eigenen Oma gelöscht hat.

Nichts Verbindendes mehr

Wenn mir derselbe Mensch mit seiner unsäglichen Meinung heute in den Instagram-Kommentaren über den Weg läuft, dann gibt es nichts Verbindendes mehr. Deshalb tue ich mir das nicht mehr an. Ich scrolle schnell weiter, blockiere und begebe mich immer tiefer in eine Blase hinein in der alle meiner Meinung sind. Durch die Bildschirme, die uns voneinander trennen, driften wir als Gesellschaft auseinander. Wir verlernen das Zuhören und das Diskutieren.

Doch es ist nötig zu verbinden, statt zu spalten. Auch ich möchte nicht in einer Welt leben, in der man einander nichts mehr zu sagen hat. Wie soll denn die Botschaft der Hoffnung zu allen Menschen durchdringen, wenn wir in Schubladen denken und inhaltliche Schauklappen tragen. Deshalb habe ich bei Frau P. versucht, ihre Seite zu sehen und meine Empörung heruntergeschluckt. Und ihre Antwort, war es absolut wert:

„Lieber Herr Fockner,

vielen herzlichen DANK für das tiefe Luftholen, das Herz weich machen usw. beim Lesen meiner Mail. Deswegen konnten Sie so freundlich und verständnisvoll antworten. Mit dem "Gefühle erkennen und einordnen" haben Sie bereits mehr Übung als ich ... ich übe noch ... ich wäre gerne schon weiter ...

[…]

Ich bin so dankbar, dass ich auch wissen darf, daß ER mir nichts nachträgt, wenn ich mal wieder zu menschlich re-agiere ... sozusagen vergesse, WER am Ruder sitzt und letztlich nur gute Pläne für uns alle hat. Deshalb jetzt noch einmal ein DANKESCHÖN für Ihre freundliche und verständnisvolle Art! Gottes reichen Segen auch für Sie und alle Ihre Kollegen. Es ist schön, dass es Sie, bzw. Ihren Sender, gibt.“

Was für ein Geschenk! Was für ein Unterschied zu den ersten Nachrichten. Das habe nicht ich geschafft, auch wenn Frau P. mir dafür dankt. Das haben wir gemeinsam geschafft. Sie ist den gleichen Weg gegangen wie ich. Wir haben danach noch ein paar weitere E-Mails ausgetauscht. Auch über schwierige Themen. Aber alles unter der Voraussetzung, dass wir einander respektieren und wertschätzen. Ich hoffe, dass es mir noch oft und immer öfter gelingt, so auf Menschen mit anderen politischen, moralischen oder spirituellen Ansichten zuzugehen. Wir sind alle von Gott geliebt. Uns verbindet viel mehr, als uns trennt.

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Autor: Sven Fockner

Jahrgang 77, arbeitet als Produzent und Redakteur bei Hope TV. In seiner Freizeit versucht er seinen beiden Söhnen auf dem Mountainbike hinterher zu kommen.

Artikel-Bildnachweis: Vuk Saric - gettyimages.de