Artikel zum Thema "Leben"

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03.09.2026

Wenn Worte wieder Brücken bauen

Markus und Lisa sind seit zehn Jahren verheiratet. Wenn man sie beobachtet, merkt man bald, wie respektvoll und achtsam die beiden Eheleute miteinander umgehen.

Dahinter steckt intensive Beziehungsarbeit. Claudia Flieder führte ein Interview mit ihnen und bat sie, von ihrem Weg zu einem liebevollen Miteinander zu erzählen.

 

Claudia: Markus, Lisa, wenn ihr heute über eure Ehe sprecht, klingt vieles sehr harmonisch. War das immer so?

Lisa: Nein, überhaupt nicht. Nach außen hat wahrscheinlich niemand viel gemerkt. Wir waren freundlich, haben funktioniert, waren in der Kirche aktiv und haben unsere Aufgaben erledigt. Aber zu Hause wurde es immer stiller. Nicht friedlich still, sondern schwer still. Wir haben vieles nicht mehr ausgesprochen, weil wir Angst hatten, dass es wieder in Streit endet.

Markus: Ich habe damals gedacht: Wenn ich nichts sage, bleibt wenigstens Ruhe. Aber in Wirklichkeit wurde dadurch nichts besser. Ich zog mich zurück, Lisa fühlte sich allein gelassen, und irgendwann lebten wir eher nebeneinander als miteinander.

 

Claudia: Worum ging es in euren Konflikten?

Lisa: Oberflächlich um Alltägliches: Haushalt, Zeit, Geld, Familie, Termine. Aber darunter lag etwas Tieferes. Ich hatte oft das Gefühl, Markus hört mir nicht wirklich zu. Er suchte sofort Lösungen oder erklärte mir, warum ich etwas nicht so sehen sollte. Ich wollte aber erst einmal verstanden werden.

Markus: Und ich fühlte mich ständig kritisiert. Wenn Lisa sagte: „Du bist so wenig da“, hörte ich: „Du bist kein guter Mann.“ Dann ging bei mir innerlich sofort die Verteidigung hoch. Ich wollte beweisen, dass ich mich doch bemühe. Dadurch habe ich aber gar nicht mehr gehört, was sie eigentlich sagen wollte.

 

Claudia: Wann habt ihr gemerkt, dass ihr Hilfe braucht?

Lisa: Es gab einen Abend, an dem wir wegen einer ganz banalen Sache gestritten haben. Am Ende saßen wir schweigend am Küchentisch. Ich weiß noch, dass ich dachte: So kann es nicht weitergehen. Nicht, weil keine Liebe mehr da war, sondern weil wir keinen Weg mehr zueinander fanden.

Markus: Wir hatten beide gebetet, aber jeder eher für sich: „Gott, verändere den anderen.“ Irgendwann wurde mir klar, dass das kein besonders demütiges Gebet war. Ich musste lernen zu fragen: „Herr, zeig mir meinen Anteil.“

 

Claudia: Wie seid ihr dann zur Paartherapie gekommen?

Lisa: Eine Freundin sagte sehr vorsichtig zu mir: „Manchmal ist Hilfe von außen kein Zeichen von Scheitern, sondern von Verantwortung.“ Das hat mich getroffen. Ich hatte lange gedacht, als Christen müssten wir das alleine schaffen. Aber warum sollten wir bei körperlichen Problemen zum Arzt gehen und bei seelischen und beziehungsmäßigen Verletzungen keine Hilfe annehmen?

Markus: Ich war zuerst skeptisch. Ich hatte Angst, dass ich dort als der Schuldige dastehe. Aber unsere Therapeutin hat von Anfang an deutlich gemacht: Es geht nicht darum, einen Gewinner und einen Verlierer zu finden. Es geht darum, einander wieder zu verstehen.

 

Claudia: Was war der wichtigste Schritt?

Lisa: Zuhören. Wirklich zuhören. Nicht nur warten, bis der andere fertig ist, damit man selbst antworten kann. Sondern versuchen zu begreifen: Was fühlt mein Partner gerade? Welche Angst steckt dahinter? Welche Sehnsucht?

Markus: Unsere Therapeutin ließ uns oft wiederholen, was der andere gesagt hatte. Am Anfang kam mir das künstlich vor. Lisa sagte etwas, und ich musste antworten: „Ich habe gehört, dass du dich allein fühlst, wenn ich mich zurückziehe.“ Erst danach durfte ich sagen, wie es mir geht. Das hat uns gebremst. Und genau dieses Bremsen war heilsam.

 

Claudia: Warum?

Markus: Weil ich merkte, dass Lisa mich nicht zerstören wollte. Sie wollte mir ihr Herz zeigen. Und Lisa merkte, dass mein Rückzug nicht Gleichgültigkeit war, sondern Überforderung. Das entschuldigt nicht alles, aber es hat vieles verständlicher gemacht.

Lisa: Für mich war auch wichtig, aussprechen zu dürfen, was lange in mir war. Nicht als Vorwurf, sondern ehrlich. Ich musste lernen zu sagen: „Ich fühle mich verletzt“, statt: „Du machst immer …“ Das klingt klein, aber es verändert den Ton.

 

Claudia: Welche Rolle spielte Respekt?

Lisa: Eine große. Respekt bedeutet für mich heute nicht nur, höflich zu bleiben. Respekt bedeutet, den anderen nicht auf seine Schwächen zu reduzieren. Markus ist nicht „der, der nie zuhört“. Und ich bin nicht „die, die immer kritisiert“. Wir sind beide Menschen mit Geschichte, Prägung, Verletzlichkeit und Sehnsucht nach Liebe.

Markus: Ich habe gelernt, dass Respekt auch heißt, Lisas Empfinden ernst zu nehmen, selbst wenn ich es zuerst nicht nachvollziehen kann. Früher wollte ich oft entscheiden, ob ihr Gefühl berechtigt ist. Heute weiß ich: Ihre Gefühle sind nicht mein Gegner. Sie sind ein Fenster in ihr Herz.

 

Claudia: Und der Glaube an Gott?

Markus: Ohne unseren Glauben hätten wir wahrscheinlich weniger Hoffnung gehabt. Nicht, weil Christen automatisch bessere Ehen führen. Das stimmt nicht. Aber unser Glaube hat uns daran erinnert, dass Veränderung möglich ist. Gott gibt Menschen nicht auf. Also wollten wir einander auch nicht vorschnell aufgeben.

Lisa: Mir hat besonders geholfen, dass Gott uns mit Wahrheit und Gnade begegnet. Wahrheit heißt: Wir mussten ehrlich hinsehen. Gnade heißt: Wir mussten nicht darin stecken bleiben. In der Therapie gab es Momente, in denen es weh tat. Aber ich hatte das Gefühl, Gott führt uns nicht in die Wahrheit, um uns zu beschämen, sondern um uns freizumachen.

 

Claudia: Gab es konkrete geistliche Schritte?

Lisa: Wir haben wieder angefangen, miteinander zu beten. Nicht lange und nicht perfekt. Manchmal nur ein Satz: „Gott, hilf uns, freundlich zu bleiben.“ Oder: „Zeig uns, was der andere gerade braucht.“ Das hat die Atmosphäre verändert.

Markus: Und ich habe aufgehört, Gebet als Ersatz für Gespräche zu benutzen. Früher dachte ich manchmal: Ich bete darüber, also muss ich es nicht ansprechen. Heute sehe ich: Gebet kann mir Mut geben, das Richtige auszusprechen. Aber es nimmt mir nicht die Verantwortung ab, zuzuhören, mich zu entschuldigen oder etwas zu ändern.

 

Claudia: Was hat sich heute verändert?

Lisa: Wir streiten immer noch. Aber anders. Nicht mehr so verletzend. Wir merken schneller, wenn wir in alte Muster rutschen. Dann halten wir inne. Manchmal sagen wir sogar: „Stopp, ich glaube, wir hören gerade beide nicht mehr zu.“

Markus: Wir haben gelernt, Konflikte nicht als Beweis zu sehen, dass unsere Ehe schlecht ist. Konflikte zeigen, wo etwas Aufmerksamkeit braucht. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen.

 

Claudia: Was würdet ihr anderen Paaren raten?

Markus: Wartet nicht, bis alles zerbrochen ist. Hilfe anzunehmen ist keine Niederlage. Es kann ein Ausdruck von Liebe sein.

Lisa: Und redet nicht nur über Probleme, wenn ihr schon erschöpft seid. Schafft Zeiten, in denen ihr einander wirklich fragt: „Wie geht es dir mit uns?“ Das braucht Mut, aber es baut Nähe.

 

Claudia: Wie würdet ihr eure Erfahrung in einem Satz zusammenfassen?

Lisa: Heilung begann, als wir aufgehört haben, gegeneinander zu kämpfen, und angefangen haben, einander zuzuhören.

Markus: Und ich würde hinzufügen: Gott hat unser Reden nicht ersetzt. Aber er hat uns geholfen, wieder so zu reden, dass Liebe hörbar wurde.

 

Claudia: Vielen Dank für das Gespräch!

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Autor: Claudia Flieder

Chefredaktion, Hope Magazin

Artikel-Bildnachweis: kamisoka - gettyimages.de