Artikel zum Thema "Zeichen der Zeit"

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03.09.2026

Vergebung: Der Weg in die Freiheit

Als Kind hörte ich oft die Geschichte meines Vaters. Er hatte einen Bruder (9 Jahre älter), der ihn häufig geärgert und manchmal sogar geschlagen hat.

Irgendwann nahm er sich vor: „Eines Tages werde ich groß sein und mich rächen.“ Später kam es zwar nicht zu einer körperlichen Rache, aber die Verletzungen verschwanden nicht.

Irgendwann zog mein Onkel sogar auf einen anderen Kontinent. Man hätte meinen können, dass die Distanz die alten Konflikte verblassen lassen würde. Die unausgesprochenen Verletzungen prägten jedoch weiterhin unsere Familie. Trotz Abwesenheit konnte man die Spannung manchmal spüren: in Gesprächen, in Erinnerungen und in den Reaktionen aufeinander.

Schon früh wurde mir dadurch bewusst, dass ungelöste Konflikte selten nur zwei Menschen betreffen. Sie beeinflussen Familien, Beziehungen und manchmal sogar die nächste Generation.

Die zerstörerische Kraft der Unversöhnlichkeit

Als Seelsorger begegnet mir dieses Thema immer wieder. Hinter vielen Gesprächen über zerbrochene Beziehungen, familiäre Konflikte, Eheprobleme oder innere Belastungen steht letztlich dieselbe Frage: Wie gehen wir mit Schuld und Verletzungen um? Wo Vergebung fehlt, bleiben Wunden oft nicht folgenlos. Beziehungen zerbrechen, Familien werden gespalten und nicht selten wächst daraus eine Bitterkeit, die Menschen über Jahre begleitet. Vergebung ist deshalb weit mehr als ein moralisches Ideal.

Jesus spricht deshalb immer wieder über Vergebung. Petrus, einer seiner engen Vertrauten fragte einmal: „Wie oft soll ich meinem Bruder vergeben? Bis siebenmal?“ Das klingt aus heutiger Sicht nicht besonders großzügig, aber aus damaliger schon. Denn in den jüdischen Traditionen wurde häufig gelehrt, dass man einem Menschen bis zu dreimal vergeben solle und beim vierten Mal sei die Grenze erreicht. [Hermann L. Strack und Paul Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch (München: C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung Oskar Beck, 1922–1926), 796.]
Mit seinem Vorschlag geht Petrus also über das doppelte hinaus und wähnt sich als großzügig! Jesus antwortet: „Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“ Er sprengt so diese Taktik aus Zahlenberechnungen, weil er den Fokus auf eine grundsätzliche Herzenshaltung legen will, um die es bei Vergebung geht.

Eine unvorstellbare Schuld

Um seinen Punkt zu verdeutlichen, erzählt Jesus ein Gleichnis. Da gab es einen Knecht, der seinem König zehntausend Talente schuldete. Das entsprach damals einer astronomischen Summe von mehreren Milliarden Euro. Eine Schuld, die niemals zurückgezahlt werden konnte. Als der Knecht flehentlich um Geduld bittet, geschieht das Undenkbare: Der König erlässt ihm die gesamten Schulden. Kurz darauf trifft derselbe Knecht jemanden, der ihm hundert Denare (den Lohn von etwa 100 Arbeitstagen) schuldet. Im Vergleich zum eigenen Schuldenberg ist das fast nichts. Dennoch packt er seinen Schuldner hart am Hals, droht ihm und fordert die Rückzahlung.

Die Botschaft ist klar: Wer selbst unermessliche Gnade empfangen hat, kann nicht gleichzeitig unbarmherzig gegenüber anderen bleiben. Wir Menschen leben in einer imperfekten Welt und laden auf die eine oder andere Weise zwangsläufig Schuld auf uns, die wir niemals selbst begleichen könnten. Und genau hier offenbart sich Gottes Herz. Er vergibt uns nicht nur einen Teil oder bietet eine Ratenzahlung an. Er erlässt alles. Weil Gott möchte, dass wir Menschen ein Leben in Fülle haben, bezahlt er lieber selbst den Preis, als den Menschen verloren gehen zu lassen.

Was Vergebung nicht bedeutet

Viele Menschen tun sich schwer damit zu vergeben, weil sie befürchten, damit das Erlebte zu verharmlosen. Doch Vergebung bedeutet nicht, so zu tun, als wäre nichts passiert. Sie redet den Schmerz nicht klein und bedeutet auch nicht, das Verhalten des anderen gutzuheißen oder zu entschuldigen.

Vergebung bedeutet auch nicht, dass Vertrauen automatisch wiederhergestellt wird. Vertrauen braucht Zeit und muss oft neu wachsen. Manchmal gehören dazu klare Grenzen und Konsequenzen. Versöhnungbeschreibt die Wiederherstellung einer Beziehung und setzt die Bereitschaft beider Seiten voraus. Vergebungkann einseitig geschehen. Sie beginnt im Herzen desjenigen, der vergibt.

Im Kern bedeutet Vergebung, auf Vergeltung zu verzichten und die Sache Gott zu überlassen. Sie löst den Griff, mit dem wir den anderen innerlich festhalten, und gibt das Recht auf Rache aus der Hand. Damit befreit Vergebung zunächst nicht den Schuldigen, sondern denjenigen, der vergibt. Sie eröffnet einen Weg aus Bitterkeit und Hass hin zu innerer Freiheit.

Der Weg zur Freiheit

Vielleicht tragen auch Sie Verletzungen mit sich herum. Vielleicht wurden Sie enttäuscht, betrogen oder ungerecht behandelt. Manche Wunden heilen schnell, andere begleiten uns über Jahre hinweg.

Vergebung macht die Vergangenheit nicht ungeschehen. Aber sie kann verhindern, dass das Erlebte dauerhaft die Kontrolle über unser Leben behält. Wer vergibt, entscheidet sich, die eigene Zukunft nicht von den Verletzungen der Vergangenheit bestimmen zu lassen.

Das ist kein leichter Weg. Oft geschieht er Schritt für Schritt. Doch vielleicht liegt genau darin die Kraft der Vergebung. Sie durchbricht den Kreislauf von Schmerz und Bitterkeit und eröffnet die Möglichkeit für etwas Neues. Nicht jede Beziehung kann gerettet werden und nicht jede Wunde verschwindet. Aber manchmal beginnt Heilung genau dort, wo ein Mensch sich bereit erklärt loszulassen.

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Autor: Stefan Mayr Wandersleben

... ist leidenschaftlicher Pastor in Lüneburg und liebt es, Menschen durch Predigten für Jesus zu begeistern. Gemeinsam mit seiner Frau Jennifer genießt er sein Zuhause, das für ihn ein Ort der Ruhe, des Lachens und des Ankommens ist. Aktuell arbeitet er an seiner „Karriere“ als Rasenexperte.

Artikel-Bildnachweis: miodrag ignjatovic - gettyimages.de